Die DTM 2021 findet ohne Titelverteidiger Rene Rast statt. - Bildquelle: imagoDie DTM 2021 findet ohne Titelverteidiger Rene Rast statt. © imago

ran.de: Herr Rast, es sind noch acht Tage bis zum Saisonstart der Formel E in Saudi-Arabien. Wie groß ist die Vorfreude, dass es jetzt endlich losgeht?

Rene Rast: Wir haben viele Meetings gehalten, viele Testtage gehabt, aber jetzt wollen alle auch mal wieder Rennen fahren. Deshalb freue ich mich sehr, dass es in ein paar Tagen endlich wieder losgeht.

ran.de: Die Testtage in Valencia im Dezember waren das letzte Mal, dass sie mit anderen Autos auf der Strecke waren. Jetzt fliegen Sie einmal um die Welt, haben dann eine Stunde im Auto – und dann geht es los. Wie groß ist diese Herausforderung?

Rast: Ich fühle mich nicht so, als ob ich kalt starte. Wir haben viele Tage im Simulator gehabt, viele Meetings. Es fühlt sich so an, als wären wir schon mittendrin in der Saison. Wir sind kein Rennen gefahren, aber die Vorbereitung war intensiv. Ich bin also schon aus dem Winterschlaf erwacht.

ran.de: Sie sagten in Valencia, dass Sie noch nicht genau wüssten, wie konkurrenzfähig Sie sind. Wissen Sie mittlerweile mehr?

Rast: Noch nicht wirklich. Valencia ist eine ganz andere Strecke als Riad, Riad ist ein Stadtkurs, sehr rutschig. Alle Zeiger sind auf null gesetzt. Ich glaube, wir sehen erst im Qualifying oder sogar erst im Rennen, wo wir wirklich stehen.

ran.de: Sie gelten in Ihrer Vorbereitung auf ein Rennen als sehr akribisch, als Perfektionist und "Datenfresser". An Formel-E-Renntagen fehlt nun aber die Zeit, Daten bis ins Detail zu analysieren. Hinzu kommt, dass Sie kaum im Auto sitzen können, bis es losgeht. Was verändert sich dadurch an Ihrer Herangehensweise?

Rast: Klar, so ein Rennwochenende wird ganz anders ablaufen als in der DTM. Ich habe nicht viel Zeit zwischen den Sessions, mir die Daten anzuschauen. Es wird ein anderes Arbeiten werden. Die Hauptarbeit wird hier zu Hause im Simulator geleistet werden müssen. Zum Glück sind die Simulatoren heutzutage sehr dicht an der Realität, etwa 90 bis 95 Prozent.

ran.de: War es von Vorteil, dass Sie in der vergangenen Saison bereits sechs Formel-E-Rennen in Berlin gefahren sind?

Rast: Natürlich, Berlin hat geholfen. Jetzt starte ich zumindest nicht ganz bei null. Ich kenne schon ein bisschen die Gangart in der Formel E, ich weiß, wie dort gefahren wird.

ran.de: Sie gelten in der DTM als das Nonplusultra, haben in vier Saisons drei Titel geholt, zuletzt zwei in Folge. In der Formel E sind Sie nun quasi wieder Rookie in einem hochkarätigen Fahrerfeld, das Sie selbst als "eines der besten der Welt" bezeichnet haben. Wo sehen Sie sich da? Wie bewerten Sie ihre Chancen?

Rast: Das muss ich, glaube ich, so angehen wie ein neuer Junge in der Schule. Ich muss mir den Respekt der anderen erarbeiten, erfahren, kann nur durch Leistung glänzen. Die DTM-Titel sind schön und gut, aber man hat beispielsweise bei Gary Paffett gesehen, dass er sich als DTM-Champion in der Formel E sehr, sehr schwergetan hat.

Den einen oder anderen Fahrer kenne ich natürlich schon, aber ja, das sind Hochkaräter, viele aus der Formel 1, Formel 2. Viele, die um den Sieg fahren, sind auch aktuell noch in Formel-1-Programmen eingebunden. Ich freue mich, dass ich da dabei bin, aber muss meine Ellbogen schon ausfahren.

ran.de: Hilft es Ihnen da, dass Sie mit Lucas Di Grassi einen ehemaligen Formel-E-Champion als Teamkollegen haben?

Rast: Das hilft schon. Er ist statistisch gesehen der erfolgreichste Formel-E-Fahrer der Geschichte, hat viel Erfahrung - da kann ich mir einige Dinge abgucken.

ran.de: Ihre erste volle Formel-E-Saison beginnt gleich mit einem Nachtrennen. Macht das einen Unterschied?

