Es hätte auch schlimmer enden können: Der FC Barcelona kommt gegen den FC Ba... - Bildquelle: imagoEs hätte auch schlimmer enden können: Der FC Barcelona kommt gegen den FC Bayern München einmal mehr unter die Räder © imago

München - Der Blick hinauf zur Anzeigetafel geriet diesmal etwas erträglicher. Drei Tore wies die Elektronik für Bayern München diesmal aus.

Und nicht acht wie exakt 13 Monate zuvor beim vorigen Aufeinandertreffen des FC Barcelona mit dem deutschen Rekordmeister.

Der große Unterschied zwischen dem 0:3 im Camp Nou und dem 2:8 von Lissabon schmeichelte den Katalanen jedoch keineswegs. Während die Bayern im damaligen K.o.-Spiel der wegen der Corona-Pandemie verlängerten Champions-League-Saison gnadenlos durchzogen, nahmen Robert Lewandowski und Co. diesmal zeitig den Fuß vom Gas.

Auch ohne Bayern-Sahnetag ein Klassenunterschied

Sie wollten womöglich gute Gäste sein. Auch wenn sich niemand aus dem Lager der "Blaugrana" gerne an diesen Besuch zurückerinnern wird. Erneut war der stolze Verein, der sich für mehr als nur einen Klub hält, deutlich in die Schranken gewiesen worden.

Wozu die Bayern nicht einmal einen Sahnetag benötigten. Die Unzulänglichkeiten der Gastgeber reichten völlig aus, um den Klassenunterschied aufzudecken.

Spanische Medien schießen sich auf Barca ein

Entsprechend vernichtend fielen die Urteile in der heimischen Presse nach der erneuten Lehrstunde, die zeitweise einer Vorführung glich, auch aus. "Armes Barca" zeigte "Marca" schon Mitleid. Schlimmer kann es ja eigentlich nicht kommen.

Die "AS" machte ein "Ebenbild des Unvermögens" aus, laut "El Mundo" sei das Team "Lichtjahre entfernt (…) von den anderen Mannschaften des europäischen Bürgertums".

Nicht mehr erste Garde in Fußball-Europa

Auch wenn das dann doch reichlich übertrieben wirkt und angesichts der weiteren Gruppengegner Benfica Lissabon und Dynamo Kiew das Achtelfinale weiter das Ziel sein muss, wurde klar: Im Spätsommer 2021 zählt der FC Barcelona nicht zur ersten Garde im europäischen Fußball.

Zwar verfügt der Kader über einen Weltklasse-Keeper wie Marc-Andre ter Stegen, einen außergewöhnlichen Taktgeber wie Frenkie de Jong oder die Mega-Talente Pedri und Ansu Fati. Dazu gesellt sich aber allenfalls noch Memphis Depay, der schon als Königstransfer einer denkwürdigen Transferperiode herhalten muss.

Milliardenschulden und kein Messi mehr

Wegen eines immensen Schuldenbergs von 1,35 Milliarden Euro konnte nach Jahren des Geldwuchers kaum investiert werden. Schlimmer noch: Der Aderlass brachte den Patienten heftig ins Wanken.

Mit dem Abschied von Lionel Messi aus finanziellen Gründen riss sich Barca sein Herz selbst heraus. Kurz vor Toresschluss wurde dann noch Antoine Griezmann - ein weiterer großer Name im Weltfußball, der aber in Barcelona nie wirklich ankam - vom Hof gejagt, um das Gehaltsniveau zu senken.

Barca vor Riesenberg an Problemen

Das muss eine Mannschaft erst einmal verdauen. Es wirkte wie der Anfang vom Ende. Der Verein wie mit Karacho an die Wand gefahren.

Klar ist nicht erst seit gestern: Der einstige Vorzeigeverein steht vor einem Riesenhaufen an Problemen. Zuallererst ist da natürlich die bleierne Schwere dieser unerträglichen Messi-losigkeit.

Aber da wären auch der schier unglaubliche Fehlbetrag, die unausgegorene Kaderstruktur, nicht enden wollende Verletzungssorgen, Kompetenzgerangel auf allen Ebenen und und und ...

Keine wirkliche Überzeugung in Koeman

Hinzu kommt, dass Trainer Ronald Koeman zwar einen neuen Vertrag für diese Saison bekam. Das verlängerte Engagement jedoch verdächtig nach zweiter Chance riecht. Und eben nicht nach voller Überzeugung in den Plan des Niederländers, der mit seinen taktischen Experimenten so manche Sympathien verspielt hat.

Jeder Fußball-Fan weiß, dass der FC Barcelona ein 4-3-3-Klub ist. Was Präsident Joan Laporta jüngst netterweise noch einmal hervorhob. Womöglich als Warnung an den Coach.

Schon als Bondscoach mit Systemen experimentiert

Der hatte bereits in seiner Zeit als Bondscoach versucht, der niederländischen Nationalmannschaft - auch seit Jahrzehnten 4-3-3-verliebt - ein neues System überzustülpen. Mit Dreierkette in der Defensive. Nach nur zwei Siegen aus den ersten fünf Spielen beendete er diesen Versuch und blieb der eigentlichen "Oranje"-Formation fortan treu.

Als Barcelona-Coach wich er ausgerechnet gegen die Bayern von diesem Weg ab. Nach zuvor sieben Punkten in drei Ligaspielen, die auch nicht gerade als Erweckung angesehen wurden.

