Die Luft für United-Trainer Ole Gunnar Solskjaer wird immer dünner - Bildquelle: ImagoDie Luft für United-Trainer Ole Gunnar Solskjaer wird immer dünner © Imago

Manchester - Die Demütigung für Manchester United und Trainer Ole Gunnar Solskjaer war nicht nur zu sehen und zu spüren, sie war auch zu hören. Das 0:5 gegen den Erzrivalen FC Liverpool im heimischen Old Trafford wurde begleitet von hämischen Klängen aus dem Gästeblock.  

"Ole is at the wheel!", sangen die Liverpool-Fans und eigneten sich damit jene Worte an, mit denen normalerweise das Heim-Publikum seine Unterstützung für Solskjaer ausdrückt. Aus Sicht des Anhangs von Jürgen Klopps Klub darf der Norweger gerne bei Manchester United "am Steuerrad" bleiben, denn Englands Rekordmeister erlebt mit ihm eine dramatische Krise.  

Wie lange darf Solskjaer noch weiter machen? 

Und auch wenn der Verein dem Trainer bislang die Treue hält – das Debakel gegen Liverpool dürfte die Endphase seines Wirkens im Old Trafford eingeleitet haben.  

Seit knapp drei Jahren trägt Solskjaer die Verantwortung bei Manchester United. Er hat in dieser Zeit passable Arbeit gemacht. Sein größter Verdienst ist, dass er nach der Tristesse unter José Mourinho die Stimmung gehoben hat. Für die Fan-Gemeinde ist der Schütze des Siegtreffers im Champions-League-Finale 1999 gegen den FC Bayern eine Identifikationsfigur.  

Bei Spielern und Mitarbeitern ist er beliebt. In der Welt der TV-Experten, die zu einem großen Teil aus einstigen Solskjaer-Kollegen wie Gary Neville, Rio Ferdinand oder Paul Scholes besteht, genießt er ein irrationales Wohlwollen. Die sportliche Entwicklung unter seiner Regie liest sich wie Fortschritt. Sechster, Dritter, Zweiter – das sind die Abschlussplatzierungen in der Premier League mit Solskjaer. Immerhin. 

Ronaldo droht zum Symbol verfehlter Personalpolitik zu werden 

Grundsätzliche Vorbehalte gegenüber seinen Fähigkeiten hat er trotzdem nie zerstreuen können. Immer wieder gab es Rückschläge. Nach jedem stellte die englische Öffentlichkeit in Frage, ob der Ex-Stürmer tatsächlich der bestmögliche Trainer ist, um Manchester United wieder so erfolgreich zu machen wie unter Sir Alex Ferguson. 

Seit dem Abschied des Schotten hat der Verein nur drei Trophäen gewonnen, nämlich den FA Cup (unter Louis van Gaal), den Ligapokal und die Europa League (beides unter Mourinho). Solskjaer ist noch ohne Titel. Dabei kann er sich über mangelnde Unterstützung nicht beklagen. Mehr als 450 Millionen Euro gab der Klub in den vergangenen drei Jahren für Transfers aus.  

Die glamouröse Rückkehr Cristiano Ronaldos sollte das finale Puzzle-Stück sein auf dem Weg zurück zum Meisterschaftskandidaten. Doch der Portugiese droht zum Symbol dafür zu werden, wie sich Manchester United bei der Personalpolitik von Marketing und Nostalgie leiten lässt. 

Solskjaer taktisch weit von Klopp, Tuchel oder Guardiola entfernt 

Auch Solskjaer hat seinen Posten nicht aufgrund seiner Erfahrung oder seiner Qualität als Trainer. Einzig sein Status als Vereinsikone qualifiziert ihn für den Job. Taktisch ist er meilenweit von führenden Vertretern wie Thomas Tuchel (FC Chelsea), Pep Guardiola (Manchester City) oder Jürgen Klopp entfernt. Das ist keine Neuigkeit, wurde gegen Liverpool aber so brutal offengelegt wie nie.  

Mit amateurhaftem Pressing, chaotischer Abwehrarbeit und individuellen Fehlern machte sich Manchester United lächerlich. Dazu kamen Undiszipliniertheiten von Schlüsselspielern. Paul Pogba sah nach einer Stunde die Rote Karte, Ronaldo und Bruno Fernandes hätten sich ebenfalls über einen Platzverweis nicht beschweren dürfen. 

Die Stimmung bei den Fans kippt 

Nach den fünf Gegentreffern gegen den Erzrivalen kippt die Stimmung bei Manchester United. Die Fans hielten bislang zu Solskjaer, weil er ein Sohn des Vereins ist, und weil sie zu Recht die Auffassung vertreten, dass der Klub größere Probleme hat als ihn, nämlich die US-amerikanischen Besitzer und die dysfunktionale Führungsstruktur. Doch die Nachsicht vieler Anhänger mit dem Trainer geht zur Neige.  

Sie buhten zur Pause heftiger als jemals zuvor in seiner Amtszeit und verließen in der zweiten Hälfte zu Tausenden das Stadion. Als sie später Solskjaers Verteidigungsrede hörten, dürften sie an ihrem Verstand gezweifelt haben. Trotz nur einem Punkt aus den jüngsten vier Ligaspielen und Platz sieben sagte er: "Wir sind zu weit gekommen, sind zu nah dran, um aufzugeben."

Offenbar teilt die Vereinsführung diese Einschätzung, noch jedenfalls. Trotzdem wirkt das Aus des Trainers nach dem Debakel gegen Liverpool absehbar. 

Aus Manchester berichtet Hendrik Buchheister

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