Kennen sich noch sehr gut aus gemeinsamen Formel-1-Zeiten: Timo Glock (links... - Bildquelle: ImagoKennen sich noch sehr gut aus gemeinsamen Formel-1-Zeiten: Timo Glock (links) und Ferrari-Pilot Sebastian Vettel © Imago

ran.de: Herr Glock, nur noch rund zwei Wochen, dann geht die DTM-Saison 2020 in Spa-Francorchamps nach der Corona-Pause endlich los. Wie sehr kribbelt es schon bei Ihnen?

Timo Glock: Ich bin natürlich schon sehr happy, wir haben ja alle lange genug auf diesen Moment gewartet. Es ist einfach schön, wieder im Auto sitzen zu können und Spa-Francorchamps ist zum Auftakt eine absolute Highlight-Strecke. Allerdings wird es ohne Zuschauer trotz allem für uns alle ein Stück weit komisch sein.

ran.de: Inwiefern spielen die speziellen und vor allem strengen Sicherheits- und Hygienemaßnahmen wegen COVID-19 rund um die kommenden DTM-Rennen eine Rolle für Sie als Fahrer?

Glock: Das ist schon nicht ganz so einfach, wir hatten ja bereits am Nürburgring Tests unter diesen Bedingungen und da wussten wir alle zum Teil gar nicht so recht, wie wir uns begegnen sollen. Normalerweise gehe ich zu Beginn eines Tages beispielsweise immer zu meinen Mechanikern und drücke sie alle einmal ganz herzlich, doch das darf ich nun ja nicht mehr. Ich habe mir die vergangenen beiden Formel-1-Rennen in Spielberg am TV angeschaut und das ist dann schon eigenartig, wenn die Fahrer auf dem Podium ihre Pokale von einem Roboter geliefert bekommen und sowohl die Mechaniker, als auch die Medien ein Stück weit in ihrer eigenen Welt leben und diese auch nicht verlassen dürfen. Da steckt schon ein enormer Aufwand dahinter und es ist für alle eine große Umstellung. Aber so sind aktuell nun einmal die Gegebenheiten und damit müssen wir zurechtkommen.

ran.de: Was gibt Ihnen Hoffnung, dass Sie in dieser Saison vielleicht doch noch irgendwann vor Fans fahren werden bzw. dürfen?

Glock: Ehrlich gesagt sehe ich das aktuell noch überhaupt nicht. Dafür ebbt die Corona-Welle einfach nicht genug ab, es gibt ja immer mal wieder neue und zum Teil regional hohe, neue Infektionen. Ich glaube, dass sich das erst deutlich stabilisieren muss, bevor wir wieder über Zuschauer auf den Tribünen nachdenken können. Aber ich würde mir natürlich wünschen, dass es in dieser Saison doch noch irgendwann Realität wird.

ran.de: Wie gut sehen Sie sich und Ihr Team für den Saisonstart gerüstet? Wie fühlt sich das Auto in den bisherigen Tests an?

Glock: Das Auto hat sich sehr gut angefühlt, die Tests liefen alle reibungslos ab und ich habe das Gefühl, dass wir einen Schritt nach vorne gemacht haben. In den kommenden Wochen und Monaten wird sich zeigen, ob das für Audi reicht. Sie waren ja bereits im vergangenen Jahr sehr schnell unterwegs, haben oft dominiert. Diese Lücke wollen wir unbedingt schließen, Audi in der kommenden Saison Paroli bieten.

ran.de: DTM-Boss Gerhard Berger meinte im ran.de-Interview in der vergangenen Woche, dass BMW und Audi aus seiner Sicht in den bisherigen Tests auf Augenhöhe unterwegs waren. Wie ist Ihr Eindruck?

