Andreas Nommensen steht mit den Hamburg Sea Devils im ELF Bowl - Bildquelle: imago images/Kessler-SportfotografieAndreas Nommensen steht mit den Hamburg Sea Devils im ELF Bowl © imago images/Kessler-Sportfotografie

Früher stand Andreas Nommensen als Tight End der Hamburg Blue Devils selbst auf dem Platz und gewann drei Meisterschaften sowie den EuroBowl. Nun möchte er als Head Coach der Hamburg Sea Devils den ELF Bowl gegen Frankfurt Galaxy (am Sonntag ab 14:30 Uhr live auf ProSieben MAX und ran.de) für sich entscheiden. 

Im exklusiven ran-Interview spricht er unter anderem über die Favoritenrolle, Kasim Edebali und die Zukunft des deutschen Footballs.

ran: Herr Nommensen, der ELF Bowl gegen die Frankfurt Galaxy steht bevor. In der regulären Saison haben beide Teams jeweils einmal gegeneinander gewonnen. Gibt es dennoch einen Favoriten?

Andreas Nommensen: Frankfurt Galaxy ist der Favorit, weil sie über die gesamte Saison am konstantesten waren. Sie haben lediglich ein Spiel verloren, wir drei Spiele. Außerdem haben wir das Rückspiel in Frankfurt relativ deutlich verloren.  

ran: Welche Erklärung haben Sie rückblickend dafür, dass diese Partie mit einem enttäuschenden 9:35 geendet ist?

Nommensen: Dafür gab es mehrere Gründe. Wir mussten einige Ausfälle verkraften und haben dadurch einige Spieler auf anderen Positionen eingesetzt. Wir hatten auch eine Quarterback-Rotation und haben unseren deutschen Quarterback Salieu Ceesay spielen lassen. Dies war auch geplant. Leider war gleich erste Spielzug ein Fumble, der von der Frankfurter Defense zum Touchdown aufgenommen wurde. Es kam einiges zusammen.

ran: Wie muss Ihre Mannschaft nun gegen Frankfurt Galaxy auftreten, um den ersten ELF Bowl zu gewinnen?

Nommensen: Wir müssen das beste Spiel der Saison machen. Es gibt keinen bestimmten Erfolgsschlüssel, weil Frankfurt eine komplett gute Mannschaft ist und kaum Schwachstellen bietet. Umso wichtiger ist es, dass wir physisch überzeugen. Ich sehe jedenfalls Möglichkeiten für uns. 

ran: Kasim Edebali zog sich eine Verletzung zu, wird im Finale wohl aber wieder zum Einsatz kommen. Was für einen Einfluss hat er als ehemaliger NFL-Profi auf seine Mannschaftskameraden?

Nommensen: Er hat einen sehr großen Einfluss, weil er sehr geerdet ist. Er kennt viele Spieler von uns aus Hamburg. Vielfach waren das seine Jugendfreunde. Kasim hat überhaupt keine Star-Allüren, ganz im Gegenteil. Er hat sich untergeordnet, ist gut trainierbar und hatte keine Sonderwünsche. Er ist ein echtes Vorbild.

ran: Ihr Kicker Phillip Friis Andersen stand einst kurzzeitig bei den Tampa Bay Buccaneers unter Vertrag und hat in dieser ELF-Saison einmal mehr seine Treffsicherheit unter Beweis gestellt. Hätte er eine zweite Chance in der NFL verdient?

Nommensen: Er hat bewiesen, was er unter Spielvoraussetzungen leisten kann. Ich hoffe sehr, dass die Scouts aus der NFL ihn zumindest noch einmal in ein Camp einladen. Ich bin davon überzeugt, dass er irgendwie noch eine Chance bekommen wird. 

ran: Ihnen wäre also nicht angst und bange, falls das Spiel mit dem letzten Spielzug durch ein Field-Goal-Versuch Ihrer Mannschaft entschieden wird…

Nommensen: Überhaupt nicht, für solche Situationen haben wir ihn geholt.

ran: Quarterback Jadrian Clark erlebte eine durchwachsene Saison. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass er im Finale seine beste Leistung abruft? 

