Silverstone/München - Die Fernsehbilder im Anschluss des Großen Preises von Großbritannien hätten keine deutlichere Sprache sprechen können.

Das Grinsen wollte gar nicht mehr aus dem Gesicht von Carlos Sainz jr. verschwinden. In seinem 150. Formel-1-Rennen feierte der Spanier seinen ersten Sieg und krönte damit ein fantastisches Rennwochenende.

Sein Ferrari-Teamkollege Charles Leclerc zog hingegen mit einer versteinerten Miene von dannen und suchte umgehend das Gespräch mit Teamchef Mattia Binotto. Anstatt eines Siegs und wichtiger Punkte im Weltmeisterschaftskampf rutschte der Monegasse in den letzten Runden vom 1. auf den 4. Platz ab.

Wie so häufig gelang der Scuderia kein fehlerfreies Rennen - einmal mehr scheiterte der italienische Rennstall an seiner eigenen Taktik.

Ferrari in Silverstone: Safety-Car-Phase wird zum Albtraum

Bis zur 38. Runde war das Rennen auf der traditionsreichen Strecke in Silverstone voll nach Plan verlaufen. 

Leclerc führte komfortabel vor Sainz, vom engsten WM-Rivalen Max Verstappen und seinem Red-Bull-Teamkollegen Sergio Perez war nichts zu sehen. Es hätte ein fantastisches Rennwochenende in rot werden können. 

Doch dann brach Runde Nummer 39 an: Esteban Ocon musste seinen Alpine auf der alten Start-Ziel-Gerade abstellen - ein klarer Fall für das Safety Car. Erwartungsgemäß bogen zahlreiche Fahrer vor dem Endspurt noch einmal in die Box. 

Carlos Sainz jr., Lewis Hamilton (zu diesem Zeitpunkt auf dem 3. Platz), Sergio Perez (4.), Fernando Alonso (5.) und Lando Norris (6.) reihten sich mit frischen Reifen hinter Bernd Mayländer ein. Einzig Leclerc musste den Restart mit alten harten Reifen bewältigen.

Kaum hatte das Safety Car die Strecke wieder freigegeben, fielen die restlichen Top-Fahrer wie hungrige Löwen über den Ferrari-Piloten her. Leclerc wehrte sich heldenhaft, konnte seinen Teamkollegen, Perez und Hamilton nicht mehr hinter sich halten.  

Charles Leclerc: Gute Miene zum bösen Spiel

"Es war sehr schwierig zum Schluss, alle anderen hatten eben frische und weiche Reifen", versuchte der Monegasse die Entwicklung der entscheidenden Runden zu erklären. Als er die obligatorische Presserunde beendet hatte, zwang sich der 24-Jährige zu einem Lächeln, ließ den Kopf senken und verschwand wieder im Fahrerlager.

Mit einem Rückstand von 49 Punkten auf Weltmeister Max Verstappen war Leclerc nach Silverstone gereist. Nachdem sich der Niederländer einen Stück des Unterbodens abgefahren hatte und nach und nach auf Platz sieben durchgereicht wurde, war der Weg für die Ferraris und Leclerc frei.

Die Botschaft über das Teamradio wenige Runden später war klar: Sainz, der knapp vor Leclerc auf Rang zwei fuhr, wurde angewiesen, eine bestimmte Rundenzeit zu fahren, ansonsten werde er ihn vorbeilassen müssen. Nach einigem Hin und Her tauschten die springenden Pferde wie ausgemacht die Positionen, während der Monegasse durch den Boxenstopp von Hamilton den ersten Platz einnahm.

Die maximale Punkteausbeute schien gesichert - bis zur fatalen Runde 39.

Ferrari-Chaos in Silverstone: Erklärung von Teamchef lässt viele Fragen offen

"Wir mussten eine Wahl zwischen dem ersten und zweiten Auto treffen", erklärte Teamchef Binotto nach dem Rennen die ungewöhnliche taktische Entscheidung bei "Sky". Anstatt den in der WM besser platzierten Leclerc mit neuen Reifen auszustatten, entschied sich die Box für Sainz. Eine Doppelabfertigung, wie sie in der Formel 1 nicht unüblich ist, sei nicht möglich gewesen, so Binotto.

"Die anderen Autos waren knapp hinter uns. Für uns war es wichtig, die Track-Position mit Charles zu halten."

Selbst durch die potenzielle Gefahr anderer Autos schien die Taktik wenig Sinn zu ergeben, vor allem da das Verhalten der Konkurrenz zu erwarten war. Doch auch hier konnte Binotto keine klare Antwort geben und versuchte stattdessen nochmals eine andere Erklärung: "Wir hatten gehofft, dass es die weichen Reifen schneller verschleißen. Im Nachhinein muss man sagen, dass es eine falsche Entscheidung war."

Ferrari in Silverstone: Konkurrenz lacht sich ins Fäustchen

"Ja, das war eine eigenartige Entscheidung", bilanzierte auch Red-Bull-Teamchef Christian Horner nach dem Rennen mit einem typisch süffisanten Grinsen.

Einmal mehr hatte sich Ferrari selbst in den Fuß geschossen und eine goldene Möglichkeit verpasst, wichtigen Boden im Kampf um die Fahrer- und Konstrukteurs-WM-Titel gut zu machen. 

Scuderia Ferrari: Taktische Fehler stehen an der Tagesordnung

Taktische Missgeschicke sind bei der Scuderia längst an der Tagesordnung. 

Vor wenigen Wochen hatte Leclerc den Sieg beim Heimspiel in Monaco scheinbar schon in der Tasche, bis ihn ein chaotisch und taktisch unkluger Boxenstopp den Triumph kostet. Die anschließende Botschaft über den Funk musste die Formel 1 zensieren.

Es wirkt fast so, als brauche die Scuderia ihre wöchentliche Portion Drama. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Reifenwechsel ein Selbstverständnis waren. Während der erfolgreichen Ära von Michael Schumacher zehrte der Rennstall regelrecht von den perfekten Boxenstopps und bog so einige Rennen um.

Formel 1: Nächster Rückschlag im WM-Kampf

Zwar konnte Leclerc den Abstand auf Verstappen verkürzen, allerdings nur um sechs Punkte. Bei einem Sieg wären es mindestens 19 Zähler gewesen. Stattdessen lauert nun Teamkollege Carlos Sainz jr. mit nur elf Punkten hinter dem Monegassen, der nominell der Nummer-1-Fahrer der Scuderia ist. 

Obwohl erst zehn von 22 Grand Prix' absolviert sind, scheint der Kampf um die Krone der Formel 1 schon beinah entschieden. Ohne technische Fehler waren Red Bull und vor allem Max Verstappen bisher kaum zu stoppen, auch Sergio Perez wirkte in den jüngsten Rennen stärker als mindestens einer der beiden Ferraris.  

Noch ist viel möglich. Um den Druck auf das österreichische Team zu erhöhen und auch mögliche Fehler provozieren zu können, muss die Scuderia dringend ihre einfachen Ausrutscher vermeiden.

Tom Offinger 

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