Kampf bis zum Ende: Max Verstappen (l.) und Lewis Hamilton (r.). - Bildquelle: Imago ImagesKampf bis zum Ende: Max Verstappen (l.) und Lewis Hamilton (r.). © Imago Images

Dschidda/München - Max Verstappen hatte keine Lust. Aber mal so gar keine. Während Lewis Hamilton auf dem Podium den Sieg feierte, verzog sich der Niederländer in die Katakomben. 

Das übliche Siegerfoto? Geschenkt. Nicht heute. Nicht nach diesem Grand Prix. 

Der Große Preis von Saudi-Arabien hatte alles zu bieten. Erstmals wurde auf dem Stadtkurs im Herzen von Dschidda gefahren. Schon im Vorfeld befürchtete man aufgrund der engen Hochgeschwindigkeitsstrecke ein Chaos-Rennen. 

Und nichts anderes entwickelte sich mitten im Advent. Zwar lief der Start noch gemäßigt, doch nach mehreren Crashs, zwei roten Flaggen und zwei Re-Starts war das Chaos perfekt. 

Immer mittendrin: Lewis Hamilton und Max Verstappen. Im WM-Kampf lieferten sich die beiden Spitzenfahrer einen Fight bis aufs Äußerste. Beide Fahrer balancierten von Beginn an entlang der roten Linie, drückten sich gegenseitig von der Strecke und ließen dem jeweils anderen mehrfach kaum Platz für faire Manöver.

Doch spätestens in Runde 38 eskalierte es. 

Hamilton kracht Verstappen unsanft ins Heck 

Weil Verstappen Hamilton zuvor regelwidrig von der Strecke gedrängt hatte, instruierte ihn sein Team, die Führungsposition "strategisch" an Hamilton zu übergeben. Der Niederländer bremste vor der DRS-Zone, Hamilton bremste ebenfalls und blieb hinter ihm, um nicht mit DRS gleich wieder überholt zu werden. 

Es kam, wie es kommen musste: Hamilton krachte beim Versuch auszuweichen ins Heck von Verstappen. Zwar konnten beide weiterfahren und der Mercedes-Star zog schlussendlich vorbei, doch die strittige Szene könnte noch ein Nachspiel haben. 

Am späten Abend mussten sowohl Hamilton als auch Verstappen zu den Stewards und sich für mehrere Vorfälle erklären. 

Doch wer hatte jetzt Schuld?

"Ich habe nicht verstanden, warum er plötzlich so hart auf die Bremse gestiegen ist", beschwerte sich Hamilton, der Verstappen am späten Abend ordentlich kritisierte: "Ich bin in meinem Leben schon gegen viele Fahrer gefahren. In 28 Jahren bin ich vielen unterschiedlichen Charakteren begegnet, und einige da oben sind über der Grenze. Für sie gelten die Regeln nicht oder sie denken nicht an die Regeln."

Der Red-Bull-Pilot seinerseits schilderte die Situation so: "Ich habe verlangsamt. Ich wollte ihn vorbeilassen. Ich bin auf der rechten Seite, aber er wollte nicht überholen. Und dann haben wir uns berührt. Ich verstehe nicht wirklich, was da los war."

Chaos-Rennen in Saudi-Arabien lässt Rennleitung schlecht aussehen 

Die Wahrheit liegt wie so oft wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Wobei dazwischen auch heißen könnte: bei der Rennleitung. Denn die machte beim Premieren-Rennen im Golfstaat alles andere als eine gute Figur. 

Schon vor dem zweiten Re-Start ging es im Paddock nämlich zu wie auf einem orientalischen Basar. "Wenn ihr freiwillig auf Platz zwei geht, gibt es keine Strafe", funkte Rennleiter Michael Masi in Richtung Red Bull.

Beim Verstappen-Team ging man davon aus, dann hinter Esteban Ocon und vor Lewis Hamilton zu stehen. Masi präzisierte: "Ihr müsst, wenn dann, hinter Hamilton." Aus dem Red-Bull-Mikro kam nur: "Gebt uns Bedenkzeit."

Eine Farce und der Königsklasse des Motorsports nicht würdig. "Sky"-Experte Timo Glock fasste zusammen: "Das ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Man merkt, dass sie auf keinen Fall in den WM-Kampf eingreifen wollen. Sie halten sich überall schön raus. Aber das kann es am Ende auch nicht sein." 

Hinzu kommt: Auch beim Crash hatte die Rennleitung wohl ihre Finger mit im Spiel. So kam die Ansage, dass Verstappen Hamilton vorbeilassen soll, zwar bei Red Bull an, aber wohl nicht bei Mercedes.

"Wir wussten es nicht. Max wusste es zuerst. Es kann sein, dass es ein totales Missverständnis war", sagte Mercedes-Chef Toto Wolff, der im Eifer des Gefechts sein Headset dermaßen auf den Tisch donnerte, dass es noch außerhalb der Garage schepperte. 

Beide Teams hoffen auf ein sportliches Ende in Abu Dhabi

Während Wolff am Ende noch über den - provisorischen - Sieg jubeln konnte, hatte Red-Bull-Sportchef Dr. Helmut Marko wenig zu lachen und kritisierte die Rennleitung scharf: "Wenn Max hart gegen Hamilton fährt, dann ist es eine Strafe, wenn Hamilton ihn von der Strecke boxt, dann ist das scheinbar ein Kavaliersdelikt. Aber so kann das nicht weitergehen. Wir prüfen das jetzt alles und gehen dann mit den entsprechenden Argumenten zu den Stewards."

Auch Teamchef Christian Horner pflichtete bei: "Es tut mir leid, das zu sagen, aber ich hatte den Eindruck, dass Charlie Whiting dem Sport heute gefehlt hat." Man hätte die "Erfahrung" des verstorbenen Rennleiters gut brauchen können. "Es ist schwierig für Michael Masi und die Stewards - besonders auf so einer Strecke", erklärte Horner.

Formel 1: Punktgleich ins Entscheidungsrennen

Die finale Entscheidung der Stewards bringt noch zusätzliche Spannung in den Kampf um den WM-Titel.

Verstappen erhielt nach der Aktion gegen Hamilton eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe und zwei Strafpunkte, seinen zweiten Platz wird der Niederländer dennoch behalten. Somit gehen Verstappen und Hamilton punktgleich in das letzte Rennen in Abu Dhabi.

Es bleibt zu hoffen, dass die Weltmeisterschaft auf der Strecke entschieden wird.

Zumindest in dieser Sache waren sich die Teamchefs einig. "Du willst auf der Strecke gewinnen und nicht bei den Stewards oder im Kiesbett", betonte Horner, dessen Fahrer wegen der mehr herausgefahrenen Saisonsiege auch bei einem Ausfall beider Kontrahenten den Titel gewinnen würde.

Wolff beschwor den Sportsgedanken: "Ich glaube, es wird nicht eskalieren. Das heute waren so viele Warnschüsse für alle Beteiligten. Ich denke, dass das sauber abgehen wird."

Hoffen wir's. 

Timo Nicklaus

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