Von Kai Esser

Es war ein Schock für die San Francisco 49ers in Woche 13 der laufenden NFL-Saison.

Gerade mal vier Pässe konnte Jimmy Garoppolo werfen, ehe er verletzt raus musste. Die Diagnose: Ein gebrochener Fuß. Die berechtigten Hoffnungen der 49ers-Fans, dass diese mit Stars und All-Pros gespickte Truppe den Super Bowl erreichen, geschweige denn gewinnen könnte, schien erstmal zerschlagen.

Rund zwei Monate später ist die Euphorie an der Golden Gate Bridge wieder vollends entfacht. Der Grund hat einen Namen: Brock Purdy. Der allerletzte Pick im NFL Draft 2022 hauchte den Super-Bowl-Träumen der Fans in der Bay Area wieder neues Leben ein. Es ist ein Märchen, welches der Rookie von Iowa State schreibt. Bereits jetzt ist es eines für die NFL-Geschichtsbücher.

Rookie-Quarterback im Super Bowl? Brock Purdy wäre ein Novum

Sieben Spiele in Serie gewann der 23-Jährige nämlich, das gelang noch keinem Rookie-Quarterback zuvor. Insgesamt steht die Siegesserie der 49ers nun bei zwölf Partien. Einen Eintrag in die 103-Jährige Historie der NFL hat er also schon sicher. Und Interviews gibt er bereits wie ein erfahrener QB. "Playoff Football ist niemals einfach. Wir sind einfach froh, dass wir gewonnen haben", so Purdy nach dem knappen Sieg über die Dallas Cowboys.

Er könnte jedoch noch einen drauf setzen: Denn noch nie führte ein Quarterback im ersten Jahr sein Team durch die Playoffs bis in den Super Bowl. Der letzte Anlauf eines Rookies in 2021 scheiterte jäh bereits in der Wild Card Round: Mac Jones und die New England Patriots schieden chancenlos gegen die Buffalo Bills in der Wild Card Round aus.

Purdy könnte bei einem Einzug in den Super Bowl in große Fußstapfen treten. Der an Stelle 262 ausgewählte Spielmacher war buchstäblich der letzte Spieler, der im NFL Draft gezogen wurde, später gingen also nur die Undrafted Free Agents. Von diesen schafften es nur zwei jemals in das Endspiel um die Vince Lombardi Trophy: Kurt Warner mit den St. Louis Rams (2) und Arizona Cardinals sowie Jake Delhomme mit den Carolina Panthers.

Während Letzterer nur einer von vielen Namen in der NFL-Geschichte ist, ist Warner als Hall of Famer eine Größe dieses Sports, auf dessen Stufe sich Purdy stellen könnte, sollte er den Super Bowl gewinnen.

Auswärts bei den Eagles: Die bisher schwerste Prüfung

Dazwischen stehen jedoch noch ein AFC-Team und zuvor die Philadelphia Eagles im NFC Championship Game. Nicht nur wird es das erste Auswärtsspiel für Purdy in den Playoffs, sondern überhaupt die schwerste Prüfung für den jungen Quarterback.

"Dass er uns hier hin gebracht hat, ist außergewöhnlich", lobte ihn Tight End George Kittle nach dem Sieg über Dallas. Nun muss Purdy beweisen, dass er nicht nur von seinem Team getragen wurde.

Nicht nur müssen die 49ers einmal quer durch die USA und durch drei verschiedene Zeitzonen in ein ganz anderes Klima fliegen, gegenüber steht niemand geringeres als das beste NFC-Team der abgelaufenen Regular Season. Der unnachahmliche und ebenfalls historische Pass Rush der Eagles wird Purdy mehrfach unter Druck setzen. Doch nicht nur die, auch die dynamische Offense um Jalen Hurts wird die Offense der 49ers dazu zwingen, am Ende der meisten Drives mit Punkten vom Feld zu gehen.

