Gareth Bale (l.) hat mit Wales noch die Chance auf die EM-Teilnahme - Bildquelle: 2019 Getty ImagesGareth Bale (l.) hat mit Wales noch die Chance auf die EM-Teilnahme © 2019 Getty Images

München - Wer den Qualifikationsmodus für die Europameisterschaft 2020 verstehen will, braucht nicht unbedingt ein abgeschlossenes Mathestudium.

Aber eine hohe Toleranz gegenüber bürokratischer Konstrukte kann nicht schaden. Und sehr, sehr, sehr viel Geduld auch nicht.

20 Mannschaften haben sich bereits qualifiziert, über den normalen Weg sozusagen. Wales mit dem Sieg Ungarn als letztes, als zwanzigstes Team.

Die übrigen vier EM-Teilnehmer müssen einen anderen Pfad einschlagen, aber dazu später mehr. In der "traditionellen" EM-Qualifikation, die diesmal aus zehn Gruppen bestand, sind die ersten beiden Teams sicher dabei.

In Gruppe C sind das beispielsweise die deutsche und niederländische Nationalmannschaft.   

Sehr, sehr, sehr viel Fußball

Ein Fußballfan, der alle Spiele der EM-Quali anschauen wollte, musste 250 Partien durchleben. Das entspricht 22.500 Minuten oder 375 Stunden oder 15,6 Tagen, geprägt von mehr oder weniger gutem Fußball.

Europas Fußballverband UEFA hat den Terminkalender aufgebläht, so weit es geht. Doch ist das alles nötig?

In jeder Gruppe waren die sogenannten kleinen Fußball-Nationen vertreten. Gibraltar, Estland, Aserbaidschan, Färöer, Malta - diese Größenordnung. Die Punkteausbeute dieser Mannschaften pendelt zwischen null und drei Punkten.

Nations League bietet realistische Chance

Nun könnte man einwenden, dass es diese Teams auch früher schon gab und sie ja auch irgendwann in Pflichtspielen auf hohem Niveau Fußball spielen müssen, um sich zu verbessern. Dieses Argument machte die Einführung der Nations League allerdings obsolet.

Über den neuen Wettbewerb der UEFA haben diese kleinen Teams Duelle unter Wettkampfbedingungen und immerhin eine realistische Chance auf die EM - im Gegensatz zur traditionellen EM-Qualifikation. 

 

Für die EM-Endrunde werden vier Mannschaften in den Playoffs der Nations League rekrutiert. Zur Erinnerung: Die Nations League besteht aus vier Ligen - A, B, C und D mit jeweils vier Gruppen. Aus diesen 16 Gruppen sind die jeweils Erstplatzierten berechtigt, an den Playoffs im März 2020 teilzunehmen.

In diesen treten die vier Gruppenersten aus den Ligen A, B, C und D gegeneinander an. Es werden zwei Halbfinals und ein Endspiel ausgetragen.

Das heißt: Aus der schwach besetzten Liga D wird sich definitiv eine Mannschaft für die EM qualifizieren. Die Kandidaten stehen bereits fest: Georgien, Mazedonien, Kosovo und Weißrussland.

Das Playoff-Recht wird heruntergereicht

Nun die Krux: Mannschaften, die in ihrer Nations-League-Gruppe Erster sind, sich aber bereits über den traditionellen Weg qualifiziert haben, müssen nicht an den Playoffs teilnehmen.

Was das Ganze zur Farce macht: Aus der ersten Liga (A) betrifft das nur eine Mannschaft nicht: Island. Die restlichen elf Teilnehmer sind alle sicher bei der EM dabei.

Ihr Playoff-Recht wird heruntergereicht, entweder an eine Mannschaft aus der eigenen Gruppe (wie im Fall von Island) - oder eben gar an ein Team aus einer Liga darunter. Die Teilnahme einiger weniger guten Mannschaften an der "traditionellen" EM-Qualifikation hätte es also nicht gebraucht, da sie ohnehin Playoff-Plätze von den bereits Qualifizierten der Gruppe A bekommen.

Nun könnte man fragen: Warum spielen die besten Mannschaften überhaupt in der Nations League, wenn sie mit den EM-Playoffs so gut wie nie etwas zu tun haben werden? Etwa für den belanglosen Nations-League-Pokal?

Oder, wenn man sich von der anderen Seite nähert: Warum treten die kleineren Teams überhaupt bei der EM-Qualifikation an?

In einem Fußballkalender, der immer voller wird, würde es Sinn ergeben, die beiden Wettbewerbe zusammenzulegen - zumindest unmittelbar vor einem EM-Jahr. Das würde Zeit und Kräfte der Spieler sparen und den Überdruss der Fußballfans mildern.

Und es gäbe noch einen Vorteil: Niemand müsste sich mehr mit einem erweiterten Qualifikationsmodus beschäftigen.

Diese Teams sind für die EM qualifiziert

England, Tschechien, Ukraine, Portugal, Deutschland, Niederlande, Dänemark, Schweiz, Kroatien, Spanien, Schweden, Polen, Österreich, Frankreich, Türkei, Belgien, Russland, Italien, Finnland, Wales

Diese Teams sind in den Playoffs

Pfad A - Island

Pfad B - Bosnien und Herzegowina

Pfad C - Schottland, Norwegen, Serbien

Pfad D - Georgien, Nordmazedonien, Kosovo, Weißrussland

Noch nicht zugeteilt: Bulgarien, Israel, Rumänien (A, B oder C) und Nordirland, Irland, Ungarn, Slowakei (A oder B)

Tim Brack

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