Glock: Stimmt, es machte zumindest wirklich so den Eindruck. Und ich hoffe ehrlich gesagt auch, dass wir tatsächlich auf Augenhöhe sind. Allerdings müssen wir das dann auch auf die Strecke bringen. Bei den Tests weiß man ja nie so recht, wer mit welchen Zusatzgewichten oder Ähnlichem fährt, so dass die Zeiten zum Teil nicht zu einhundert Prozent aussagekräftig sind. Aber ich bin schon guter Hoffnung.

ran.de: Berger zählte Sie sogar zum Favoritenkreis in der kommenden Saison ...

Glock: Das freut mich natürlich (lacht). Aber ich würde ehrlich gesagt jeden Fahrer zum Favoritenkreis zählen, da die DTM so unheimlich eng beisammen ist. Aber klar, ich persönlich habe sowohl 2017 als auch 2018 gezeigt, dass ich ganz vorne um die Meisterschaft mitfahren kann. 2019 war dagegen ein totales Seuchenjahr, da ging wirklich alles schief, was schief gehen konnte.

ran.de: Ein ehemaliger Konkurrent von Ihnen aus der Formel 1 kann von Favoritenkreisen aktuell nur träumen: Sebastian Vettel. Wie schätzen Sie als ehemaliger Fahrer dieser Rennserie und vor allem enger Beobachter die aktuelle Situation des Heppenheimers ein?

Glock: Für Sebastian ist dieses Jahr natürlich das absolute Worst-Case-Szenario eingetreten, ein totaler Einbruch im Vergleich zum letzten Jahr, als man Mercedes wenigstens noch ein bisschen unter Druck setzen konnte. Das liegt aber nicht in seiner Hand, sondern in der von Ferrari. Sie haben ihm ein Auto gebaut, dass im Schnitt rund Acht-Zehntel langsamer ist als letztes Jahr. Da zeigt sich, dass Ferrari im vergangenen Jahr die Grauzone wohl schon sehr weit ausgedehnt hat.

ran.de: Als Zuschauer hat man das Gefühl, dass es bei Vettel und Ferrari in dieser Saison nur noch um Schadensbegrenzung geht ...

Glock: Das sehe ich ähnlich, sie haben überhaupt keine Chance, die Lücke zu den Top-Teams zu schließen. Da wird sich mittelfristig intern bei Ferrari etwas ändern müssen, vielleicht auch in der Teamführung – denn bislang war das aus meiner Sicht ein Satz mit X. Sie machen zwischendurch vielleicht immer mal wieder kleine Schritte nach vorne, aber dass sie beispielsweise auf der Geraden 12 km/h langsamer sind, als Mercedes, das ist schon erstaunlich und lässt aufhorchen. Und wenn man es gleichzeitig selbst mit DRS-Nutzung nicht schafft, ein Auto ohne DRS zu überholen, ist das schon extrem.

ran.de: Nun soll ja bereits feststehen, dass Vettel im kommenden Jahr für Aston Martin fahren wird. Was würden Sie von dieser Kombination halten?

Glock: Wenn man sich das Auto von Racing Point und ab dem kommenden Jahr dann Aston Martin anschaut, dann wäre das sicherlich kein allzu schlechter Deal. Zumal ab 2021 dann ja auch Toto Wolff, der aktuelle Mercedes-Motorsportchef, involviert sein wird. Dadurch könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, dass Sebastian für ein, zwei Jahre bei Aston Martin fährt, sich derweil die Entwicklungen um Lewis Hamilton bei Mercedes anschaut, und wenn sich eine Möglichkeit ergeben sollte, noch einmal zu den Silberpfeilen wechselt. Das wäre eine Variante.

ran.de: Die andere?

Glock: Er fährt noch ein, zwei Jahre für Aston Martin und kauft sich dann dort ein, um das Team weiterzuentwickeln. Ich persönlich glaube aber, dass Sebastian insgeheim noch darauf hofft, für die Saison 2021 bei Red Bull unterzukommen – auch, wenn die Tür von den Verantwortlichen in der Öffentlichkeit bereits zugeschlagen wurde. Das könnte auch ein Manöver sein, um die Medien abzulenken und hinter den Kulissen in Ruhe zu verhandeln. Sebastian hat dort seine Formel-1-Karriere begonnen und somit würde sich für ihn ein Kreis schließen. Ich glaube solche Wechsel immer erst, wenn ich es schwarz auf weiß sehe.

ran.de: Gerhard Berger meinte in Gespräch mit uns, dass Vettel ein Auto braucht, mit dem er um seinen fünften WM-Titel fahren kann - er wünsche ihn definitiv nicht einen Wechsel zu einem Team, mit dem er nur noch im Mittelfeld unterwegs ist. Wie ist Aston Martin in diesem Zusammenhang einzuschätzen?

