Pascal Wehrlein wurde 2015 Champion in der DTM und fuhr danach zwei Jahre in... - Bildquelle: imago images/NurPhotoPascal Wehrlein wurde 2015 Champion in der DTM und fuhr danach zwei Jahre in der Formel 1. Seit 2019 ist er in der Formel E unterwegs © imago images/NurPhoto

München - Die achte Saison der Formel E steht vor der Tür. Vom 27. bis 29. Januar findet der WM-Auftakt in Saudi-Arabien (live auf ProSiebenP7 MAXX und ran.de) statt.

Vor dem ersten Rennwochenende hat sich ran mit Porsche-Pilot Pascal Wehrlein unterhalten.

ran: Pascal Wehrlein, der Saisonstart der Formel E rückt näher. Was macht für Dich den Reiz an dieser Rennserie aus?

Pascal Wehrlein: Die Formel E ist eine mega-konkurrenzfähige Serie. Ich glaube, bei keiner anderen Serie geht es so eng zu wie bei uns. Wir haben viele Top-Hersteller dabei. Das ist Motorsport auf höchstem Niveau. Zum Saisonstart gibt es in Diriyah direkt Nachtrennen. Das ist ein Highlight. Ich finde Nachtrennen sehr spannend und die ganze Kulisse sehr cool. Ich hoffe, die Zuschauer drücken uns die Daumen. Wir werden versuchen, unseren ersten offiziellen Sieg einzufahren.

ran: In der vergangenen Saison bist Du auf Platz 11 der Fahrerwertung gelandet. Porsche belegte in der Teamwertung Platz 8. Was hast Du Dir für die bevorstehende Saison vorgenommen?

Wehrlein: Ich glaube, dass wir auf eine gute Saison aufbauen können. Wir wollen definitiv Rennen gewinnen und konkurrenzfähig sein. Es gibt ein paar Neuerungen bezüglich der Regeln. Die müssen wir sofort verstehen, außerdem natürlich Fehler vermeiden. Ich denke, dass es letzte Saison ab der Saisonmitte bereits sehr gut gelaufen ist. Darauf wollen wir aufbauen. 

ran: Welche Fahrer und Teams schätzt Du in dieser Saison besonders stark ein? Gibt es Favoriten?

Wehrlein: Ich glaube, man kann die konkurrenzfähigen Fahrer und Teams der letzten Jahre nennen. Aber es ist sehr, sehr schwer, einen klaren Favoriten zu nennen. Das ist in der Formel E nicht möglich, weil sich das extrem von Rennen zu Rennen unterscheidet und wir alle extrem eng zusammen sind. 

Wehrlein: "Freue mich auf alle Strecken"

ran: Das Qualifying-Format wurde überarbeitet. Die Piloten fahren nun ein zehnminütiges Zeittraining in zwei Gruppen. Die schnellsten Piloten bestreiten anschließend ein aus Viertel-, Halbfinale und Finale bestehendes Zeitfahren, bei dem jeweils zwei Piloten gegeneinander antreten. Wie gefällt Dir dieses Format?

Wehrlein: Ich finde diese Änderung super, weil es in den letzten Jahren immer so ein bisschen eine Lotterie war, in welcher Gruppe man startet und wie die Streckenbedingungen sind. Oftmals hatten Gruppe 1 und Gruppe 2 einen Nachteil. Vor allem die erste Gruppe, weil die Strecke dreckiger und rutschiger war. Dadurch landete man im Mittelfeld oder noch weiter hinten. Das war ein Nachteil für das Rennen. Jetzt ist es viel fairer. Ich freue mich darauf.  

ran: Gibt es bestimmte Strecken, auf die Du Dich in der Saison 2022 besonders freust?

Wehrlein: Ich freue mich auf alle Strecken, aber ganz besonders auch auf die neuen. Davon haben wir einige im Kalender. Vancouver soll cool sein, Jakarta ist natürlich auch eine Mega-Stadt. Ich bin noch nie dort gewesen. Insgesamt sind viele coole Strecken dabei. Rom ist immer ein Highlight, Monaco natürlich auch. Aber jetzt freue ich mich speziell auf das erste Rennen in Diriyah. Wir sind lange kein Rennen mehr gefahren, schon seit August nicht mehr. Daher ist die Vorfreude sehr, sehr groß.

ran: Mercedes wird nach der bevorstehenden Saison aus der Formel E aussteigen. Audi und BMW sind bereits ausgestiegen. Wie denkst Du über diese Entscheidungen?