Das Gefühl, dass der Gegner mit Hurts als Quarterback stets punktet, kennt Purdy übrigens bestens, denn bereits im Jahr 2019 im College trafen sich beide Teams in einem Klassiker für die Jahre. Mit 42:41 gewannen Hurts' Oklahoma Sooners gegen Purdys Iowa State Cyclones. Die Statistiken von Purdy? 337 total Yards, sechs total Touchdowns.

Bei der Two-Point Conversion am Ende jedoch warf der heutige 49er eine Interception, so verloren sie das Spiel. "Diese Niederlage geht auf meine Kappe", sagte ein betrübter Purdy nach der Partie. Das erwachsene Eingestehen von Fehlern zeigte er also bereits mit 20 Jahren am College. Eine Qualität, die nicht jeder Quarterback hat, mit Blick auf die New York Jets und Zach Wilson.

Brock Purdy: Der Raum für Fehler wird kleiner

Deshalb bleibt der 23-Jährige wohl auch so entspannt, wenn um ihn und seinen Erfolg gesprochen wird. Die Statistiken geben das schließlich auch her: 16 Touchdowns, nur drei Interceptions, rund zwei Drittel seiner Bälle kommen an bei einem Passer Rating von rund 108.

Allerdings sind Statistiken, wie in jeder Sportart und gerade im American Football, nur die halbe Wahrheit. Brock Purdy ist, wie jeder Rookie-Quarterback, nicht von fragwürdigen Fehlern befreit. Die machte der Spielmacher tatsächlich in regelmäßigen Abständen, die gegnerischen Defenses konnten es bisher jedoch nicht ausnutzen.

Beim 19:12 gegen die Cowboys erst hatte Star-Cornerback Trevon Diggs gleich zwei Chancen auf eine Interception. "Wenn er einen von beiden Bällen mitnimmt, dann geht das Spiel in eine ganz andere Richtung", prophezeite "FOX"-Experte Chris Broussard.

Um diese Aussetzer weiß jeder bei den 49ers, sie sind aber sowohl nachvollziehbar als auch verzeihbar. "Es geht nicht darum, immer richtig zu liegen", erzählt Head Coach Kyle Shanahan. "Es geht darum, besser werden zu wollen. Darum geht es beim Coaching. Deshalb macht es so viel Spaß, Brock zu coachen, weil er jeden Tag besser werden will."

Der Spielraum für solche Fehler wird jedoch mit jedem Spiel kleiner. Gegen die Eagles ist jener Spielraum vermutlich so klein, wie in Purdys ganzer Karriere noch nicht. "Man wächst auch mit seinen Aufgaben", schob Shanahan mit einem Augenzwinkern an.

Brock Purdy oder Jimmy Garoppolo? Kyle Shanahan hat die Qual der Wahl

In der gleichen Medienrunde gab der Hauptübungsleiter der 49ers nebenbei auch bekannt, dass eingangs erwähnter Jimmy Garoppolo für einen etwaigen Super Bowl wohl fit wäre.

Das wirft zweifelsohne die Frage auf: Wer würde starten, wenn beide Spieler fit sind? Mit Brock Purdy der Spieler, der das Team in einen Super Bowl bringen würde oder in Garoppolo der Spieler, der zwar nicht 100 Prozent fit ist, jedoch bereits einen Super Bowl gespielt hat und in mehreren vertreten war?

Shanahan hätte die Qual der Wahl. Genau so wie er sie, unabhängig vom Ausgang dieser Spielzeit, nach der Saison hätte. Dann wird nämlich Trey Lance, der eigentlich designierte Starter, wieder gesund sein. Ob dieser Status als Starter jedoch noch so unangefochten ist, bleibt abzuwarten.

Purdy seines Zeichens dürfte das alles ausblenden. Etwaige Quarterback-Fragen werden sich seine Coaches nach der Saison stellen, für ihn zählt nur das Spiel gegen die Philadelphia Eagles.

Neben einem weiteren Eintrag in die Historie der NFL steht noch viel mehr auf dem Spiel: Der Einzug in den Super Bowl in Glendale, Arizona.