Mythos: Das Rugby-Team Neuseelands. - Bildquelle: imago images/Action PlusMythos: Das Rugby-Team Neuseelands. © imago images/Action Plus

München – Es ist nicht leicht, sich einem Mythos angemessen zu nähern. 

Eigentlich muss man ihn spüren und fühlen, man muss ihn leben und erleben. Dann kann man am besten ausdrücken, wie dieser oft benutzte Begriff tatsächlich mit Leben gefüllt wird. Was er bedeutet.

 

Die All Blacks sind so ein Mythos. Man muss deshalb wohl Neuseeländer sein, um das Gefühl bis ins letzte Detail zu vermitteln, die Bedeutung, das ganze Ausmaß an Emotionen, zu dem diese Rugby-Mannschaft in der Lage ist, die sie entfachen kann.

Wichtiger als Politik

Rugby ist in Neuseeland Religion, wichtiger als Politik. Es ist eine Sportart, die ein Lebensgefühl ausdrückt, die lange Suche nach dem Selbstwertgefühl. 

Man wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rugby fündig, als auf einer internationalen Tour nicht nur der Begriff All Blacks entstand, sondern dank einer Siegesserie auch der Ruf, eine der besten Nationen der Welt zu sein. Die oft erzählte Geschichte vom Underdog, der auszog, um den Großen das Fürchten zu lehren.

Rugby prägt heute 4,5 Millionen Neuseeländer und schaffte ein Band zwischen den Nachfahren britischer Einwanderer und den Maori, den Ureinwohnern. Das Team stellt einen Querschnitt durch die Bevölkerung dar. Identifikation ist da das Zauberwort. Die Spieler sind Popstars, Vorbilder. 

Wie extrem der Hype in Neuseeland ist, weiß Anton Segner. Der Frankfurter ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen, dem Mythos gefolgt und ist nun Kapitän einer der traditionsreichsten College-Mannschaften des Landes, wurde als Austausch-Schüler in die neuseeländische U18-Nationalmannschaft berufen und hat bereits jetzt seine ersten Profi-Verträge unterzeichnet. 

"Hier läuft jedes Kind mit einem Rugby-Ball unter dem Arm rum und an jeder Ecke gibt es Rugby-Stangen. Das ist genau das, was ich wollte. Und auch wenn es am Anfang ein paar blöde Blicke gab, dass ein Deutscher hier versucht Rugby zu spielen, hat es sich am Ende gelohnt", sagte er im Interview ran.de.

Alles wird schwarz gemacht

Wenn die All Blacks nach 1987, 2011 und 2015 jetzt ihren vierten WM-Titel jagen, wird in der Heimat "alles schwarz gemacht", berichtet Segner: "Beim Burgerladen sind plötzlich die Brote schwarz, die Milchkartons sind schwarz – einfach alles. Die All Blacks gehören zur Kultur, das sind quasi die Götter in Neuseeland." Sie sind nach dem Herrn der Ringe die bekannteste Marke des Landes. 

 

Die will geschützt werden, und ihr Erfolg natürlich auch. Deshalb ist der Sport fester Bestandteil des Schulsystems, der Nachwuchs wird intensiv gefördert. 

Segner beschreibt, wie intensiv: "Montags, dienstags und donnerstags stehe ich um 6:30 Uhr auf und bin um 7 Uhr im Kraftraum. Ich habe viermal die Woche positionsspezifisches Training, einmal Videoanalyse, einmal Ausdauertraining und einmal Ball-Skills – also den Ball fangen, rennen, passen und sowas. Dienstags und donnerstags bin ich mit dem Team auf dem Feld und wir trainieren unseren Game-Plan. Am Freitag haben wir einen Captains-Run, wo wir durch unsere letzten Spielpläne laufen. Samstags ist ein Spiel und sonntags haben wir eine Pool-Session zur Erholung."

Und natürlich darf der Haka nicht fehlen, der Kriegstanz der All Blacks, der vor jedem Spiel inszeniert wird. Für Segner war es "ein unglaubliches Ereignis in meinem Leben. Als ich in Deutschland war, habe ich den Haka der All Blacks nur auf Youtube gesehen. Und dann habe ich mich plötzlich wie in den Videos gesehen, die ich als kleines Kind geguckt habe." 

So hält man das Niveau hoch. Und den Mythos gleichzeitig lebendig, und das über Generationen hinweg. Unermüdlich, immer wissend, wo man herkommt. Und in welche Richtung es gehen soll.

Deshalb gibt es die klare Ansage: Wer außerhalb von Neuseeland spielt, kann kein All Black mehr sein. 

Einmal weg, immer weg

"Man wird sicherlich keine Spieler in Großbritannien oder Europa sehen, die auch für die All Blacks spielen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein neuseeländischer Rugbyspieler, der aus Europa zurückkehrt, wieder ein All Black ist - das passiert nicht. Sobald man geht, geht man für immer", sagte Superstar Beauden Barrett. 

Haka, Mythos, Underdog, Prinzipien: Es muss doch noch ein ungewöhnliches Geheimnis geben, warum die All Blacks das Maß der Dinge in der Rugby-Welt sind? 

"Es ist nicht eine Sache, es sind eine ganze Reihe von Dingen: harte Arbeit, hohe Erwartungen und die Disziplin, diese jeden Tag zu leben und sie zu genießen", sagt Barrett: "Wenn man etwas wirklich genießt, kann man sich selbst herausfordern. Wenn man es nicht genießt, wird man im Training und im Spiel nicht an die Grenzen gehen."

 

Vor dem Viertelfinale schrieben manche schon den Abgesang herbei, stellen die oft unter Beweis gestellte Unbesiegbarkeit - ein wesentlicher Bestandteil der Legendenbildung – in Frage. Die All Blacks gaben die Antwort auf dem Platz und ließen ihre Kritiker und Zweifler auf eine Art und Weise verstummen, wie es einem Mythos würdig ist. Mit 46:14 fegte Neuseeland Mitfavorit Irland vom Feld und steht nun im Halbfinale am Samstag (ab 9.30 Uhr live auf ProSieben MAXX und auf ran.de) England gegenüber.

In dieser Zeit kann man es spüren, sehen und verstehen, wenn man die Spiele verfolgt, jetzt, wo es im Turnier ernst wird, wo neue Helden geboren und Legenden geschrieben werden. 

Jetzt, wo es in die heiße Phase geht, wo eine ganze Nation mitleidet und mitfiebert, hat man eine ganz gute Chance, sich dem Mythos angemessen zu nähern.

Andreas Reiners

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