Wehrlein: Ich denke, es ist im Motorsport ganz normal, dass Teams kommen und gehen. Es ist schade, dass nun in einem Jahr so viele ausgestiegen sind, vor allem deutsche Teams. Aber die Formel E ist trotzdem gut besetzt. Es gibt eine riesige Konkurrenz, und es kommen neue Hersteller hinzu. Das gleicht sich aus. 

ran: Die Automobilbranche entwickelt sich immer mehr Richtung E-Mobilität. Wie viel hat ein Formel-E-Auto überhaupt mit einem käuflichen E-Auto gemeinsam?

Wehrlein: Es gibt definitiv Gemeinsamkeiten. Rennautos sind immer auch ein bisschen das Testlabor für die Straßenfahrzeuge. Das Wichtigste in unseren Rennen ist die Effizienz. Das Gleiche gilt auch im Straßenverkehr. Die ganze Elektro-Technologie ist in Relation zu einem Verbrennungsmotor relativ neu. Dadurch sind riesige Sprünge möglich. Vom Motorsport wird viel gelernt.

ran: Kannst Du dir vorstellen, dass eines Tages der gesamte Motorsport elektronisch betrieben wird, die Formel E sich zur neuen Königsklasse entwickelt oder die Formel 1 elektronisch sein wird?

Wehrlein: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, es geht immer mehr in diese Richtung. Ich kann mir vorstellen, dass es in der Zukunft auch noch andere Technologien geben wird. Aber momentan geht alles in Richtung Elektroantrieb. Ich freue mich, dabei zu sein und mitzuerleben, was für Fortschritte die Technologie macht. Man sieht das in der Formel E: In den ersten Jahren musste man noch das Auto wechseln. Jetzt fahren wir ein Rennen komplett durch. Und ich bin mir sicher, das nächste Auto, also das Gen3-Auto, wird wieder einen riesigen Schritt machen.

Vom Simulator auf die Strecke

ran: In der Saisonvorbereitung hast Du, genau wie die anderen Piloten der Formel E auch, viel am Simulator gearbeitet. Wie genau sieht solch ein Arbeitstag aus?

Wehrlein: Wir haben uns am Simulator zuletzt auf die Strecke in Diriyah vorbereitet. Das beinhaltet alles von der Qualifying- bis hin zur Renn-Simulation. Wir bereiten uns zum Beispiel auf die Regeländerungen und mögliche Szenarien vor, sodass wir auf der Rennstrecke auf alles vorbereitet sind.

ran: Viele Motorsport-Fans haben zu Hause einen Rennsitz und Lenkrad, um die Spiele auf der Konsole zu spielen. Ist das mit einem Rennsimulator vergleichbar? Hast Du selber Erfahrung mit den käuflich erwerbbaren Rennsitzen?

Wehrlein: Ja, definitiv. Momentan habe ich keinen Simulator zu Hause, weil ich so viel Zeit hier bei Porsche im Simulator verbringe, dass ich das nicht auch noch zu Hause machen möchte. Unser Formel-E-Simulator ist natürlich hochprofessionell und auf unser Auto abgestimmt. Das heißt: Wir können die Daten, die wir im Simulator generieren, wirklich eins-zu-eins auf die Strecke übertragen. Wir laden auch die Daten von der Strecke in den Simulator. Wir können wirklich alles simulieren, vom Setup bis zum Wetter und dem Energieverbrauch.

ran: Warum ist das so wichtig?

Wehrlein: Wir haben nicht die Möglichkeit, uns auf der echten Rennstrecke richtig auf die Rennen vorzubereiten. Deshalb müssen wir das im Simulator machen. Das ist zwar nicht das Gleiche, kommt dem echten Fahrzeug aber sehr nahe. Das ist bei einem Simulator, den man sich für zu Hause kaufen könnte, nicht ganz der Fall. 

Wehrlein: Formel E eine "riesige Herausforderung"

ran: Du bist in der Formel 1 sowie der DTM gefahren und nun in der Formel E unterwegs. Inwiefern unterscheidet sich das Fahrverhalten?

Wehrlein: Das sind drei komplett verschiedene Autos. Die Formel 1 ist natürlich mega-schnell - und zwar in allen Bereichen. Viel Power, viel Anpressdruck, und die Bremsen sind extrem. Ein DTM-Auto ist ein Tourenwagen. Es hat fast das Doppelte an Gewicht. Das spürt man natürlich in der Kurve und allgemein dadurch, wie sich das Auto verhält. Alles ist etwas träger, außerdem hat man ein Dach über dem Kopf.

