Daniel Abt: Seit Saison 1 dabei. - Bildquelle: imago images/Motorsport ImagesDaniel Abt: Seit Saison 1 dabei. © imago images/Motorsport Images

ran.de: Daniel Abt, Saison 6 steht vor der Tür, Sie sind von Anfang an dabei. Wie hat sich die Serie in den Jahren verändert?

Daniel Abt: Sie hat sich enorm verändert. Am Anfang wusste keiner so richtig, ob es den Leuten gefällt, ob es Sinn macht, in der Motorsport-Szene ernst genommen und am Ende erfolgreich sein wird. Aber Jahr für Jahr hat sich die Wahrnehmung verändert, die Akzeptanz ist in allen Bereichen gewachsen. Die Formel E ist inzwischen auf einem anderen, auf einem höheren Niveau mit einer großen Hersteller-Dichte, Top-Fahrern und tollen Strecken. Es ist gigantisch, was in der kurzen Zeit alles passiert ist.

ran.de: Ist sie Ihrer Meinung nach auf dem richtigen Weg?

Abt: Es hätte sich vor fünf Jahren kaum jemand vorgestellt, dass die Formel E mal so aussieht wie sie es jetzt tut. Natürlich gibt es immer Dinge, die noch verbessert werden müssen und sie befindet sich immer noch im Aufbau. Aber der Weg ist der richtige, man hat mit der Technologie den Puls der Zeit getroffen. Auch mit dem Rennformat ist man den richtigen Weg gegangen. Aber: Es muss weiter an dem Thema gearbeitet werden, damit noch mehr Zuschauerinteresse entsteht und die Serie noch mehr Mainstream wird.

ran.de: Was müsste verbessert werden?

Abt: Die TV-Präsenz müsste noch weiter ausgebaut werden, um medial einen Sprung nach vorne zu schaffen. Wir müssen noch mehr stattfinden, um ein noch breiteres Publikum anzusprechen. Vom Sport her ist es ein sehr gutes Produkt, das funktioniert.

ran.de: Gibt es noch weitere Möglichkeiten, um noch mehr Fans anzulocken?

Abt: Über die sozialen Medien. Das passiert aber nicht von heute auf morgen, im Motorsport ist das in der heutigen Zeit kein Selbstläufer mehr. Da muss man sich bemühen und die Leute mit Inhalten versorgen, die kurzweilig sind und unterhalten und die Menschen an die Fahrer und Marken emotional binden. Dann schalten sie auch ein.

ran.de: Sie zeigen, wie das funktioniert, Sie haben einen erfolgreichen YouTube-Kanal mit knapp 300.000 Abonnenten, beim Fanboost sind Sie auch oft vorne dabei. Was ist das Erfolgsgeheimnis.

Abt: Das ist harte Arbeit und vor allem Durchhaltevermögen. Der Status Quo ist sehr cool, aber auch ich habe mal lange geknabbert, um überhaupt mal auf 10.000 Abonnenten zu kommen. Viele Fahrer probieren es, machen drei Videos, die keiner anschaut und dann ist das Thema schon wieder gestorben. Das war bei mir am Anfang auch so, ich habe aber versucht, besser zu werden. Man muss sich reinhängen und es konsequent durchziehen.

ran.de: Wie müssen die Videos denn am besten sein: Witzig, informativ, besonders schräg?

Abt: Von allem etwas. Man kann nicht mit jedem Video jeden Fan ansprechen. Jeder will etwas anderes, und die Mischung macht da den Unterschied. Wichtig ist: Authentisch und frei Schnauze sein. Die Leute wollen keine gescripteten Dinge oder vorgesetzten Texte. Wichtig ist es auch, viel mit Menschen zu machen. Deshalb beziehe ich mein Team mit ein, weil es nicht nur um mich geht. Generell wollen die Fans das Gefühl haben, dass man auf einer Ebene steht, auf Augenhöhe miteinander spricht. Damit kann man die Leute abholen.

ran.de: Andere Serien kämpfen ums Überleben, der Formel E rennt man die Türen ein: Erklären Sie bitte mal den Boom durch die Hersteller.

Abt: Das ist ein Phänomen, das immer wieder auftritt. Hersteller sind an zwei Dingen interessiert: An einer Serie, die Relevanz hat, mit der man sich präsentieren kann. Und an einer Serie, die auch technologisch eine Relevanz hat. Momentan verändern sich die Mobilität und damit auch die Produkte der Hersteller. Da passt eine Elektro-Rennserie perfekt rein. Außerdem ist die Formel E immer noch relativ günstig dafür, was sie bietet. Klar ist auch: Es sind viele Hersteller, und natürlich will jeder gewinnen.

ran.de: Sehen Sie durch die vielen Hersteller Gefahren für die Serie, zum Beispiel was die Kosten betrifft?

