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Motorsport Formel 1

Andrea Stella: Warum es unfair wäre, Andreas Seidl zu verteufeln

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© circuitpics.de
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Andreas Seidl hatte McLaren Anfang 2019 auf Platz 6 der Konstrukteurs-WM übernommen. 2018 hatte das Team 62 Punkte geholt. 2019, in seinem ersten Jahr als Teamchef, wurde daraus Platz 4, mit 145 Punkten, gefolgt von Platz 3 mit 202 Punkten in der "Coronasaison" 2020 und Platz 4 mit 275 Punkten und dem ersten Grand-Prix-Sieg 2021.

Dann kam 2022 das neue Reglement mit den "Ground-Effect-Cars", und McLarens Vorwärtsdrang stagnierte. Das Team fiel hinter Alpine auf Platz 5 zurück, mit nur noch 159 Punkten. Und Seidl hatte das Angebot vorliegen, ab 2023 die Vorbereitung des Sauber-Teams auf den Werkseinstieg von Audi zur Saison 2026 zu übernehmen.

McLaren fiel in den ersten Post-Seidl-Monaten weiter zurück, sammelte in den ersten acht Rennwochenenden kümmerliche 17 Punkte. Lando Norris kam ins Grübeln, ob es nicht ein katastrophaler Fehler war, sich, eingefädelt noch von Seidl, langfristig an McLaren zu binden. Bis beim Grand Prix von Österreich 2023 mit einem Update jene Wende begann, die heute bedeutet, dass McLaren wahrscheinlich das schnellste Auto im Feld hat. Noch vor Red Bull.

Im September 2023 - McLaren hatte sich jetzt rehabilitiert und war wieder eine Macht in der Formel 1 - nutzte CEO Zak Brown die Gelegenheit, Seidl in einem Interview mit Motorsport-Total.com subtil eine mitzugeben. Er wolle Seidl und James Key, der Seidl zu Audi gefolgt ist, "nichts absprechen. Aber wenn wir nach dem Ursprung suchen, wo unsere Wende begonnen hat", dann sei das bereits vor 2019 mit "Andrea Stella, Pete Prodromou und Gil de Ferran" passiert.

2022, so Brown damals, sei unter Seidls Führung "ein Jahr der Stagnation" gewesen: "War okay, kommt vor. Insofern fiel mir die Entscheidung leicht, als sich die Chance bot, frühzeitig einen Wechsel zu vollziehen, zumal ich Andrea Stella einsatzbereit an meiner Seite hatte."

Das suggeriert eine Geschichtsschreibung, die lautet: Ja, Seidl habe McLaren verlassen, weil er ein Angebot von Audi vorliegen hatte. Aber in Wahrheit war es Brown gar nicht unrecht, den Deutschen loszuwerden und stattdessen Stella befördern zu können, der 2015 mit Fernando Alonso von Ferrari zu McLaren gekommen war.

Was Stella über seinen Vorgänger sagt

Doch Stellas Geschichte geht anders als die, die Brown vor knapp einem Jahr propagiert hat. Er wolle "betonen, dass einige Bereiche der Infrastruktur, die ab 2023 zum Tragen kam, bewilligt wurden, als Andreas noch verantwortlich war. Viele der positiven Faktoren, von denen wir heute profitieren, sind unter Andreas' Verantwortung entstanden", unterstreicht der derzeitige McLaren-Teamchef in einem Interview, das am Sonntagmorgen in voller Länge auf Motorsport-Total.com veröffentlicht wird.

"Es wäre eine unfaire und inkorrekte Interpretation des zeitlichen Ablaufs, das Entfesseln des Potenzials nur mit der personellen Änderung in Verbindung zu bringen. Das ist nicht die Wahrheit. Die Dinge haben sich mit der Zeit so entwickelt", sagt Stella in dem Gespräch, das am Donnerstag vor dem Grand Prix von Österreich aufgezeichnet wurde.

Stella: Potenzial war schon vorher da

Stella legt Wert drauf, seinen persönlichen Anteil am McLaren-Umschwung, der in Österreich 2023 begonnen hat, klein zu reden: "Der Grund, warum wir vor zwölf Monaten ein Auto bringen konnten, das sehr viel schneller war als das Auto vor Österreich, waren die Menschen, die bei McLaren arbeiten. Die 1.000 Mitarbeiter von McLaren haben das erreicht", sagt er.

"Mein Beitrag und der des Führungsteams war, wenn überhaupt, drüber nachzudenken, wie wir die Talente, die ganz offensichtlich schon bei McLaren waren, entfesseln können. [...] McLaren befand sich nicht in einer Aufwärtsbewegung. Wir waren im Wanken. Aber ich kannte die Menschen bei McLaren, und ich wusste genau, welches Talent in diesem Team schlummert."

"Als ich mir einige Kollegen in der Aeroabteilung angeschaut habe, dachte ich mir: 'Hey, das sind die gleichen Leute wie die, die 2009 aus einem katastrophalen Auto am Saisonbeginn das schnellste Auto am Saisonende gemacht haben.' Und 2010 und 2011 war die nahtlose Fortsetzung davon. Ich war damals bei Ferrari, und ich habe mich oft gefragt: 'Wie machen die das?' Das Talent war also eindeutig schon da."

War 2022 eine Folge fehlender Infrastruktur?

Dass die bis dahin steil ansteigende McLaren-Formkurve 2022 erstmals einen Knicks erlitt, sei eine Konsequenz der großen Regelreform gewesen. McLaren habe bis 2021 stets inkrementelle Fortschritte gemacht, doch mit der Regelreform wurden die Schwächen des Teams im Bereich der Infrastruktur schonungslos aufgedeckt. Die von Seidl initiierten Änderungen gingen erst 2023 in Betrieb.

Seidl hatte zwar schon bei seiner Ankunft die McLaren-Shareholder davon überzeugt, unter anderen in einen neuen Windkanal, neue Anlagen für die Verbundstoffproduktion und eine neue Maschinenhalle zu investieren. Aber das sei nur "der erste Schritt" gewesen, "um den Rückstand aufzuholen, der durch 15 Jahre ohne ausreichendes Kapitalinvestment bei McLaren entstanden war", gibt Stella zu.

"Ein Grund, warum wir bei den Regeländerungen so große Schwierigkeiten hatten, ist, dass wir in den Windkanal in Köln ausweichen mussten. Konkretes Beispiel: Du entwickelst eine neue Geometrie, die getestet werden muss. Wir konnten diese sieben bis zehn Tage später in Köln testen. Andere Teams konnten das 24 Stunden später im eigenen Windkanal tun."

"Das ist dann ein ganz anderer Sport. Fast so, als würde man Basketball spielen, aber mit einem schwereren Ball. Diese Investments haben uns geholfen, den Rückstand in ganz fundamentalen Bereichen der Infrastruktur zu schließen", erklärt Stella.

Und das ist letztendlich auch ein Verdienst der Seidl-Ära bei McLaren ...


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