Sebastian Vettel (r.) und Mattia Binotto (l.) erlebten ein Fiasko im Qualify... - Bildquelle: imagoSebastian Vettel (r.) und Mattia Binotto (l.) erlebten ein Fiasko im Qualifying von Spielberg. © imago

Spielberg/München - Das Visier fast komplett verschlossen, der Blick gesenkt. Sebastian Vettel stapfte frustriert durch die Boxengasse von Spielberg.

Wenige Minuten zuvor hatte der Ferrari-Pilot überraschend den dritten Qualifying-Abschnitt verpasst – zum ersten Mal seit seinem Heimrennen in Hockenheim im Vorjahr. Teamkollege Charles Leclerc betrieb mit Platz sieben zumindest etwas Schadensbegrezung für den italienischen Traditionsrennstall und doch hatte man sich den Saisonstart in Maranello anders vorgestellt.

Aber aus dem Nichts kam dieser Samstagnachmittag zum Vergessen natürlich nicht. Bereits bei den Testfahrten im Februar, vor der Coronapandemie, fuhr die Scuderia hinterher. Zahlreiche Experten glaubten hierbei aber noch an einen Bluff der Italiener, nachdem diese im Vorjahr die Testfahrten dominiert hatten, dann aber die PS in den richtigen Rennen nicht auf die Straße bringen konnten.

Ferrari möchte Auto generalüberholen

Spätestens in der zweiten Testphase wurde dann aber klar, Ferrari ist nicht auf Augenhöhe mit Mercedes und muss sogar um seinen Status als Nummer zwei bangen, da das Red-Bull-Team durchaus überzeugen konnte.

Inzwischen räumte das Team sogar Konstruktionsfehler am neuen Auto ein und möchte beim dritten Rennen in Ungarn mit einer generalüberholte Version der lahmenden "roten Göttin" an den Start gehen. Im Kampf um die Weltmeisterschaft sind solche Eingeständnisse fatal und kosten neben Punkten auch Millionen an Prämien.

Besonders bitter ist Ferraris Fehlstart mit Ansage für Vettel, wurde doch in der Coronapause bekannt, dass sich die Wege des Deutschen und der Scuderia nach dem Ende dieser Saison trennen werden. Allerdings wohl nicht im kompletten Frieden, denn Vettel ließ am Donnerstag die Bombe platzen, wie es wirklich zu seinem Ende bei Ferrari kam.

Vettel: "Es gab kein Angebot"

 

"Die letzten Monate war es eigentlich sehr klar und deutlich, dass man gemeinsam weitermachen will. Anfang Mai hatte ich dann ein Telefonat, in dem mir klar wurde, dass das Team nicht gewillt ist, weiterzumachen", erzählte der 33-Jährige bei "RTL". Auch Gespräche habe es nicht gegeben, denn "es lag kein Angebot auf dem Tisch".

Zuvor hatte Ferrari und insbesondere Teamchef Mattia Binotto stets verkündet, dass dies "eine gemeinsame Entscheidung" gewesen sei. Nun musste Binotto aber zurückrudern und erklärte: "Wir mussten unsere Entscheidung überdenken. Ja, er war überrascht." Der 50-Jährige begründete den Schritt schwammig mit dem Einfluss des Coronavirus und den Veränderungen im Reglement sowie der Deckelung des Budgets.

Der verbale Gegenwind bläst Binotto nach diesen Aussagen natürlich entgegen. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Ferrari einen viermaligen Weltmeister nicht mehr will, das macht keinen Sinn, weil er einer der besten Fahrer ist", meinte Ex-Weltmeister Nico Rosberg.

Noch deutlicher wurde der Brite Jenson Button. Er bezeichnete Binottos Erklärung als "billige Ausrede". Die Taktik der Ferrari-Bosse erzeugt beim Weltmeister von 2007 nur wenig Verständnis: "Ich finde es merkwürdig, eine solche Entscheidung zu treffen, noch bevor eine Saison begonnen hat. Was soll das bringen? Das erzeugt doch nur eine angespannte Atmosphäre im Team, und es wird auch zur Situation führen, dass Vettel auf eine Stallorder pfeifen könnte."

Button weiter: "Wenn er beispielsweise im letzten Rennen vorne liegt und eine Anweisung erhält, wird er dann Platz machen? Sicher nicht."

Binotto als "One-Man-Show" bei Ferrari in der Kritik

Und so steht mit Binotto nun ausgerechnet jener Mann stark in der Kritik, der vor der vergangenen Saison bei Ferrari für neuen Schwung sorgen sollte. Maurizio Arrivabene wurde entmachtet und Binotto, aufgrund seiner Brille oftmals mit "Harry Potter" verglichen, sollte Ferrari wieder zu altem Glanz, vorbei an der Vormachtstellung von Mercedes, führen. Dabei erhielt er enorme Befugnisse. Über eineinhalb Jahre später ist aber klar: Binottos Zauber ist bereits verflogen.

"Zu Michaels (Schumacher; Anm. d. Red.) Zeit waren es drei federführende Menschen, und ich würde behaupten, dass es bei Mercedes insgesamt fünf sind. Und wenn die sich verstehen unter der Oberleitung von Toto Wolff, dann ist das vielleicht möglich. Aber man hat das Gefühl, dass es bei Ferrari nicht ganz so ist. Eine One-Man-Show wird in dem Bereich nicht mehr funktionieren", kritisierte Ralf Schumacher bei "Sky".

Unter Binottos Ägide fielen auch die Ungereimtheiten bezüglich der Motorleistung in der Vorsaison, als Ferrari plötzlich ohne ersichtlichen Grund auf der Gerade eine halbe Sekunde schneller als Mercedes war.

Zwar verkündete der Motorsport-Weltverband FIA kein Urteil, äußerte aber dennoch Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Ferrari-Motors. Fairplay sieht wohl anders aus. Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko wetterte nach der Urteilsverkündung: "Die FIA hat einen Sport in Verruf gebracht, in dem wir dreistellige Millionensummen im Jahr investieren. Das kann man sich jetzt nicht mehr bieten lassen."

Die FIA hatte sich zum Abschluss der Untersuchungen mit Ferrari geeinigt, dass sämtliche Inhalte unter beiden Parteien bleiben sollten.

Vettel mit Zweckoptimismus nach Qualifying

In diesem Jahr sollte dann mit vollkommen regulären Mitteln der Angriff auf Mercedes erfolgen, doch bereits das erste Qualifying der Saison unterstreicht die schiere Unmöglichkeit dieser Aufgabe aus Ferrari-Sicht.

Und so sind die Worte von Sebastian Vettel in Richtung Sonntag wohl eher Zweckoptimismus. "Vor uns liegt ein langes Rennen. Und im Renntrimm sind wir immer besser unterwegs als über eine schnelle Runde.“ Aber selbst wenn dies tatsächlich gelingen sollte, ist Ferrari immer für einen Patzer bei der Strategie oder an der Box gut.

"Ja, es ist schwierig. Wir müssen aber als Team arbeiten und können morgen hoffentlich möglichst stark sein, um zu versuchen, alle ein bisschen aufzuheitern", mahnte Leclerc nach dem Qualifying.

Im Moment deutet aber wenig auf eine Trendwende beim italienischen Traditionsrennstall hin, stattdessen gibt es viele Brandherde, die nur mit Erfolgen gelöscht werden können. Andernfalls droht Ferraris Desaster das nächste Kapitel.

Markus Bosch

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