Gegen Bayern nur zehn Minuten lang gut unterwegs

Doch am Dienstag sollte es das 3-5-2 richten. Ganz zu Beginn schien Koemans Plan aufzugehen. In den ersten zehn Minuten waren die Münchner sichtlich überrascht, ließen sich aber nicht überrumpeln. Stattdessen passten sie sich der veränderten Ausrichtung an und übernahmen schnell das Sagen im Camp Nou.

So wurden die Schwächen von Koemans Plan gnadenlos offen gelegt. Der 58-Jährige wollte dem Gegner das Feld überlassen, um dann bei Ballgewinn den Raum zu nutzen und zuzustechen. Eine Taktik, auf die kleine Vereine gegen vermeintlich deutlich überlegene Kontrahenten oft vertrauen.

Oder Koeman gegen die anderen Großen der Branche. Mit diesem Barca-untypischen Sicherheitsdenken hatte er schon in seiner Premierensaison in den Duellen mit Real Madrid, Atletico Madrid oder Paris St. Germain den Anhang entnervt.

Barcelonas lahme Flügel

Nun mussten alle zusammen erneut für 90 Minuten da durch. Doch die Idee zündete auch deshalb nicht, weil die Flügel extrem lahmten. Dort agierten der angeschlagene Jordi Alba und der völlig überforderte Sergi Roberto, der auf den Rängen ohnehin an Zuspruch verloren hat, weil er sich weigern soll, einer Gehaltskürzung zuzustimmen.

"Wir wissen, dass Sergi Roberto kein Flügelspieler ist und im Eins-gegen-eins mit Alphonso Davies zu bestehen, ist unmöglich", nahm Koeman das Eigengewächs in Schutz. Dieser Einschätzung kann man zweifellos folgen.

Doch dann stellt sich die Frage: Warum bietet er den Mittelfeldspieler überhaupt dort auf? Da Sergino Dest aufgrund einer Verletzung keine Option für die Startelf war, gab das Aufgebot keinen wirklichen Kandidaten für die Position her, die Koeman unbedingt besetzen wollte.

"Phänomenale Zuschauer" lassen Pfiffe hören

Mindestens ebenso verwunderlich war sein Lob an die zuweilen launischen Zuschauer: "Die Fans waren phänomenal und sie haben gezeigt, dass sie verstanden haben, was da draußen los war." Ja, sicher hatten sie erkannt, wie hilf- und hoffnungslos unterlegen ihr Team war. Aber schon früh in der Partie waren Pfiffe im weiten Rund zu vernehmen.

Unverkennbar war: Unmutsbekundungen gewannen an diesem Abend deutlich die Oberhand gegenüber Aufmunterungen. Was auch daran lag, dass nach vorne nichts zusammenlief. Kein einziger Schuss der Gastgeber ging auf das Tor von Manuel Neuer, der wohl noch nie einen so ruhigen Abend in Barcelona verlebt hat.

Strahlkraft der Messi-Jahre abhanden gekommen

Es ist der größte Kontrast zwischen dem Barca, das angeführt von "La Pulga" europaweit Angst und Schrecken verbreitete, und dem Barca, das zeitweise nur wie ein Sparringspartner wirkte. In der Offensive versprüht dieses Team nicht einmal den Hauch der Strahlkraft der Messi-Jahre, in denen völlig egal schien, wer hinten aufgeboten wurde, weil die Musik sowieso durchweg vor dem anderen Tor spielte.

Auch wegen der Ausfälle von Sergio Agüero und Ousmane Dembele gab Last-Minute-Zugang Luuk de Jong sein Debüt. Und tauchte völlig ab. So frotzelte ein Barca-Fan während der Partie via Twitter, Koeman hätte seinen Landsmann nur noch nicht vom Platz geholt, weil er übersehen habe, dass er ihn überhaupt aufgestellt hatte.

Am Ende darf plötzlich die Jugend ran

66 Minuten lang wartete der kopfballstarke Ex-Gladbacher vergeblich auf brauchbare Hereingaben, ehe er von Koeman erlöst wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Coach längst seinen letzten Trumpf gezogen und vertraute plötzlich in Abwesenheit des verletzten Fati der Jugend.

Damit bediente er dann doch eine wichtige Klub-Philosophie. Denn kein anderer Topverein wurde so sehr für seine Nachwuchsarbeit gerühmt und bewundert wie Barca für La Masia. Diese Säule könnte jedoch ebenfalls bröckeln, Risse im Fundament sind bereits wahrnehmbar.

Koeman will sich offenbar Zeit erkaufen

Von den drei eingewechselten Teenagern Yusuf Demir, Gavi und Alex Balde zählt nur ersterer offiziell zum Profikader. Doch der Österreicher wurde bei Rapid Wien ausgebildet. Für Koeman ergab sich angesichts der spät angepassten Altersstruktur zumindest die Möglichkeit, die Geduldskarte zu spielen: "Wir haben viele junge Spieler, die in zwei oder drei Jahren besser sein werden."

Aber nicht nur er weiß: Zwei oder drei Jahre sind im Fußball eine verdammt lange Zeitspanne. Um nicht von einer Ewigkeit zu sprechen.

Wer hätte schon vor zwei oder drei Jahren gedacht, dass ein 0:3 gegen den FC Bayern München für den FC Barcelona vom Ergebnis her einen Schritt in die richtige Richtung bedeuten würde?

Marcus Giebel

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