Frankfurt - Als die neuen deutschen Fußball-Lieblinge um 16.24 Uhr den Rathausbalkon betraten, sahen viele von ihnen das Fahnenmeer auf dem Römer nur verschwommen.

"Die meisten haben Tränen in Augen, davon haben wir immer geträumt", kommentierte Giulia Gwinn sichtlich gerührt die herzliche Willkommens-Party für die Vize-Europameisterinnen am Montag in Frankfurt/Main.

Dass knapp 7000 Fans trotz des verlorenen EM-Finals gegen England (1:2 nach Verlängerung) gekommen waren, um mit den Spielerinnen zu feiern, verwunderte den DFB-Präsidenten nicht. "Diese Truppe hat dem Fußball viel gegeben", sagte Bernd Neuendorf: "Diese Mannschaft hat Perspektive. Wir haben den Anfang von etwas ganz Großem gesehen."

Nach Rekord-Quote: Bundestrainerin hofft auf langfristigen Effekt

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg fand es "Wahnsinn", dass die "Leistung über mehrere Wochen anerkannt wird und nicht nur das Siegen" zählt: "Wir wollten eigentlich Europameister sein und nicht die Sieger der Herzen. Aber wenn wir uns so in die Herzen der Bevölkerung gespielt haben, sind wir gerne die Sieger der Herzen."

"Uns allen ist klar, dass wir einiges bewegt und eine sehr gute Turnierleistung gebracht haben, auf die wir wirklich stolz sein können", hatte Kapitänin und Final-Pechvogel Alexandra Popp noch in London gesagt.

Wie viel Aufmerksamkeit und Sympathien dieses EM-Märchen ohne Happy End eingebracht hat, unterstrich nochmals die EM-Rekordquote bei der Final-Niederlage: 17,9 Millionen Fans schauten Sonntagabend vor den TV-Bildschirmen zu, bei einem Marktanteil von 64,8 Prozent.

"Es ist ein Spiel, das uns enorm für die Zukunft helfen wird. Wir wollen um Titel spielen und wir wollen Titel gewinnen", betonte Voss-Tecklenburg.

Die Begeisterung für die Nationalspielerinnen, die bis auf wenige Ausnahmen alle in der heimischen Bundesliga zu bewundern sind, soll anhalten. Also startete Voss-Tecklenburg einen flammenden Appell: "DFB, Medien, Gesellschaft, Politik, Verbands- und Vereinsvertreter, nehmt euer Herz in die Hand, wie es die Spielerinnen getan haben, und dann gehen wir auch mit dem Frauenfußball nach vorne."

Watzke und Jones eher pessimistisch

Ob die Euphorie rund um den Vize-Europameister in den Alltag gerettet werden kann, erscheint trotz allen Beteuerungen und Hoffnungen allerdings fraglich.

"Turniere sind schön und wichtig, doch sie sollten im Optimalfall auf den sportlichen Alltag abstrahlen", beschrieb DFB-Vize Hans-Joachim Watzke im kicker die Situation, bei der es vor allem um die Frage nach einer gesteigerten Resonanz für die Bundesliga geht: "Aber am Ende ist es wie immer: Abgestimmt wird mit den Füßen."

Und an diesem Punkt treten die Pessimisten auf den Plan. Besonders laut zweifelt die frühere Bundestrainerin und DFB-Direktorin Steffi Jones an ihrem früheren Arbeitgeber. "Die Führungsebene sonnt sich jetzt im Erfolg des Teams", sagte Jones der FAZ: "Es fehlt im DFB an Commitment auf den entscheidenden Ebenen, den Frauenfußball wirklich groß machen zu wollen und mit einem Investitionspaket die nächsten Weichen zu stellen."

Das sieht der Verband naturgemäß ganz anders. "Der Auftritt der Nationalmannschaft bei der EM wird nachhaltig wirken", äußerte DFB-Präsident Bernd Neuendorf und verwies auf das verabschiedete Strategiekonzept, mit dem die Frauen in allen Bereichen gepusht werden sollen.

Schon in einem Jahr steht die WM in Australien und Neuseeland an. Ob die Quoten trotz der nicht gerade fernsehfreundlichen Anstoßzeiten vergleichbar sein werden, erscheint fraglich und wird sich zeigen.

Bundesliga-Start am 16. September soll Signalwirkung haben

Näher als der Beginn des nächsten Großturniers liegt ohnehin der Alltag.

Nach einem kurzen Urlaub steht auch schon wieder das Tagesgeschäft vor der Tür, das mit einem Ausrufezeichen beginnen soll. Die Bundesliga startet in der Frankfurter WM-Arena mit dem Eröffnungsspiel am 16. September zwischen der Eintracht und Vizemeister Bayern München.

Schon rund um dieses Spiel dürfte zu sehen sein, was vom Hype übrig ist.

Siegfried Dietrich, der Vorsitzende des Bundesliga-Ausschusses, hofft darauf, dass die Partie in der großen Arena Signalwirkung hat und der Frauenfußball "schon in den nächsten drei bis fünf Jahren einen völlig neuen Stellenwert erhält".

Englische Liga als Vorbild

Das ist auch bitter nötig, denn mit dem derzeitigen Zuschauerschnitt von unter 1000 pro Ligaspiel ist kein Hochglanzprodukt zu generieren. Für Ralf Kellermann ist die englische Liga in diesem Zusammenhang ein Vorbild.

"Sie sind in den Männer-Länderspielpausen regelmäßig mit den Frauen in die großen Stadien gegangen", äußerte der Sportchef von Double-Gewinner VfL Wolfsburg, der aber vor übersteigerten Erwartungen warnt: "Es sind auch nicht in England bei jeder Partie 10.000 Leute."

Neben den Fans in den Stadien kommt es aber auch auf die TV-Zuschauer an. Die tollen EM-Quoten haben gezeigt, dass Potenzial grundsätzlich vorhanden ist. Im Spätjahr will der DFB die Rechte für die kommenden Spielzeiten vergeben. Ein Wettbieten der Bewerber wäre dem Verband sicher nicht unrecht.

Equal Pay in weiter Ferne?

Schließlich hätte der DFB dann auch mit Blick auf "Equal Pay" mehr Spielraum. In der von Bundeskanzler Olaf Scholz befeuerten Debatte um gleiche Bezahlung stehen sich zwei Lager gegenüber: Die einen verlangen vom DFB in Vorleistung zu gehen, um die Frauen zu fördern und so ein Top-Produkt auf die Beine zu stellen. Die anderen verweisen darauf, dass nicht mehr bezahlt werden kann als eingenommen wird.

Zu Letzteren gehört Watzke. "Es ist doch völlig klar, dass 'Equal Pay' das Ziel ist. Aber bei 'Equal Revenues', also gleichen Erlösen", sagte der 63-Jährige: "Wir wollen nicht subventionieren, sondern die Prämien sollen aus den eigenen Erlösen bezahlt werden. Das ist nun mal so im Leben."

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