Ein Interview von Oliver Jensen

ran: Herr Rast, in der Formel E hat sich viel verändert. Es gibt Neueinsteiger wie McLaren oder Masterati und den Rückkehrer Abt Sportsline. Zudem gab es viele Wechsel auf dem Fahrermarkt. Sind die Kräfteverhältnisse dadurch unvorhersehbar?

Rene Rast: Ja, das kann schon sein, gerade auch weil die Gen-3-Autos neu sind und vermutlich einige Kinderkrankheiten haben werden, die die Teams gar nicht beeinflussen können. Vermutlich werden wir bei verschiedenen Autos und Teams verschiedene Probleme sehen. Das könnte die Meisterschaft noch mehr durcheinanderwirbeln. Keiner kann momentan abschätzen, welches Paket am konkurrenzfähigsten sein wird. Ich rechne mit einem spannenden Auftakt in Mexiko.    

ran: Die Gen-3 Autos haben eine Leistung von maximal 350 kw/h. Dies entspricht 476 PS. Die Vorgänger-Fahrzeuge hatten 250 kw/h bzw. 339 PS. Wie fühlen sich die neuen Fahrzeuge an?

Rast: Die Power - immerhin sprechen wir hier über einen Unterschied von 100 kw/h - merkst du extrem. Aber auch die Bremse ist völlig anders, weil wir jetzt nicht mehr über die mechanische Bremse bremsen, sondern hauptsächlich über die zwei E-Motoren – einer hinten, einer vorne. Zudem haben wir die neuen Hankook-Reifen, die härter sind als die Reifen von Michelin und vielleicht einen geringeren Grip haben. Daher muss man das Auto anders fahren.

ran: In der bevorstehenden Saison wird es den vielfach kontrovers diskutierten Fanboost nicht mehr geben. Ist das eine gute Entscheidung?

Rast: Ja, finde ich schon. Es war ein guter Gedanke, dass die Fans einen Einfluss haben. Aber wenn immer nur die gleichen Fahrer den Fanboost kriegen, weil sie einmal Formel 1 gefahren sind und daher eine größere Fanbase haben, ist das natürlich unfair. 

ran: McLaren ist ein neues Team. Gleichwohl sind viele Mitarbeiter von Mercedes - die zwei Fahrer- und Teamweltmeisterschaften gewannen - gemeinsam mit der Startlizenz zu McLaren abgewandert. Ist das Team nicht so neu wie es auf den ersten Blick erscheint?

Rast: Definitiv. Das Team ist eingespielt, weil der Hauptteil von Mercedes übernommen wurde. Die Mitarbeiter kennen sich untereinander. Der Unterschied ist allerdings, dass Mercedes ein eigenständiges Team war, das alles selber entwickelt hat. Nun sind wir ein Kunde von Nissan, sind auf deren Entwicklung angewiesen und können nicht einfach selber alles entwickeln.

ran: Mit welchen Zielen blicken Sie und McLaren der Saison entgegen?

Rast: Wenn wir regelmäßig um das Podium kämpfen, wäre das eine gute Saison. Vielleicht fahren wir auch einen Sieg ein. Aber das ist natürlich ein extrem hohes Ziel – gerade für uns. Ich bin zwar bereits Formel E gefahren, hatte nun aber ein Jahr Pause. Mein Teamkollege Jake Hughes ist sogar ein kompletter Rookie. Allerdings hat er gezeigt, dass er extrem schnell ist. Daher traue ich ihm zu, vorne mitzufahren. Das ultimative Ziel besteht natürlich immer darin, die Meisterschaft zu gewinnen. Aber ich glaube, da sind andere routinierter als wir und haben bessere Chancen.

ran: Mit den Rennen in Hyderabad, Kapstadt, Portland und Sao Paulo gibt es vier neue Veranstaltungen im Rennkalender. Auf welche Rennstrecke im Kalender 2023 freuen Sie sich besonders?

