Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia - ein im Nachhinein tragisches Fußbal... - Bildquelle: gettyAtalanta Bergamo gegen den FC Valencia - ein im Nachhinein tragisches Fußballspiel. © getty

München - 19. Februar, ca. 23 Uhr, Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand: Die Spieler von Atalanta Bergamo drehen eine Ehrenrunde und lassen sich von über 40.000 frenetischen Atalanta-Fans feiern.

Es ist der größte Tag in der Vereinsgeschichte. Mit 4:1 bezwingt Bergamo den favorisierten FC Valencia im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League; das Erreichen des Viertelfinale ist für Atalanta greifbar und das bei der allerersten Teilnahme an der Königsklasse.

In Mailand hat alles begonnen

Ein unvergesslicher Abend für alle Atalanta-Tifosi, vielleicht ihr schönster. Doch der Abend trägt eine gruselige Tragik in sich. Epidemiologen in Italien vermuten, dass ausgerechnet dieses Fußball-Fest die fatale Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 in Norditalien beschleunigt hat. 

Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia - in Italien spricht man nur noch von der "Partita Zero", dem "Spiel null".

Hier hat alles begonnen. In Mailand. In San Siro. In einem mittlerweile etwas maroden, aber immer noch einem der schönsten Fußball-Tempel Europas. Hier her war Atalanta für sein erstes K.o.-Spiel in der Königsklasse umgezogen, weil mehr Zuschauer reinpassen als zuhause in Bergamo und die Heimspielstätte zudem umgebaut wird.

Epidemie explodierte genau zwei Wochen nach dem Spiel

"Ich denke, dass dieses Spiel zur jetzigen dramatischen Situation beigetragen hat", sagt Atalanta-Stürmer Papu Gomez, der vom damaligen Massenansturm der Fans in den Zügen von Bergamo nach Mailand erzählt.

"Meine Frau hat drei Stunden gebraucht, um die Strecke zu bewältigen - normalerweise benötigt man dazu nur 40 Minuten." Bergamo und Mailand trennen nur etwa 50 Kilometer.

Francesco Le Foche, Leiter der Abteilung für Infektiologie der römischen Poliklinik "Umberto I" sagte, dass die Epidemie in Bergamo "genau zwei Wochen nach diesem Spiel explodiert" sei - am Ende der Inkubationszeit. Zuvor soll die hohe Anzahl internationaler Unternehmen in der Gegend um Bergamo die Ausbreitung des Virus gefördert haben.

Rückwirkend betrachtet "eine biologische Bombe" 

Virologe Massimo Galli, Oberarzt des Mailänder Krankenhauses Sacco, erklärte: "Die Epidemie war wohl schon einige Wochen davor auf dem Land ausgebrochen und war viel größer, als wir dachten, in den Fabriken, bei Landwirtschaftsmessen und in den Bars der Dörfer. Die Tatsache aber, dass sich im Stadion Leute aus derselben Ecke des Landes zu Zehntausenden drängten, könnte ein wichtiger Faktor für die Ausbreitung gewesen sein."

Durch den kollektiven Jubel bei Bergamos Gala seien so viel Schleim und Speichel in der Luft gewesen, dass viele Besucher angesteckt werden konnten, vermutet der Virologe. 

Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, waren unter den insgesamt 44.236 Zuschauern auch 540 aus dem Val Seriana, einem heute bekannten Infektionsherd des Coronavirus.

Der Leiter von Bergamos Pneumologie nannte die Partie gegenüber der Zeitung "Tuttosport" rückblickend betrachtet "eine biologische Bombe".

Gosens: Situation an "Traurigkeit nicht zu überbieten"

84 Prozent der 5476 in Italien bis Montag registrierten Todesopfer wurden in den drei norditalienischen Regionen Lombardei, Emilia Romagna und Piemont gemeldet. In der Lombardei, zu der die 120.000-Einwohner-Stadt Bergamo gehört, gab es bereits 3456 Tote durch das Virus Sars-CoV-2.

Auch der Krisenstab des nationalen Zivilschutzes geht der Theorie nach, dass die Partie zwischen Bergamo um den deutschen Profi Robin Gosens und Valencia zur exponentiellen Verbreitung des Virus beigetragen haben könnte.

Gosens lebt wie seine Mitspieler seit zwei Wochen in häuslicher Quarantäne. Im "ZDF-Sportstudio" zeichnete er ein dramatisches Bild der Lage im Norden Italiens. 

"Das ist an Traurigkeit aktuell nicht zu überbieten, was bei uns passiert, leider Gottes. Ein erschütternderes Beispiel gibt es aktuell nicht, und ich glaube, dass Einzige, was wir tun können, ist appellieren. appellieren daran, dass jeder Einzelne einfach zu Hause bleiben sollte", betonte der 25-Jährige.

"Ich hoffe und bete, dass wir ein schreckliches Vorbild für andere Länder sein dürfen. Ich glaube, dass es eine Warnung sein sollte, sich in anderen Ländern so gut wie möglich auf so einen Zustand vorzubereiten", sagte Gosens. 

Fußballspiele mit Zuschauern auf lange Zeit undenkbar

Als die Pandemie schon nicht mehr aufzuhalten war, sperrte Italien sein Land zu. Mittlerweile wurde in den meisten Ländern Europas und in vielen anderen Teilen der Welt das öffentliche Leben auf ein Minimum heruntergefahren. 

Wann in Bergamo, Valencia oder sonst wo in Europa wieder Fußballspiele stattfinden können, ist derzeit völlig offen. Die Theorie von "Spiel null" zeigt aber unmissverständlich: Großveranstaltungen sind potentielle Virenschleudern und Fußballspiele mit Zuschauern daher auf lange Zeit leider absolut undenkbar. 

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