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Motorsport Formel 1

Analysiert: Verstappens Windschatten-Geniestreich war "einfach Zufall"

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© Motorsport Images
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Wenn Sergio Perez schon selbst nicht besser war als P8 (und damit, wegen der aus Kanada mitgeschleppten Strafe, Elfter der Startaufstellung): Für Max Verstappen hat er im Qualifying zum Grand Prix von Spanien 2024 einmal mehr den perfekten "Wingman" abgegeben.

Perez war am Ende seiner schnellen Runde, als hinter ihm gerade Verstappen seine letzte schnelle Runde begann. Bis zur ersten Kurve spendierte der Mexikaner etwas Windschatten - und die Datenanalyse zeigt: Verstappen hatte an dem Punkt, als er in Kurve 1 an Perez vorbeifuhr, 0,133 Sekunden Vorsprung auf den späteren Polesetter Lando Norris.

Ein taktisches Meisterstück von Red Bull? Weit gefehlt: "Es war einfach Zufall", gibt Verstappen zu. "Ich wusste zuerst gar nicht, wo Checo auf seiner Runde war." Dann hörte er am Boxenfunk: "Checo 3,5 Sekunden, Max. Er wird dich vor Kurve 10 überholen." Da dachte sich Verstappen: "Gut, dann versuche ich mal, mich da dranzuhängen!"

Eine Idee, die Renningenieur Gianpiero Lambiase gar nicht cool fand. Zehn Sekunden, nachdem Perez an Verstappen vorbei war, roch er den Braten, dass sich Verstappen an den Teamkollegen anhängen möchte. Und ermahnte ihn, das nicht zu tun: "Manage deine Reifen, Max. Das ist jetzt das Wichtigste." Was Verstappen freilich nur halbherzig befolgte.

Doch der Windschatten-Vorteil war schnell aufgebraucht. Bereits nach Kurve 3 war der angehäufte Vorsprung auf Norris weg, und nach den Kurven 4, 5 und 6 lag Verstappen schon zwei Zehntelsekunden hinter dem McLaren. Erst im letzten Sektor, der das ganze Qualifying hindurch seine Paradepassage war, rückte er Norris wieder bis auf 0,020 Sekunden auf die Pelle.

"Die Runde war gut", sagt Verstappen. "Ich hatte den Windschatten zu Kurve 1, und das Qualifying war insgesamt um Längen besser als das Training. Da hatte ich immer das Gefühl, dass das Auto nicht richtig beisammen ist. Aber im Qualifying hat es geklickt. Kurve 3, Kurve 9, die schnellen Passagen, gingen locker voll. Da habe ich die Zeit gemacht."

Vor Qualifying: Es brauchte mehr Downforce!

Verstappen war Zweiter im ersten, Fünfter im zweiten und Vierter im dritten Freien Training. Doch am Boxenfunk brachten Kommentare wie "Das Auto beißt nicht" immer wieder zum Ausdruck, dass er sich mit dem Fahrverhalten nicht wohlfühlte. Untersteuern in der Kurvenmitte, loses Heck am Ausgang waren die Kernprobleme.

Also ließ Verstappen zwischen FT3 und Q1 einen größeren Heckflügel montieren. "Vielleicht hatten wir für das Qualifying ein bisschen zu viel Luftwiderstand", analysiert er. "Aber im Nachhinein sagt sich das leicht. Tatsache ist: Wir sind das ganze Wochenende zu stark gerutscht. Jetzt hat's gepasst, und dann wünscht man sich plötzlich weniger Flügel. Liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache."

Dabei zeigt die Datenanalyse ein anderes Bild. Überall da, wo es viel geradeaus ging, war Verstappen schneller als Norris. Trotzdem beteuert er: "Viele der Kurven gingen für mich sowieso schon voll. Da kannst du mit einem steileren Flügel nicht viel gewinnen." Beim Topspeed hatte er jedenfalls die Nase vorn, mit 328,5 km/h zu 325,3 von Norris.

Vor allem kam im Qualifying noch etwas dazu: "Es wurde immer kühler und kühler. Allein deswegen gehen plötzlich Kurven voll, die vorher nicht voll gingen. Und dann hast du halt plötzlich etwas zu viel Luftwiderstand mit dem größeren Flügel." Knapp zehn Grad betrug der Unterschied in der Asphalttemperatur zwischen dem Abschlusstraining und Q3.