Rast: Nein, ich glaube, das ist keine große Umstellung, auch weil die Strecke sehr gut ausgeleuchtet ist. Innerhalb von ein paar Runden wird das quasi ein normales Rennen sein. Ich bin in der Vergangenheit ja schon 24-Stunden-Rennen gefahren, kenne das Fahren im Dunkeln. Das sollte also kein großes Problem sein.

ran.de: Der Rennkalender der Formel E führt Sie - anders als bei der DTM - rund um die Welt, von Saudi-Arabien bis nach New York. Stellt der Reisestress eine zusätzliche Belastung dar?

Rast: Nein, die Pause zwischen Flug und Rennen ist groß genug, das Reisen wird sicherlich keinen Einfluss auf die Leistung haben. Ich bin schon viel gereist in meiner Karriere, ich mache Motorsport, seitdem ich acht, neun Jahre alt bin, deshalb bin ich froh, auch mal zu Hause zu sein und nicht ständig im Flieger zu sitzen. Generell bin ich schon jemand, der gern neue Länder und Städte besucht, neue Kulturen kennenlernt – aber wenn man zum 35. Mal nach Oschersleben reist, kann man das natürlich irgendwann nicht mehr sehen. (lacht)

ran.de: Ein anderer Unterschied zur DTM ist das Auto, für den Zuschauer vor allem: das mehr oder weniger geräuschlose Fahren. Fehlt dem Fahrer der Sound oder ist das im Gegenteil sogar förderlich, weil man ein besseres Gefühl fürs Auto bekommt - vielleicht schon vorher hört, wenn etwas nicht stimmt?

Rast: Es hat Vor- und Nachteile. Als Rennfahrer meiner Generation bist du natürlich mit einem Benzinmotor aufgewachsen, hast Referenzen gebildet. Wie schnell du unterwegs bist, wie stark du beim Bremsen verlangsamst, das hörst du alles an der Drehzahl des Motors. Bei der Formel E hast du nur die Windgeräusche - das ist dann quasi ein Sinn, der dir fehlt.

Auf der anderen Seite ist die Kommunikation mit dem Team einfacher, man versteht sich viel besser. Aber wenn irgendwas kaputt geht, ist es eigentlich egal, ob man es vorher hört - man fährt einfach so lange, bis sich nichts mehr dreht.

ran.de: Was war das geilste Rennauto, in dem Sie je gefahren sind? Und wo reiht sich das Formel-E-Auto da ein?

Rast: Damals in Le Mans im LMP1 von Audi, das war schon eine tolle Zeit. Das war ein Auto, das seinesgleichen gesucht hat, das schnellste Auto, in dem ich je gefahren bin – und für einen Rennfahrer ist es natürlich immer am schönsten, wenn er schnelle Autos fahren darf. DTM- und Formel-E-Auto stehen auf einer Stufe, was die Herausforderung und den Fahrspaß angeht, die nehmen sich nicht viel.

ran.de: Nun ist im Formel-E-Kalender vor allem in der zweiten Saisonhälfte noch relativ viel offen, voraussichtlich überschneiden sich aber einige Termine mit der DTM. Was bedeutet das für Ihre persönliche DTM-Zukunft? Findet die DTM 2021 ohne Sie statt?

Rast: Das wird leider der Fall sein. So sehr ich die DTM mag und so gern ich auch für ein Audi-Kundenteam an den Start gegangen wäre, haben wir gemeinsam beschlossen, dass ich mich 2021 nur auf die Formel E konzentriere. Auch hier ist der Kalender durch die Pandemie noch unsicher, zudem hat die Serie als offizielle WM jetzt noch einmal zusätzliche Bedeutung bekommen. Deshalb möchte ich da auf Nummer sicher gehen.

ran.de: Wie sehen Sie generell die Zukunft des Motorsports, der nicht nur durch die Corona-Pandemie derzeit zu kämpfen hat?

Rast: Schwer zu sagen, wo die Reise hingehen wird. Derzeit ist es für jeden schwer, zu planen, für die Rennfahrer, für die Automobilhersteller, für die Teams. Ich glaube aber, dass es immer mehr in die Richtung Elektro gehen wird - man sieht ja, wie die Formel E jedes Jahr an Anerkennung und Zuspruch gewinnt. Die Formel E hat den Zahn der Zeit getroffen.

Das Interview führte: Kevin Obermaier

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