In der Formel E ist es zunächst einmal so, dass fast alle Strecken Stadtkurse sind. Das ist für einen Fahrer eine riesige Herausforderung. Hinzu kommt die ganze Technik mit dem elektronischen Antrieb. Die größte Hürde besteht darin, effizient zu sein. Grundsätzlich ist es immer das Ziel, so schnell wie möglich zu sein.

Aber man kann schnell und effizient oder schnell und nicht ineffizient sein. Dies ist bei uns sehr wichtig, weil wir nicht das komplette Rennen mit Vollgas durchfahren können. Wir müssen an den richtigen Orten Energie sparen. Das ist eine große Herausforderung, wenn sich viele Fahrer und die Mauern um einen herum befinden. Es sind also unterschiedliche Fahrzeuge und somit auch unterschiedliche Fahrweisen.

ran: Das heißt, Du musst während des Rennens viele Einstellungen tätigen?  

Wehrlein: Ja, es sind sehr viele Einstellungen. Wir sind jede Runde mit den Ingenieuren in der Box per Funk im Kontakt. Dabei wird ausgetauscht, wie viel Energie man hat, wie hoch die Temperatur ist und so weiter. Wir müssen dementsprechende Einstellungen am Rennsport tätigen. Das hat man in diesem Umfang in keiner anderen Rennserie, in der ich gefahren bin. Dort ging es um ein bisschen Reifenmanagement und den richtigen Zeitpunkt für den Boxenstopp. Ansonsten hat man während des Rennens nicht viel am Auto verstellt. Das ist in der Formel E völlig anders. Wir sind jede Runde dabei, Dinge am Rennrad zu verstellen.

ran: Tätigst Du die Einstellungen auf den Geraden oder manchmal vielleicht auch in einer schnellen Schikane?

Wehrlein: Je nachdem, wie dringend die Einstellung ist. Meist macht man das natürlich auf einer Geraden. Man spricht auch mit der Box meist auf den Geraden, weil man da mehr Zeit hat. Aber es gibt auch Situationen, in denen man schnell reagieren muss. Dann ist es hilfreich, zu wissen, wo die Knöpfe am Lenkrad sind, ohne hinschauen zu müssen.   

Wehrlein: "Nur happy, wenn ich gewonnen hatte"

ran: Sprechen wir abschließend noch einmal über den Werdegang zum Rennfahrer. Motorsport ist bekanntermaßen sehr teuer. Ist es heutzutage überhaupt noch realistisch, als talentierter junger Fahrer ohne eine reiche Familie oder einen bekannten Nachnamen im bezahlten Motorsport unterzukommen?

Wehrlein: Um ehrlich zu sein, ist das nicht leicht. Gerade aus den genannten Gründen. Dieser Trend wurde in den letzten Jahren immer mehr. Trotzdem glaube ich, dass jeder mit dem nötigen Talent ein professioneller Rennfahrer werden kann. Aber das Finanzielle ist extrem wichtig. Bereits der Kartsport ist sehr teuer. Und wenn man dann in die Formel 4 und Formel 3 aufsteigt, wird es immer teurer.

ran: Wie hast Du das bewerkstelligt bekommen?

Wehrlein: Ich hatte das Glück, dass ich Förderer und Partner hinter mir hatte. Als ich am Anfang im Kartsport unterwegs war, wurde ich in das Förderprogramm vom ADAC aufgenommen. Ein ähnliches Programm gibt es von der Deutschen Post, und zwar die Speed Academy. Auch dort werden junge Talente unterstützt. Das lief über ein Auswahlverfahren und über Sichtungen ab. Ich hatte das Glück, auch dort gefördert zu werden. Diese Programme gibt es heute noch immer. Gerade für junge Rennfahrer, die keine reichen Eltern hinter sich haben, sind solche Programme extrem wichtig. Aber natürlich muss man auch die Erfolge mitbringen. Ich habe zum Beispiel vier Mal die deutsche Meisterschaft im Kartsport gewonnen.

ran: Welchen Tipp würdest Du jungen Fahrern ansonsten noch geben?

Wehrlein: Man sollte bereits als junger Fahrer im Hinterkopf haben, was man machen möchte. Möchte man einfach aus Spaß Kartfahren? Oder möchte man eines Tages, so im Alter von etwa 20 Jahren, Profi werden? Dazu muss man ehrgeizig sein, aus Fehlern lernen, Fehler kein zweites Mal machen und niemals mit sich zufrieden sein. Ein gutes Beispiel ist, dass ich auch wenn ich Zweiter oder Dritter wurde, nie zufrieden war. Ich war nur happy, wenn ich gewonnen hatte. Alles andere hat für mich nie gezählt. Dieser Ehrgeiz ist wichtig.  

Das Interview führte Oliver Jensen 

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