Nommensen: Entscheidend ist, dass ein Spieler am Ende der Saison seinen besten Football spielt. Ich glaube, wir haben uns im Halbfinale mit unserer Offense gefunden. Man hat gesehen, wozu wir in der Lage sind. Das stimmt mich zuversichtlich. Jadrian Clark hat bereits große Spiele bestritten. Er stand im EuroBowl und hat diesen gewonnen. Auch in seiner College-Laufbahn hat er vor großem Publikum gespielt.  

ran: Sie begannen die Saisonvorbereitung als Offensive Coordinator und wurden nach der Trennung von Ted Daisher zum Head Coach befördert. Wie überraschend war das für Sie selber?

Nommensen: Das kam sehr überraschend und war in keiner Weise geplant. Trotz des guten Saisonstarts lief es nicht so, wie sich das Management dies gewünscht hatte. Daher wurde ich gefragt, ob ich vorübergehend die Position des Head Coaches übernehmen könnte. Schließlich war ich an der Zusammenstellung des gesamten Teams beteiligt. Da alles gut gelaufen ist, haben wir entschieden, dass ich bis zum Saisonende Head Coach bleibe.

ran: Und wie geht es danach weiter?  

Nommensen: Ich werde nach dem Finale erst einmal das Handy ausschalten und zehn Tage in den Urlaub fahren. Danach müssen wir gemeinsam mit dem Management entscheiden, wie es weitergeht. Sicher ist aber, dass ich ein Bestandteil dieser Liga bleibe. Ob ich nun Head Coach oder Coordinator bin, spielt für mich keine Rolle.

ran: Was waren für Sie die größten Unterschiede, als Sie plötzlich der Head Coach der Sea Devils waren?

Nommensen: Mein Telefon steht seitdem überhaupt nicht mehr still (lacht). Ich mache weiterhin die Offense. Zudem läuft alles bei mir zusammen. Ich muss mich auch um die Defense mitkümmern. Wobei ich unserem Defensive Coordinator voll vertraue. Trotzdem habe ich schlussendlich alle Entscheidungen zu treffen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich mache neben meiner eigentlichen Fulltime-Arbeit als Abteilungsleiter am Hafen noch einen zweiten Fulltime-Job. 

ran: Was hat zwischen der Mannschaft und dem vorherigen Head Coach Ted Daisher, der in der NFL die Philadelphia Eagles, Cleveland Browns und die Oakland Raiders trainiert hat, nicht gepasst?

Nommensen: Wir haben versucht, ihn darauf vorzubereiten, wie hier alles funktioniert. Wir haben eben viele Spieler, die tagsüber einem Beruf nachgehen, Familie und auch mal Stress haben. Damit hatte er die größten Probleme. Er hat zwar gesagt, dass er das verstehen würde. Aber das hat in der Umsetzung nicht hingehauen. Auch die Spieler und wir Trainer hatten uns erhofft, von ihm vielleicht noch ein bisschen mehr lernen zu können. Das fand leider nicht statt. Ansonsten aber war Coach Daisher ein cooler Typ.  

ran: Mit dem Finale endet die erste Saison der European League of Football. Welches Potenzial sehen Sie in der ELF?

Nommensen: Von Tag 1 an stand ich dieser neuen Liga sehr positiv gegenüber. Ich habe mich gefragt: Was ist in den letzten 30 Jahren im deutschen Football passiert? Und da war mir klar, dass es gar nicht mehr schlechter werden konnte. Es konnte nur besser werden. Ich bin positiv überrascht, wie sich die Liga gefunden hat und wie eng die Teams beieinander sind. Das Potenzial ist riesig. Ich bekomme nun ständig Anfragen von Spielern und Trainern, die zukünftig gerne dabei sein möchten. Im COVID-Jahr solch eine Liga zu starten und ein Finale vor über 20.000 Menschen zu haben, ist eine geile Sache.

ran: Zur kommenden Saison ist eine Vergrößerung der Liga mit mehr Teams geplant. Zudem soll es ab 2022 oder 2023 jährlich ein NFL-Spiel in Deutschland geben. Der deutsche Football blickt einer rosigen Zukunft entgegen, oder?

Nommensen: Auf jeden Fall. Und deshalb ist es auch so wichtig, dass wir in unserer Liga nach NFL-Regeln spielen. Für die Zuschauer ist das dadurch einfacher zu verstehen. Die Zusammenarbeit mit der NFL soll intensiviert werden. Wenn dann auch noch NFL-Spiele nach Deutschland kommen, wird ein riesiges Potenzial entfacht. Ich würde sagen: Der Riese ist erwacht!

Das Interview führte Oliver Jensen

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