Rast: Ich freue mich am meisten auf Kapstadt. Ich bin ein großer Fan von Südafrika und auch speziell von Kapstadt. Daher war ich auch schon einige Male dort und habe auch einige Freunde vor Ort. Es war immer mein Wunsch, dass wir dort fahren.  Dass wir nun wirklich dort um das Stadion herumfahren, finde ich gigantisch. 

ran: In der Formel E sind Sie auf Stadtkursen unterwegs, während Sie in der DTM auf Grand Prix Strecken gefahren sind. Was macht Ihnen mehr Freude?

Rast: Stadtkurse sind schon anspruchsvoller. Es gibt natürlich auch Grand-Prix-Strecken wie Nürburgring/Nordschleife, die große Reize haben, extrem anspruchsvoll und auch gefährlich sind. Aber es gibt eben mehr extrem anspruchsvolle Stadtkurse wie Monaco oder Diriyya in Saudi Arabien, die beide im Formel E Kalender enthalten sind. Mir machen daher die Stadtkurse mehr Spaß.

ran: Themawechsel: Der Motorsport ist heutzutage sehr teuer und für viele Fahrer kaum noch zu finanzieren. Sie sind Ihren Weg über Kart und Formel BMW dann über den ADAC Volkswagen Polo Cup gegangen. Wie schwierig war der Motorsport in Ihrem Fall teilweise zu finanzieren?

Rast: Das war definitiv schwierig. Motorsport war auch damals schon sehr teuer. Nach meinen zwei Jahren in der Formel BMW wäre eigentlich die Formel 3 der nächste Schritt gewesen. Aber damals hat das Geld dafür nicht gereicht. Ich musste einen Schritt zurückgehen und bin in den Tourenwagen-Bereich, in dem Fall in den VW Polo Cup, eingestiegen. Das war einfach viel günstiger als die Formel 3, die damals schon fast eine Million Mark oder Euro gekostet hat. Der Polo Cup hingegen hat nur 50.000 Euro gekostet. Wenn man kaum Geld hat, muss man diesen Weg eben gehen. Wir waren vom Budget her sehr limitiert, haben es aber geschafft, finanziell zu überleben und gute Cockpits zu bekommen.

ran: Kann man jungen Menschen überhaupt noch empfehlen, von einer Karriere im Motorsport zu träumen?

Rast: Das ist schwer zu beantworten. Es gibt mit Sicherheit Talente, die auch mit wenig Budget nach ganz oben kommen, weil sie einfach extrem aus der Masse herausstechen. Ein Max Verstappen ist zum Beispiel bereits als Jugendlicher im Kartsport hervorgestochen. Für solche Leute ist es natürlich einfacher als für den Durchschnitts-Rennfahrer. Es ist nicht zu empfehlen, sich einfach vorzunehmen, dass man gerne Rennfahrer werden möchte. Wenn man ein Mega-Talent ist, kann man den Weg noch immer einschlagen. Für alle anderen ist es extrem schwierig, sofern man kein großes Budget durch die Familie oder Sponsoren hat. 

  

ran: Nyck de Vries gewann 2021 die Formel E Meisterschaft und hat sich ein Stammcockpit bei Alpha Tauri in der Formel 1 verdient. Ist das eine Anerkennung für das hohe Niveau in der Formel E und vielleicht auch ein Mutmacher für junge Fahrer, dass die Formel E ein Sprungbrett zur Formel 1 sein kann?

Rast: Die Formel E ist extrem stark besetzt, was die Fahrer angeht. Ich glaube, wir müssen uns vor der Formel 1 nicht verstecken. Die Formel E kann ein Sprungbrett in die Formel 1 sein, weil vieles ziemlich identisch ist. Die Autos sind zwar unterschiedlich, aber die Arbeitsweise in den Teams auf dem hohen professionellem Leven ist ähnlich wie in der Formel 1, auch die Vorbereitung im Simulator ist ähnlich wie in der Formel 1. Von daher ist ein Formel-E-Fahrer gut vorbereitet und muss sich in der Formel 1 nur noch an das neue Auto gewöhnen. Viele Fahrer in der Formel E kommen ja auch aus der Formel 1. Daher denke ich, dass wir uns vor den Formel-1-Fahrern nicht verstecken müssen.