Abt: Natürlich kann es sein, dass Hersteller bei ausbleibendem Erfolg irgendwann wieder einen Rückzieher machen. Und klar: Mit jedem Hersteller kommt mehr Budget, jeder versucht den anderen zu übertreffen. Natürlich wird das die Kosten in die Höhe treiben. Komplett explodieren wird es aufgrund der technischen Einschränkungen aber nicht. Und ich empfinde es auch als positiv, weil mehr Hersteller mehr Aufmerksamkeit erzeugen und die Konkurrenz auf der Strecke groß ist.

ran.de: Was hat die Formel E der Formel 1 voraus?

Abt: Das enge Racing. Auch wenn es so viele Hersteller gibt und jeder seinen Antriebsstrang selbst entwickeln kann, sind alle auf einem ähnlich hohen Niveau, dass gefühlt jedes Wochenende ein anderer Fahrer gewinnen kann. Dass man nicht zu einem Rennwochenende kommt und schon vorher weiß, dass nur vier Fahrer gewinnen können. Der Sport und die Show passen.

ran.de: Wo sehen Sie die beiden Serien in 15 Jahren?

Abt: Die Formel 1 wird ihren Stellenwert behalten, weil das über Jahrzehnte gewachsen ist. Wenn die Verantwortlichen so weitermachen und das Konservative aufgeben, werden sie das Maß der Dinge bleiben. Für die Formel E wünsche ich mir, dass sie die zweite große Serie neben der Formel 1 wird. Ich sehe das gar nicht als Konkurrenz, da die beiden Konzepte unterschiedlich sind. Ich denke, dass beide in 15 Jahren die größte Relevanz haben und sich die anderen Serien drumherum schwer tun werden.

ran.de: Mit welchen Argumenten überzeugen Sie Menschen, die E-Mobilität und die Formel E kritisieren?

Abt: Man sollte allem eine Chance geben. Bei E-Mobilität und der Formel E gab es schon im Vorfeld so viele Vorurteile, bevor man es sich überhaupt mal angeschaut hat. Man muss das wirklich einmal ausprobieren und erleben. Wenn man das eine gut findet, heißt das ja nicht, dass man das andere automatisch schlecht finden muss.

ran.de: Was können die Fans von der anstehenden Saison erwarten?

Abt: Die am härtesten umkämpfte Saison in der Geschichte der Serie. Das sagen wir zwar jedes Jahr, aber das ist wirklich wahr. Es gibt noch heftigeres Racing, spannende Rennen, coole Städte und ein Kampf bis zum letzten Rennen.

ran.de: Die Formel E ist eine der ausgeglichensten Serien: Wie holt man den Titel?

Abt: Auf jeden Fall mit Konstanz, aber das alleine reicht nicht. Du brauchst auch ein paar Highlights beziehungsweise Siege, um ganz vorne landen zu können.

ran.de: Wer sind für Sie in dieser Saison die Favoriten?

Abt: Es wäre leichter zu sagen, wer nicht dazugehört. Es ist unmöglich, das zu sagen. Es herrscht eine große Dichte an Performance. Da könnte ich drei Viertel des Feldes aufzählen.

ran.de: Wo sehen Sie sich selbst im Feld?

Abt: Das hängt von vielen Dingen ab, auch von Audi. Wir wissen im Moment noch nicht, wo wir genau stehen. Wir waren immer stark und konkurrenzfähig. Deshalb ist es der Anspruch, zu gewinnen und um den Titel zu fahren.

ran.de: Als Ihre Zukunft in der vergangenen Saison unklar war: Wie geht man als Rennfahrer damit um?

Abt: Für mich war es keine schöne Situation. Es spielt eine Komponente mit rein, wo man mehr nachdenkt im Auto. Das hat es für mich nicht besser gemacht. Ich muss meinen Job machen, konnte es aber nicht komplett ausblenden. Es ist immer schöner, wenn man fest im Sattel sitzt und sich auf die Performance konzentrieren kann.

ran.de: Die gleiche Situation droht erneut, Ihr Vertrag wurde nur um ein Jahr verlängert: Ist das belastend oder motivierend?

Abt: Weder noch. Im Moment ist das gar kein Thema. Erst einmal gilt es, einen guten Saisonstart zu erwischen. Wenn die Leistung passt, ist es sowieso kein Thema. Und wenn es aufkommt weiß ich, wie ich damit umgehen muss.

ran.de: Wie haben Sie sich in den vergangenen Jahren als Fahrer verändert?

Abt: Ich bin erwachsener geworden. Ich war sehr jung, als ich in die Formel E kam, hatte wenig Erfahrung und mein Selbstvertrauen war durch die Formel 2 im Minusbereich. Ich habe mich da herausgearbeitet und mich entwickelt, bin ein geschliffenerer Fahrer als früher.

ran.de: Sie bilden mit Lucas di Grassi seit der ersten Saison das Audi-Team: Wie kommt man so lange miteinander aus?

Abt: Keine Ahnung (lacht). Wir haben uns gut verstanden, respektiert und gegenseitig geholfen und gepusht. Wir sind jetzt auf einem Niveau, auf dem wir uns nicht viel schenken und versuchen, das Beste für das Team herauszuholen. Wir geraten auch mal aneinander, aber das kommt eher selten vor.

Das Interview führte Andreas Reiners

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