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Motorsport Formel 1

Hamiltons Sieg für die Ewigkeit: "So oft gedacht, dass es nie wieder passiert"

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© Motorsport Images
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So emotional hat man Lewis Hamilton noch nie erlebt: Nach fast 1000 Tagen gewinnt der Brite wieder einen Formel-1-Grand-Prix, und das ausgerechnet bei seinem Heimspiel in Silverstone - nach der Zieldurchfahrt brechen beim Rekordweltmeister alle Dämme:

"Dieses Gefühl beim Überfahren der Linie... Ich habe ehrlich gesagt noch nie wegen eines Sieges geweint, aber jetzt kam es einfach aus mir heraus. Und das war ein wirklich großartiges Gefühl, für das ich sehr dankbar bin", strahlt der Brite nach seinem sage und schreibe 104. Grand-Prix-Sieg.

Es ist ein Triumph für die Ewigkeit, wie die Zahlen zum neunten Hamilton-Sieg in Silverstone eindrucksvoll belegen - damit ist der Brite nun alleiniger Rekordhalten für die meisten Siege auf einer Strecke, lässt Michael Schumacher hinter sich, der achtmal in Magny-Cours gewann.

Nicht nur ist Hamilton im Alter von 39 Jahren und 182 Tagen der ältester Grand-Prix-Sieger in diesem Jahrtausend, er ist auch der erste Fahrer mit über 300 Grand-Prix-Starts, dem noch ein Erfolg gelingt - im 344. Anlauf. Damit hält Hamilton, mit 17 Jahren und einem Monat, nun auch die Bestmarke für die längste Zeitspanne zwischen dem ersten Sieg, 2007 in Kanada, und dem vorerst letzten am Sonntag.

Zwölftes Podium in Serie für Hamilton in Silverstone

Ebenfalls unglaublich: Für ihn ist es schon der 15. Podestbesuch in Silverstone, und sogar der zwölfte in Serie - beides ebenfalls Rekordmarken. Kein Wunder, dass Hamilton angesichts des historischen Meilensteins findet: "Es fühlt sich anders an als bei früheren Rennen, gerade wo man das Rennen für Rennen hatte, also in Saisons mit mehreren Siegen."

Der Grund dafür ist leicht auszumachen, musste Hamilton doch 56 Rennen auf einen Sieg warten - zuletzt triumphierte er 2021 in Saudi-Arabien, ein Rennen vor dem dramatischen Saisonfinale in Abu Dhabi, das ihn unter kontroversen Umständen um seinen achten WM-Titel und den Status als alleinigen Rekordchampion brachte.

"Das ganze Ungemach, das wir als Team durchgemacht haben, und von dem ich auch persönlich das Gefühl hatte es zu erleben - diese konstanten Herausforderungen, die wir alle durchmachen müssen, wenn wir jeden Tag aufstehen und unser Bestes geben", sagt Hamilton: "Es gab so viele Zeiten, wo es sich so angefühlt hat, wie wenn das Beste einfach nicht gut genug ist."

"Diese Enttäuschung spürt man dann", sagt Hamilton, und weist nicht zum ersten Mal auf die Wichtigkeit mentaler Gesundheit hin: "Und ich werde nicht lügen, dass ich das auch erlebt habe. Es gab definitiv Momente, wo ich dachte, dass es das war, dass es mir nie wieder gelingen wird", sagt er mit Blick auf seine dunkelsten Stunden.

Warme Worte gibt es deshalb von Sky-Experte Ralf Schumacher: "Top-Leistung von ihm und auch vom ganzen Team, aber für ihn schon wichtig nach so einer langen Zeit und auch so gewissen Selbstzweifeln, aber auch Zweifeln von außen, weil die Leute gesagt haben: 'Naja, es wird Zeit, vielleicht ist er einfach jetzt schon zu alt und Ferrari ärgert sich.' Heute ist alles wieder auf null, das ist das Schöne am Motorsport und an der Formel 1."

Hamilton über 104. Sieg: "Vielleicht der speziellste"

Findet auch Hamilton, der nach dem Rennen im ORF verrät: "Als ich über die Ziellinie bin, konnte ich es nicht glauben, dass es wahr ist, dass es wirklich passiert ist. Ich habe so oft gedacht, dass es nie wieder passiert - und jetzt habe ich diese negative Seite in mir eines Besseren belehrt."

Das mache seinen neunten Triumph beim Heimspiel so besonders: "Ich habe echt ein schlechtes Gedächtnis, und ich versuche auch immer sehr in der Gegenwart zu leben. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich diesen mit irgendeinem anderen vergleichen kann, um ehrlich zu sein."

"Ich hatte so viele großartige Momente", erinnert sich Hamilton, "aber jetzt beim Heimrennen, und mit der längsten Serie, in der ich keinen Sieg hatte - seit 945 Tagen, und mit den Emotionen, die sich über diesen Zeitraum angestaut haben: Deswegen könnte das einer der speziellsten für mich sein, wenn nicht vielleicht der speziellste."

Auch die Stimmung in Silverstone zaubert Hamilton ein Lächeln auf die Lippen: "Es ist ein gutes Wochenende für den britischen Sport", schmunzelt der Mercedes-Star in Anspielung auf den Halbfinaleinzug der englischen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft, und verrät: "Das Elfmeterschießen gestern war wirklich großartig."

