Nick Kyrgios reizt in Wimbledon die Grenzen des guten Geschmacks aus - das s...Nick Kyrgios reizt in Wimbledon die Grenzen des guten Geschmacks aus - das spaltet die Tennis-Welt

London - Selbst der Erfinder des schlechten Benehmens auf einem Wimbledoncourt, der Super-Flegel der frühen 80er Jahre zweifelte plötzlich, ob dieser Nick Kyrgios tatsächlich ein Gewinn für den Sport ist.

Dessen Verhalten, sagte John McEnroe, sei "traurig und schön zugleich".

Die Tenniswelt ist gespalten: Viele Fans feiern Kyrgios (ab 14:30 Uhr gegen Drandon Nakashima im Liveticker auf ran.de), diesen ebenso brillanten wie unverschämten Australier, der auf die Etikette und den Heiligen Rasen spuckt. Der als Heilsbringer gilt, als Jungbrunnen für die angestaubte Szene des Sports, der nur noch in Wimbledon wirklich weiß ist.

Grieche Tsitsipas verachtet Kyrgios

Stefanos Tsitsipas feiert Kyrgios nicht.

Er verachtet ihn und den "Zirkus", den Kyrgios veranstaltet. Nach einem denkwürdigen Drittrundenduell, das Züge eines Straßenkampfs, inklusive Pöbeleien und körperlicher Attacken annahm, sagte der Verlierer: "Er hat eine böse Seite - und wenn die rausbricht, dann kann er den Menschen um sich herum wirklich viel Leid und Schaden zufügen."

Tsitsipas sah sich als Mobbing-Opfer. "Er tyrannisiert seine Gegner, wahrscheinlich ist er in der Schule selbst gequält worden." Nick Kyrgios, im Shirt des Basketball-Bösen Dennis Rodman zur PK erschienen, lachte laut. "Er hat mit Bällen nach mir geschossen, er hat eine Zuschauerin getroffen, er hat den Ball aus dem Stadion gedroschen."

Kyrgios sagte: "Ich habe gar nichts getan."

Kyrgios herrscht Schiedsrichter an: "Bist du dumm?"

In Wahrheit hatte er Tsitsipas zur Weißglut getrieben. Von Beginn an schimpfte sich Kyrgios durch das Match, schnauzte die Linien- und Schiedsrichter Damien Dumusois an, kaum eine Pause zwischen den Ballwechseln und Aufschlagspielen verging ohne Mätzchen oder Gequassel des "Bad Boys". Bis Tsitsipas die Beherrschung verlor.

Nach dem Verlust des zweiten Satzes drosch der Grieche den Ball frustriert ins Publikum, anscheinend ohne jemanden zu treffen. Die Verwarnung war dennoch folgerichtig, nur für Kyrgios ein schlechter Witz, er wollte die Disqualifikation. Er ließ den Oberschiedsrichter rufen, als der keine andere Entscheidung traf, rastete Kyrgios aus.

"Bist du dumm?", herrschte er Dumusois an: "Du bist eine Schande, du änderst die Regeln, wie du willst."

Der Schlagabtausch, der sich danach entwickelte, hatte der noble All England Club seit McEnroes Tagen nur noch selten erlebt, Tsitsipas brannten die Sicherungen durch, er zielte mehrfach auf Kyrgios und gab die Absicht später unumwunden zu: Er wollte ihn "stoppen. Das muss aufhören. Das ist nicht okay. Irgendwer muss sich mit ihm hinsetzen und reden." Die Turnierveranstalter belegten beide Spieler mit Geldstrafen: Tsitsipas muss 10.000 Dollar (9600 Euro) zahlen, Kyrgios 4000 Dollar (3800 Euro).

Barbara Rittner: "Ihm würde etwas mehr Respekt und Demut gut zu Gesicht stehen"

Auch Barbara Rittner kann mit dem effektheischerischen Gehabe nichts anfangen. "Mir hat das einfach wenig Spaß gemacht, das Spiel zu schauen", sagte die Frauen-Bundestrainerin im Gespräch mit ran, "ihm würde etwas mehr Respekt und Demut gut zu Gesicht stehen, finde ich. Diese ganzen Nebengeräusche immer wieder, finde ich nervig. Das ist schade, weil er das gar nicht nötig hat. Er ist so ein guter Tennisspieler."

Ihrer Auffassung nach steckt eine Strategie hinter den Spielchen des Australiers. "Durch diese Provokation", merkte Rittner an, "schwächt er seine Gegner mental – das weiß Kyrgios auch. Ich finde, man kann ihn da noch mehr in die Schranken weisen."

Je nach Grad der Unbeherrschtheit wäre auch eine harte Sanktion zu überdenken. "Bei Beleidigungen, finde ich, da muss man Kyrgios auch einfach mal disqualifizieren. Nicht, dass ich das jetzt fordere, weil ich nicht weiß, was gesagt wurde, aber man kann so ein Verhalten ja auch in die Schranken weisen – das passiert aber noch viel zu wenig."

Letztlich sollten die sportlichen Aspekte im Vordergrund stehen, betonte Rittner, "nicht die Mätzchen drumherum, die gehören dazu – in einem gewissen Rahmen. Aber Kyrgios übertreibt es halt." Aufgrund der Umstände habe sie auch Gegner Tsitsipas verstehen können.

"Es war eigentlich ein geiles Match, aber man hat die Lust verloren, es zu schauen wegen dieser Nebengeräusche. Und das ist einfach schade. Ich habe mich echt gewundert, warum die konservativen Engländer Kyrgios trotzdem noch unterstützt haben." 

Kyrgios verspottet Tsitsipas

Tsitsipas selbst forderte Konsequenzen aller Spieler. "Ich hoffe, wir lassen uns etwas einfallen, um unseren Sport sauberer zu machen. Wir sollten dieses Verhalten nicht akzeptieren, tolerieren oder erlauben."

Von Kyrgios erntete er dafür nur Spott: "Er ist so weich." Wie eigentlich alle Gegner in Wimbledon. Seine Jungs zu Hause auf dem Basketballcourt, die seien richtig "harte Hunde".

Markige Worte, die der feinen Tennisgesellschaft doch übel aufstoßen müssten. Doch der Wimbledonaccount bei Twitter feierte gemeinsam mit vielen Fans die große Unterhaltung: "Ungescripted. Ungefiltert. Unumgänglich." Klingt wie der Untertitel einer Netflix-Doku - und tatsächlich ist diese in Arbeit. Mit Dreharbeiten in Wimbledon.

Kyrgios weiß um seinen Wert. "Es ist fantastisch: Überall, wo ich hinkomme, sind die Stadien voll", sagte er, die Zuschauer jubelten. "Und die Medien schreiben, ich sei schlecht für den Sport. Ganz offensichtlich nicht."

Das war weder traurig noch schön, sondern einfach nur wahr.

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