Jose Mourinho übernahm die Tottenham Hotspur im November 2019 - Bildquelle: imago images/Picture Point LEJose Mourinho übernahm die Tottenham Hotspur im November 2019 © imago images/Picture Point LE

London - Tottenham Hotspur-Coach Jose Mourinho fiel nach der 0:1-Pleite gegen RB Leipzig wieder in alte Muster zurück.

Minutenlang beklagte er sich auf der anschließenden Pressekonferenz über Tottenhams Personalsituation. "Wisst Ihr, wie viele Trainingseinheiten Lamela vor diesem Spiel hatte? Null! Er spielte direkt nach einer Verletzung. Das ist unsere Situation. Leipzig spielt mit Schick, Werner und Nkunku. Nkunku ist müde? Dann kommt Forsberg. Schick ist müde? Dann kommt Poulsen. Unsere Spieler sind todmüde", ratterte "The Special One" in einem seiner berüchtigten Monologe herunter.

Um abschließend einen drastischen Vergleich zu bemühen: "Das ist wie ein Schusswechsel ohne Kugeln."

Mourinho zeigt bei den Spurs ein anderes Gesicht

 

Zugegeben, mit Harry Kane und Heung-Min Son fehlten den Spurs in der Offensive gleich zwei Schlüsselspieler. "Wir sind in einer schwierigen Situation. Was mir besonders Sorgen bereitet, ist, dass die Verletzungsprobleme wohl bis zum Saisonende anhalten werden", klagte Mourinho. Doch deren Ausfall, so schmerzlich er auch ist, kam ihm durchaus gelegen.

Dabei hatte er zuvor bei den Spurs ein anderes Gesicht gezeigt. Selbst seinen so geliebten Defensiv-Fußball packte er in die Mottenkiste und wandelte sich ein Stück weit zum Offensivfanatiker. Bei allen Spurs-Siegen unter Mourinho schossen die Spurs mindestens zwei Tore.

Nun übernahm Mourinho die Spurs mitten im Saisonverlauf und könnte dadurch zum Fokus auf die Offensive gezwungen worden sein. Und auch mit dieser ungewohnten Spielweise hatte er Erfolg, so führte er Tottenham von Platz 14 in der Liga bis auf Rang fünf nach vorne.

Und das, obwohl ihm die Defensive mit 1,58 Gegentoren pro Partie einige Sorgenfalten bereiten dürfte. Nur Liverpool hat seit Mourinhos Amtsantritt mehr Punkte geholt.

Mourinho sorgte für Wirbel

Bedingt durch Kanes langwierigen Ausfall hat Mourinho sogar sein eisernes Prinzip, dass auf jeden Fall ein Mittelstürmer spielen muss, über Bord geworfen. Mit Sons Ausfall wurde er endgültig zur Improvisation gezwungen.

Diese Aufgabe nahm er, zumindest vor dem Leipzig-Spiel, gerne an. "Inmitten all der Schwierigkeiten finden wir gerade einen anderen Weg, Fußball zu spielen", lobte Mourinho.

Eine 0:1-Niederlage später zeigte der Portugiese wieder sein anderes, provozierendes und überhebliches Ich. Dies geschah nicht zum ersten Mal in seiner Laufbahn. Bei seiner Vorstellung als Chelsea-Trainer im Jahr 2004 tönte er: "Bitte nennen Sie mich nicht arrogant, aber ich bin Champions-League-Sieger und jemand Besonderes."

Es war die Geburtsstunde von "The Special One". Zuvor hatte Mourinho mit dem FC Porto sensationell die Champions League gewonnen.

Bei Real Madrid stellte er nach seinem Ende dort das Team bloß, als er erzählte, dass die Real-Profis sich vor dem Spiegel aufgestellt hatten, bevor das Spiel losging. Nach der Saison 2012/2013 hatte Mourinho die Königlichen im Unfrieden verlassen.

Vor allem die erfahrenen Spieler nahmen ihm die Entmachtung von Klub-Legende Iker Casillas übel. Mourinho sprach danach vom "schlimmsten Jahr" seiner Karriere.

Dauerfehde mit Pogba vor Rauswurf bei Manchester United

 

Immer wieder legte er sich auch mit einzelnen Spielern an. Unvergessen ist seine Dauerfehde mit Paul Pogba bei Manchester United. Der Franzose wurde von Mourinho häufig verbal ins Kreuzfeuer genommen. Doch schlussendlich musste "The Special One" im Dezember 2018 seinen Stuhl bei den Red Devils räumen.

Anschließend war Mourinho auch beinahe ein Jahr ohne Job. Der Ruf des einstigen Star-Trainers hatte durch die Querelen bei United und den ebenfalls ausbleibenden Erfolg Kratzer bekommen.

Umso verlockender muss das Angebot bei den Spurs für Mourinho gewesen sein. Ein englischer Top-Klub in der Krise und eine neue Chance in der besten Liga der Welt.

Bis zum Mittwochabend schien er diese Gelegenheit zu nutzen, doch dann schimmerte auf der Pressekonferenz wieder ein vergessen geglaubter Mourinho durch. Nur eine Momentaufnahme oder Dauerzustand?

Die nächsten Wochen werden zeigen, was "Ehe" zwischen Mourinho und den Spurs an Belastungen aushält.

Markus Bosch

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