Glock: Aston Martin ist schon schnell unterwegs, es stellt sich nur die Frage, ob sie das Tempo ihrer bisherigen Entwicklung so weitergehen können - sie sind ja unter dem Strich ein kleines Team. Allerdings haben sie natürlich schon finanzkräftige Partner an Bord, da bleibt eben nur die Frage, wo die Reise hingeht. Red Bull hingegen ist aus meiner Sicht immer ein WM-Kandidat - wobei ich aktuell eigentlich nur Mercedes mit seiner Dominanz als wirklichen und ernsthaften Kandidaten für eine Weltmeisterschaft sehe (lacht). Aber trotz allem: Red Bull wäre für Sebastian aus meiner Sicht die sicherere Variante.

ran.de: Sie kennen Sebastian Vettel ja auch persönlich sehr gut - wäre denn für ihn nicht auch ein Karriereende vorstellbar gewesen? Sportlich hat er doch eigentlich alles erreicht ...

Glock: Ich glaube, dass ein Karriereende nie wirklich zur Diskussion stand, dafür befindet sich Sebastian in zu intensiven Gesprächen und vermittelt so den Eindruck, dass er noch Spaß hat und unbedingt weiterfahren möchte.

ran.de: Was treibt so jemanden wie Vettel noch an?

Glock: Die Leidenschaft zum Sport, das zu tun, was man liebt. Ein Lewis Hamilton hat ja beispielsweise auch schon alles erreicht, strebt aber immer noch nach Erfolg. Und so ist das bei Sebastian eben auch.

ran.de: Wenn wir zum Schluss noch einmal auf die DTM schauen: Was macht Ihnen Mut, dass Sie 2020 nicht noch einmal so ein Seuchenjahr erleben wie in der vergangenen Saison?

Glock: Weil ich im letzten Jahr wirklich alles mitgenommen habe, was es gibt. Was soll da also noch Schlechtes kommen(lacht)?

ran.de: Aktuell wird ja auch immer wieder die Zukunftsfrage der DTM gestellt. Inwieweit beschäftigen Sie sich als Fahrer mit dieser Thematik?

Glock: Das lässt einen natürlich nicht kalt, man beobachtet das alles sehr genau, keine Frage. Ich würde auch gerne helfen, bin aber leider nicht in der Position, Entscheidungen zu treffen. Ich hoffe einfach, dass Gerhard Berger es schafft, die DTM zu retten, weil es ansonsten aus meiner Sicht dramatisch für den Motorsport in Deutschland wäre.

ran.de: Aber nicht nur für den Motorsport, sondern sicherlich auch für den deutschen Renn-Nachwuchs ...

Glock: Absolut. Die Corona-Krise hat den Motorsport und somit automatisch auch den Nachwuchs aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation hart getroffen. Sponsoren oder auch andere Partner überdenken ihr finanzielles Engagement aktuell drei Mal, bevor sie irgendwas investieren. Ich glaube, dass sich das leider auch erst dann ändern wird, wenn irgendwann wieder eine gewisse Normalität einkehrt und die Wirtschaft sich ein wenig erholt hat.

Das Interview führte: Dominik Hechler

Du willst die wichtigsten Sport-News, Videos und Daten direkt auf Deinem Smartphone? Dann hole Dir die neue ran-App mit Push-Nachrichten für die wichtigsten News Deiner Lieblings-Sportart. Erhältlich im App-Store für Apple und Android.

News-Ticker

Video-Tipps

NFL-Ergebnisse

Aktuelle Galerien