Helmut Marko: P2 eine "Erleichterung"

Für Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko war der zweite Platz - knapp von Norris geschlagen, aber komfortabel vor Mercedes und Ferrari - eine "Erleichterung". Er sagt im Interview mit Sky: "Nach dem dritten Training waren wir uns überhaupt nicht sicher, ob wir überhaupt in die ersten zwei Startreihen kommen."

Letztendlich habe "der Reifendruck" den Unterschied gemacht, berichtet Marko: "Das ist das Absurde. Da hat man die ganze Technik, die ganzen Simulatoren, und dann ist am Ende der Reifendruck das letzte Quäntchen, das den Ausschlag gibt."

Für Marko ist trotz des erfreulichen Turnarounds im Qualifying McLaren "der klare Favorit" auf den Sieg in Barcelona: "Dass der McLaren in den vergangenen Rennen unheimlich aufgeholt hat und ein universelles Auto für alle Strecken- und Reifentypen ist, ist schon klar. Man kann nichts mehr als gegeben hinnehmen."

Aber: "Auf der anderen Seite war immer heißes Wetter, und jetzt ist es kühler geworden. Da waren wir besser. Mit den Änderungen, die wir durchgeführt haben, ist auch davon auszugehen, dass der Reifenverschleiß besser wird. Und schauen wir mal, ob es überhaupt trocken bleibt. Das ist die andere Frage."

Bestätigt Barcelona Red Bulls Befürchtungen?

Barcelona ist für viele der endgültige Beweis für die Zeitenwende in der Formel 1. Dass Red Bull in Miami, Imola, Monte Carlo und Montreal nicht mehr konkurrenzlos war, wurde auch den ungewöhnlichen Streckentypen zugeschrieben. Doch auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya, der ultimativen Referenzstrecke der Formel 1, scheint der RB20 genauso verwundbar zu sein.

"Es war schon okay", sagt Verstappen, "aber eindeutig nicht gut genug. Auf solchen Strecken hatte ich schon gehofft, dass wir vorn sind. Aber die anderen Teams holen auf. Wir sehen das schon seit ein paar Rennen. Es wird schwieriger. Wir müssen alles perfekt treffen, um Erster zu sein. Wir müssen einfach mehr Performance ans Auto bringen."

Red Bull hatte für Barcelona das nächste Update gezündet. Ein neuer Beamwing und neue Heckflügel-Endplatten sollten mehr Anpressdruck liefern. Dazu kamen ein paar streckenspezifische Änderungen, um auf die Kühlbedürfnisse in Barcelona Rücksicht zu nehmen. Zum Beispiel ein neuer Lufteinlass am Seitenkasten, eine neue Motorabdeckung, ein modifizierter Unterboden.

Das Update sei "von Anfang an nicht gelaufen", bedauert Marko. Er sagt: "Du bringst etwas, was in der Theorie deutlich besser ist, und auf der Strecke kannst du es nicht umsetzen. Ich will jetzt nicht sagen, dass das Update an sich nicht gut wäre. Sondern das Verständnis dafür und die Umsetzung ist an einem Rennwochenende nicht gelungen."

Verstappen: Liebäugelt er noch mit Mercedes?

Einen Weckruf, relativiert Verstappen aber, habe es nicht gebraucht, denn: "Nach dem, was zuletzt passiert ist, sind wir schon wach! Wir müssen pushen. Wir müssen Teile schneller bringen, und sie müssen besser sein. Wir hatten im Vorjahr ein sehr dominantes Auto. Das ist jetzt Geschichte. Wir müssen wirklich versuchen, wieder einen Schritt zu machen."

Aussagen, die nicht dazu beitragen, Gerüchte verstummen zu lassen, wonach Verstappens Umfeld nach wie vor damit liebäugeln soll, bereits für 2025 das Team zu wechseln. Im Paddock heißt es unverändert, Toto Wolff werde Andrea Kimi Antonelli erst fix bestätigen, wenn Verstappen fix abgesagt hat. Und das hat er offenbar noch nicht.

Ein kleiner Trost könnte sein, dass in Barcelona der Weg zur ersten Kurve lang ist - und damit auch die Chance für den Zweitplatzierten, sich im Windschatten am Polesetter vorbeizusaugen. Aber Verstappen stellt klar: "Ich würde schon lieber als Erster starten. Verteidigen ist leichter. Aber es ist ein langes Rennen. Da kann auch mit den Reifen alles passieren."


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