Jürgen Klopp. - Bildquelle: imago images/SportimageJürgen Klopp. © imago images/Sportimage

München/Liverpool – Man harrt aus. Ungläubig. Ängstlich, vorsichtig. Wartet auf den nächsten Schock. Kommt kaum noch hinterher, die Hiobsbotschaften zu verdauen. Epidemie im Eiltempo. Panik inmitten einer Pandemie, die um sich greift.

Es sind verrückte Zeiten, es sind herausfordernde Zeiten. Vor allem sind es Zeiten, die prägen, die lehren. Ganz profan: Dass es Dinge im Leben gibt, die wichtiger als andere sind, die über allem stehen, wie die Gesundheit. Oder Solidarität. Das Miteinander. 

 

Ein schlechter Verlierer

Und die Erkenntnis, wie schnell alles gehen kann.

Am späten Mittwochabend noch schimpfte Jürgen Klopp fürchterlich nach dem Aus in der Champions League. Wetterte gegen Gegner Atletico Madrid wegen deren destruktiver Spielweise, er arbeitete sich an den Spaniern regelrecht ab. 

"Ich bin heute ein unterdurchschnittlicher Verlierer. Aber wenn ich alles aussprechen würde, was mir durch den Kopf geht, würde ich aussehen wie der schlechteste Verlierer der Welt", sagte er. 

Es wäre angesichts seiner vorherigen Tirade interessant geworden, das zu hören, was ihm unausgesprochen durch den Kopf ging.  

Doch keine 24 Stunden später war das endgültig zweitrangig. Nebensächlich. Da verlor der Fußball seine Bedeutung, seine Relevanz. Als die Weltgesundheits-Organisation das Coronavirus offiziell zur weltweiten Plage erklärte, sank in vielen Köpfen endgültig ein, dass Covid-19 keine lustige Buchstaben/Zahlenkombination, sondern die Situation ernst ist. Nah ist. Wahrscheinlich noch ernster wird. Und womöglich noch näher kommt. 

Das Virus fraß sich deshalb in Windeseile durch die Ligen Europas, legte sich wie ein lähmender Schleier über die Spielpläne, die in wilder Folge eingefroren wurden. Am Ende dann nach langem Hin und Her sogar in Deutschland.

 

Brutale Realität

Es dauert trotzdem ein bisschen, bis die Nachrichtenflut, die Dynamik an Veränderungen, ankommt. Bis die Realität Einzug hält, tatsächlich real wird.

Für viele Menschen ist der Fußball in schwierigen Zeiten ein Anker, Ablenkung, eine Rettungsinsel, ein Ort, an dem sie sich ablenken können, ein Fundus an vielfältigem Vergnügen.

Doch das bricht nun weg. Wie lange? Unklar. Mit welchen sportlichen Auswirkungen? Auch unklar. Virus hin oder her: Für viele Menschen ist der Sport auch in Krisenzeiten wichtig, wird es sogar noch wichtiger als sowieso schon.

Klopp verabschiedete sich in die gefrustete Nacht noch mit den Worten: "In den vergangenen zweieinhalb Jahren hatten wir eine Party nach der anderen." 

Und eine ganz große steht ja noch aus. Eigentlich.

Und das trotz sportlicher Krise, denn es war länger nicht mehr die Frage, ob, sondern wann. Der FC Liverpool war in dieser Saison so dominant, dass noch zwei Siege fehlen, um erstmals nach 30 Jahren wieder englischer Meister zu werden. Noch im März hätte es soweit sein können.

Bis das Virus kam. Und die Sportwelt lahmlegte. Auch die Premier League, die bis Anfang April aussetzt. Erst einmal.

Klopp meldete sich umgehend mit einer emotionalen Botschaft an die Fans. 

"Ich denke nicht, dass dies ein Moment ist, in dem die Gedanken eines Fußballtrainers wichtig sein sollten, aber ich verstehe, dass unsere Fans von der Mannschaft hören wollen", sagte Klopp und betonte, dass man alles dafür tun müsse, "um uns gegenseitig zu schützen. In der Gesellschaft meine ich. Dies sollte die ganze Zeit im Leben der Fall sein, aber in diesem Moment denke ich, dass es mehr denn je wichtig ist".

Klopps Nachricht an die Fans

Natürlich wolle man nicht in leeren Stadien antreten oder Spiele absagen, sagte er: "Aber wenn es dabei hilft, einen Einzelnen gesund zu halten - nur einen - werden wir es tun und keine weiteren Fragen stellen. Wenn es um die Wahl zwischen Fußball und dem Wohl der Gesellschaft geht, gibt es keinen Wettbewerb. Wirklich nicht."

Das stimmt. 

Aber trotzdem sehen es Pessimisten kommen: Das Virus verschwindet nicht so schnell, die Saison muss abgebrochen, annulliert werden. Und der FC Liverpool steht dann plötzlich mit leeren Händen da, muss dann weiter auf seinen ersten Meistertitel seit 1990 warten.

Ein sportliches Drama. Zweitrangig im Moment, aber deshalb nicht weniger brutal, vor allem dann, wenn der Fußball wieder offiziell wichtig wird.

Wir wissen, dass der Spruch "Einige Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!" vom früheren Reds-Trainer Bill Shankly stammt.

Man kann ihn in der jetzigen Zeit für unpassend halten. Für viele Fans in Liverpool wird er trotzdem immer noch Gültigkeit haben. 

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