"Ich habe vielleicht mal im Pub geschaut, als ich aufgewachsen bin. Aber gestern saß ich da, mit über 20.000 Leuten, das war wirklich unglaublich. Ich bin dankbar, dass ich dieses Erlebnis mit George (Russell) hatte. Wir haben zusammen auf der Bühne geschaut, und danach bin ich nochmal hierher, bis ungefähr um zehn Uhr abends", verrät Hamilton seine Extramotivation am Vorabend des eigenen Triumphs.

"Ich habe einfach nochmal an meinem Fahrzeug gearbeitet, an Dingen, von denen ich nach den Trainings das Gefühl hatte, dass wir sie verbessern müssen. Und ich hatte das Gefühl, das konnten wir heute einbringen", sagt der Silberpfeil-Star: "Ich denke, diese Zeit letzte Nacht hat wirklich den Unterschied gemacht."

Wolff über Undercut: "Das war der gute Schachzug"

Mit guter Pace hielt sich der Brite stets gut im Rennen, führte zwischenzeitlich sogar vor Teamkollege George Russell - mit dem einsetzenden Regen war dann aber McLarens Pace zu stark, Lando Norris übernahm die Führung. Doch Hamiltons Geduld sollte sich auszahlen: "Es waren wirklich schwierige Bedingungen", sagt der Mercedes-Pilot über die rennentscheidende Phase nach dem großen Guss.

"Es war am Auftrocknen und ging darum, das richtige Timing zu erwischen. Ich glaube, wenn Lando vor uns gestoppt hätte, wäre es sehr schwer geworden an ihm vorbeizukommen. Aber der Moment, wo ich aus Kurve 15 kam und an die Box fuhr, und er draußen geblieben ist, das war der Moment, wo ich wusste, dass eine Chance haben werde ihn zu undercutten", so Hamilton.

Für Mercedes-Teamchef Toto Wolff der rennentscheidende Call: "Ich glaube, das war der gute Schachzug, dass wir da ein bisschen gezockt haben. Aber auch die Kommunikation zwischen Fahrer und Team hat da richtig gut funktioniert", lobt der Wiener in Bezug auf den Moment, der Hamilton erneut in Führung brachte.

Zwar machen Norris und Verstappen anschließend von hinten ordentlich Druck, doch Hamilton hält dem stand: "Ich habe wirklich versucht alles zu geben, absolut am Limit und volle Attacke, um den Abstand bei drei Sekunden zu halten. Am Ende ist der Reifen dann etwas eingegangen, es war also die perfekte Distanz für den Stint. Fünf Runden mehr, und ich weiß nicht, ob wir das hätten halten können", grinst der Sieger.

Selbst Marko lobt "Meister" Hamilton

Sonderapplaus gibt es dafür von keinem Geringeren als Helmut Marko: "Das war wieder Hamiltons Stärke. Seine Reifen haben schon leicht angefangen zu grainen - das sehen wir und dachten, das geht sich aus. Aber da sieht man, welch Meister er ist, der ein Rennen lesen kann und die Reifen also genau so fordert, dass sie nicht einbrechen", lobt Red Bulls Motorsportberater den Konkurrenten.

Entsprechend groß ist die Erleichterung im Ziel auch bei Hamiltons Renningenieur Peter Bonnington, der nach dem Rennen mit seinem Piloten zur Siegerehrung darf, und wegen der Freudentränen anschließend scherzt: "Ich hatte etwas im Auge! Das war emotional, denn es ist eine lange, lange Zeit her und er und ich haben hart gearbeitet, um wieder dahin zu kommen."

Während des Rennens bleiben 'Bono' und Hamilton die meiste Zeit aber ganz cool: "Ich würde nicht sagen, dass ich null Zweifel hatte", sagt der Renningenieur mit Blick auf Hamiltons Risiko mit den roten Reifen im letzten Stint: "Aber wenn er das Messer erstmal zwischen den Zähnen hat..."

Die Anspannung entlädt sich unter anderem in einer Ansage seines Schützlings am Funk, ihn für die letzten Runden alleine zu lassen: "Wenn mir gesagt wird, ich soll die Klappe halten, dann weiß ich, dass wir im Rennen sind", nimmt's Bonnington sportlich.

Für Mercedes-Teamchef Wolff ist am Sonntag in Silverstone jedenfalls wieder der alte Lewis Hamilton zu sehen: "Er ist ein fantastischer Rennfahrer, und wenn er Lunte riecht, dass er einen Grand Prix gewinnen kann, dann ist er einfach so stark", lobt der Wiener.

Noch wichtiger als die gute Leistung ist für Wolff am Sonntag aber, "dass wir eine richtig gute Verabschiedung gemacht haben mit Lewis in England. Den britischen Grand Prix zu gewinnen, vor den eigenen Fans, das letzte Rennen hier mit Mercedes - das ist ein bisschen wie ein kleines Märchen", findet Wolff im ORF.

"Ich glaube, dass die Geschichte so zu Ende geht mit dem Lewis hier in England, ist eine ganz wichtige für ihn und das Team", ordnet der Silberpfeil-Boss den historischen Moment ein, und erklärt: "Im Moment denke ich noch nicht so drüber nach. Aber irgendwann, wenn's zu Ende geht mit ihm, werden wir uns an den Grand Prix erinnern und werden sagen: Das war super."


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