Eine Hymne, ein Team: Irland bei der Rugby-WM. - Bildquelle: imago images/Inpho PhotographyEine Hymne, ein Team: Irland bei der Rugby-WM. © imago images/Inpho Photography

München – Es gibt sie noch, die magischen Momente. Diese Ausstrahlung, die ihre Wirkung unwiderstehlich entfaltet. Eine unheimliche Zauberkraft, so scheint es. Gänsehaut.

Früher passierte das öfter, doch die Welt hat sich verändert.

Man wird dann ein wenig sentimental, aber man weiß dann: Ja, der Sport kann es. Immer noch. 

Noch nicht alles verloren

Es ist seltener geworden, aber wenn Rugby die politische und religiöse Zerrissenheit der irischen Insel spielerisch überspielen kann, dann ist offenbar doch noch nicht alles verloren.

Denn in der irischen Rugby-Mannschaft spielen Iren und Nordiren vereint in einem Team, sogar mit einer eigenen Hymne, das 1995 eigens für die vereinigte Rugby-Mannschaft komponierte "Ireland’s Call".

In den unruhigen Zeiten des Brexit wirkt das wie aus einer anderen Welt. "Das ist das Großartige am irischen Rugby während dieser kleinen politischen Instabilität, noch mehr während der späten 70er, 80er und frühen 90er", sagt Kapitän Rory Best: "Rugby überwindet das." 

Man muss es so deutlich sagen: Es ist auf eine besondere Art beruhigend, so etwas zu hören und es auch zu sehen, während in anderen Sportarten und Stadien Rassismus offen ausgelebt wird. 

Sport soll eigentlich nicht politisch sein, wird aber zunehmend als Bühne für politische Statements genutzt. Umso besser, wenn diese mal positiv sind.

Selbstverständlich ist das im konkreten Fall nicht. Da sind die "Troubles", der Nordirlandkonflikt, ein Bürgerkrieg, der von 1969 bis 1998 über 3500 Menschen das Leben kostete. Aktuell war es lange eine mögliche harte Grenze zwischen Nordirland und Irland. Hieße: Grenzkontrollen, dann zum Beispiel auch für einige der Rugby-Spieler.

Unwirklich.

Toleranz und Integration

"Was soll daran gut für meine Generation sein?", schreibt der frühere Nationalspieler Darren Cavein der Zeitung "Sports Chronicle". Bei den Brexit-Verhandlungen wurde zwar eine Lösung gefunden, doch komplett durch ist das Thema noch nicht. Und es birgt weiterhin eine Menge Konfliktpotenzial. 

Doch das Rugby-Modell zeigt ja eigentlich etwas ganz anderes: Dass eine Wiedervereinigung der beiden irischen Staaten möglich ist. Es lebt Toleranz und Integration vor.

"Es ging immer um den Sport und darum, dass eine Insel zusammenspielt und zusammensteht", sagt Best: "Und es ist eine großartige Gelegenheit für uns, das auf der Weltbühne zu zeigen."

Der Nordire Jacob Stockdale gehört mit 23 einer neuen Generation an, er sagte dem Guardian, dass er von Anfang an Freundschaft erfahren habe, auch von den Jungs aus dem Süden: "Über unsere unterschiedliche Herkunft machen wir Witze. Das ist großartig." 

Wie kam es überhaupt dazu, dass es beim Rugby keine Trennung gab? 

Manchmal muss es gar nicht kompliziert sein: Als der "Government of Ireland Act" die Insel 1920 teilte, machte der Rugby-Verband nicht mit. Die Hockey-Kollegen hatten übrigens auch keine Lust auf ein geteiltes Land und weigerten sich ebenfalls – bis heute. 

Kompromisse gehören dazu

Natürlich war das nicht immer ein Selbstläufer, Kompromisse gehören dazu. Die Kunst ist es, sie zu finden und umzusetzen. "Ireland’s Call" ist so ein Kompromiss. Auf dem Verbandslogo sind die Wappen aller vier historischen irischen Provinzen. Bei den WM-Spielen wird nicht nur die irische, sondern auch die "Flag of Ulster" gezeigt.

Doch klar: Jedem kann man es auch nicht recht machen. Kapitän Best ist Nordire. Einige aus diesem Teil der Insel finden ihn zu Irland-freundlich, manche Iren wiederum lehnen ihn als Anführer des Teams ab. 

In der Sache werden sie am Samstag im WM-Viertelfinale (ab 12.15 Uhr live auf ProSieben MAXX und auf ran.de) aber vereint sein, denn es wartet Weltmeister Neuseeland.

Und auf den Titelverteidiger wiederum der Angstgegner. 111 Jahre lang hatte es Irland in 28 Spielen vergeblich versucht, ehe es zweimal in den vergangenen drei Spielen klappte: 2016 und 2018 gewannen die "Men in Green". In die WM gingen die Iren als Nummer eins der Weltrangliste. Bei einer WM reichte es bislang nie weiter als bis ins Viertelfinale, die All Blacks verloren ihr letztes WM-Spiel 2007.

Ein Sieg der vereinten Iren wäre deshalb ein echtes Statement: Sportlich mit dem Halbfinale, dem Titel ein Stück näher. Aber natürlich auch politisch. Es wäre so ein magischer Moment, der selten geworden ist.

Der aber zeigen würde, dass der Sport es noch immer kann. 

Andreas Reiners

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