Vier Teams zelebrieren vor dem Spiel einen Kriegstanz. - Bildquelle: imago images/Inpho PhotographyVier Teams zelebrieren vor dem Spiel einen Kriegstanz. © imago images/Inpho Photography

München - Kieran Read musste da etwas klarstellen. Dringend. Denn die Kritik ging weit unter die Gürtellinie: Sie richtete sich gegen den "Haka".

Er sei ein Marketing-Trick. Ein Spielzeug. Ein unfairer Vorteil gegenüber dem Gegner. Eine Beleidigung für die Maori, hatte ein irischer Reporter gewettert. 

Starker Tobak. Im Grunde ein Sakrileg.

Plädoyer gegen den Haka

Denn Kriegstänze wie der Haka haben eine große Tradition, sind religiös begründet, sind besonders, sind wichtig, speziell, sie gehören zur Rugby-WM dazu. Ja, sie sind ein, wenn nicht das Markenzeichen eines Teams, und sie werden in der heutigen Zeit natürlich auch marketingtechnisch eingesetzt. 

Was dazu führt, dass die All Blacks im Grunde jeder mit dem Haka in Verbindung bringt und umgekehrt. Für den Journalisten Ewan McKenna ist es inzwischen zu viel, man habe die Nutzung überreizt, sagte er. Eine Kolumne über den Haka wird zu einem Plädyoer gegen ihn.

 

Die Kritik zog weite Kreise, der Kapitän der All Blacks bezeichnete die Kommentare als "so weit weg von der Wahrheit, wie man nur weg sein kann", sagte Read: "Es geht nicht um die Gegner oder irgendetwas, es geht um uns als All Blacks, die Tradition, die wir seit über 100 Jahren pflegen. Es geht darum, eine Verbindung zu den Menschen herzustellen, die vor uns gegangen sind, zu den Menschen und dem Land, das wir sind im Moment."

Für Richie Mo'unga ist die Nutzung des Haka heilig. "Der Haka ist für uns sehr heilig, er treibt uns an, er ist nicht etwas, was die All Blacks erfunden haben, es ist etwas, was unsere Vorfahren vor uns erfunden haben."

Nicht exklusiv

Man muss dazu sagen: die All Blacks haben diese Art von Ritual vor Spielbeginn nicht exklusiv. Es ist aber derjenige, den man in der breiten Masse kennt und erkennt. Den man vor allem mit dem Rugby verbindet.

Vier Teams setzen auf einen Kriegstanz: Neben Neuseeland sind das Fidschi ("Cibi"), Tonga ("Sipi Tau") und Samoa ("Siva Tau").

 

Der "Cibi" hat seinen Ursprung auch im Krieg, um sich für die Kämpfe zu rüsten. "Dein Schiff liegt tief versunken. Denke nicht, dass ich auch ertrunken bin. Deine Verteidigung wartet nur darauf zu bröckeln, wenn ich in sie hineinsteche", heißt es an einer Stelle.

Die Rugbyspieler übernahmen ihn 1939. "Provoziert" hatten den Einsatz die All Blacks: Fidschi wollte eine Antwort auf den Haka haben. Sie passte: Als man eine Tour nach Neuseeland erfolgreich beendete, war der Tanz auch im Rugby etabliert.

Tonga sind zwar als "Friendly Islands" bekannt, der "Sipi Tau" schlägt aber eine andere Tonart an, er ähnelt dem Haka. 

"Lasset die Fremden und Gäste auf der Hut sein, heute, Zerstörer der Seelen, bin ich überall", heißt es darin. Im Gegensatz zum Haka folgt der Tanz aber keinem festgelegtem Skript, sondern kann angepasst werden.

Samoa setzt auf den "Siva Tau", der ebenfalls ähnlich wie der Haka aufgeführt wird. Auch er ist eine Warnung an den Gegner. "Hier komme ich komplett vorbereitet - meine Stärke ist auf dem Höhepunkt - mache Platz und gehe zur Seite, weil dieses Manu einzigartig ist", singt das Team.

 

Das alles ist ein Spektakel für die Fans, die die Rituale wahlweise ergriffen oder begeistert verfolgen. Die Faszination liegt auf der Hand, der kurze kulturelle Exkurs ist ein zusätzliches Bonbon. 

Haka als Vorteil?

Doch ist der Tanz nicht auch ein Vorteil?

McKennas Einwand: "Wenn eine Mannschaft kurz vor dem Anpfiff zusammenkommt und sich psychisch und vor allem physisch aufwärmt, ist mein Problem, dass die andere Mannschaft gezwungen ist, auf der Zehn-Meter-Linie vollkommen still zu stehen, sie die ganze Zeit zu beobachten und kalt zu werden."

Öl ins Feuer der Diskussion goss auch Englands Fußball-Legende Gary Lineker, der sich via Twitter lustig machte: "Es muss hart sein, nicht darüber zu lachen, wenn du der Gegner bist." Lineker steckte für den Tweet ein, löschte ihn und entschuldigte sich.

"Das war nicht im Geringsten beabsichtigt. Ich habe mich nur gefragt, ob es als gegnerischer Sportler noch einschüchternd ist, wenn man es so viele Jahre lang gesehen hat. Ich hätte es wahrscheinlich so formulieren sollen", so Lineker.

Es ist freilich nicht das erste Mal, dass der Haka im Mittelpunkt kontroverser Diskussionen steht. 2006 performten die All Blacks den Tanz nach ewigem Hin und Her mit der Welsh Rugby Union (WRU) kurzerhand in der Kabine.

Wer Angst hat, verliert

Teams haben sich auch schon selbst beholfen: Frankreich rückte zum Beispiel 2007 bis auf zwei Meter an die Kiwis heran, die Auge in Auge mit dem Gegner den Haka aufführten – und verloren. Italien stellte sich mit dem Rücken zum Haka in den Huddle. 

 

Die meisten aber schauen dem Treiben betont gelangweilt oder unbeteiligt zu und verraten damit umso mehr, wie unwohl sie sich fühlen. Oft haben die All Blacks in diesem Moment schon gewonnen.

Die Gegner des Haka wissen das natürlich. Die Kritik des Journalisten wurde dann auch rechtzeitig vor dem Viertelfinale der Neuseeländer am Samstag (ab 12.15 Uhr live auf ProSieben MAXX und ran.de) gegen Irland nochmals aufgewärmt. 

Die All Blacks kennen das Spiel schon. Es wird sie nur noch mehr motivieren. Wahrscheinlich mehr als jeder Haka. 

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