Manchester/München – Der rote Teppich war schon Tage vor der offiziellen Verkündung am Montag ausgerollt für Ralf Rangnick. Von niemandem Geringeren als Jürgen Klopp und Thomas Tuchel, die Fußball-England heiß auf den neuen United-Coach machten.

Jürgen Klopp und Thomas Tuchel mit Vorschusslorbeeren

"United wird sehr organisiert spielen – das ist keine gute Nachricht für andere Klubs", prognostizierte Liverpool-Coach Klopp. Chelsea-Trainer Tuchel nannte Rangnick gar "eine der Hauptpersonen, die mich überzeugt haben, Trainer zu werden".

Wasser auf die Mühlen der englischen Fußballpresse, die Rangnick in den vergangenen Tagen längst zu einem mystischen Fabelwesen des modernen Fußballs erhoben hat. "Europas unnachgiebigsten Konzepttrainer" nennt ihn der "Guardian". Die "Daily Mail“ schreibt, United werde unter ihm "von der am wenigsten trainierten Profi-Mannschaft der Welt zu der am meisten trainierten". Wohl kaum ein Interims-Trainer kam mit derartigen Vorschusslorbeeren zu seinem ersten Auslandsengagement als Coach.

Doch wie passen Kontroll-Freak Ralf Rangnick und ein Interims-Posten über ein halbes Jahr zusammen? Ist der Weltverein mit Cristiano Ronaldo nicht eine Nummer zu groß als erste Trainer-Auslandsstation für den 63-jährigen Backnanger? Bei genauerem Hinsehen offenbart sich: Die Hindernisse sind niedriger, als sie im ersten Moment erscheinen.

 

Machtverhältnisse bei Manchester United in Bewegung

Dass Rangnick am erfolgreichsten ist, wenn er möglichst viele Kompetenzen auf sich vereinen konnte, zeigten sein Durchmarsch mit der TSG Hoffenheim in die Bundesliga, aber auch die Saisons als Trainer und Sportdirektor in Personalunion bei RB Leipzig. Rangnick sagte einst, er habe in Hoffenheim bei seinem Amtsantritt 2006 "ein weißes Blatt Papier" vorgefunden, das er nach eigenem Belieben beschreiben durfte.

Bei United hingegen erwartet ihn kein leeres Blatt. Der Glazer-Klub bringt ganze Aktenordner gewachsener Strukturen. Besitzer aus den USA, der starke Mann Ed Woodward, Fans weltweit, wortgewaltige Ex-Spieler wie Paul Scholes oder Roy Keane und mit CR7 nebenbei noch eine Weltmarke im Team. Wie viel Einfluss kann ein Interims-Trainer hier überhaupt auf Personalentscheidungen, Transfers, Trainer- und Scouting-Stab nehmen?

Vielleicht bald überraschend viel: United-CEO Ed Woodward legt sein Amt Ende des Jahres nieder. Sein designierter Nachfolger Richard Arnold gilt als fußballerisch wenig erfahren und Freund des Delegierens. Rangnick hat sich mit United auf eine beratende Tätigkeit über die Saison hinaus geeinigt haben – und könnte so womöglich mehr bewegen als bei vielen anderen Weltklubs. Den sonst eher ungeliebten Posten als Interims-Coach könnte Rangnick bei United mit Blick auf die mittelfristige Zukunft so völlig neu interpretieren.

Manchester United braucht wieder ein sportliches Profil

Auf dem Platz muss er das ohnehin: Manchester United hat als Tabellenachter zwölf Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Chelsea. In den letzten fünf Ligaspielen unter Trainer Ole Gunnar Solskjaer setzte es vier Niederlagen – ein peinliches 1:4 gegen Aufsteiger Watford kostete dem Norweger schließlich seinen Posten.

Fast noch schlimmer als die blanken Zahlen: United konnte Spielen trotz Stars wie Cristiano Ronaldo, Paul Pogba oder Jadon Sancho zuletzt kaum einen eigenen Stempel aufdrücken. In zweieinhalb Jahren Solskjaer ging es zunächst spielerisch bergauf, ehe in den vergangenen Monaten erst Stagnation und zuletzt stetiger Verfall einsetzten. Junge Hoffnungsträger wie Marcus Rashford oder Neuzugang Sancho enttäuschten. Ronaldo rettete United zwar durch seine Tore zumindest einige Ligapunkte und das Überstehen der Champions-League-Gruppenphase, wirkt aber paradoxerweise dennoch wie ein Fremdkörper im United-Spiel. Auch beim 2:0 unter der Woche gegen Villarreal schimpfte der Portugiese auf dem Platz über Laufwege seiner Teamkollegen. Beim 1:1 gegen Chelsea ließ ihn Übergangscoach Michael Carrick sogar zunächst nur auf der Bank. Ein funktionierendes System dürfte auch dem launischen Ronaldo zugute kommen.

Wer kommt nach Rangnick? Erik ten Hag ein Kandidat

Zu verlieren hat Rangnick also erstaunlich wenig: Nach dem richtungslosen Solskjaer-Fußball sehnen sich die United-Anhänger wieder nach einer Handschrift auf dem Platz. Dem zuweilen verbissenen Rangnick hilft dabei, dass er das Gegenteil des zuletzt von gegnerischen Fans ironisch gefeierten Kumpeltyps Solskjaer verkörpert. In England, das in den vergangenen Jahren seine Liebe zu deutschen Konzepttrainern und "gegenpress" entdeckt hat, findet Rangnick für sein Konzept den perfekten Nährboden.

Er könnte United wieder aufs Gleis setzen, der Mannschaft wieder eine Philosophie an die Hand geben, ehe dann in der kommenden Saison eine langfristige Trainer-Lösung übernimmt und auf der Vorarbeit des Schwaben aufbauen kann.

Neben PSG-Trainer Mauricio Pochettino wird aktuell Erik ten Hag von Ajax Amsterdam als Kandidat gehandelt. Der hatte Ajax laut "De Telegraaf" versichert, mindestens bis zum Saisonende zu bleiben. Vielleicht rollt ihm danach Ralf Rangnick den roten Teppich aus.

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