Karim Benzema spielte zuletzt 2015 für die französische Nationalmannschaft. - Bildquelle: imago images/PanoramiCKarim Benzema spielte zuletzt 2015 für die französische Nationalmannschaft. © imago images/PanoramiC

München - Fast sechs Jahre sind seit einem der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der französischen Nationalmannschaft vergangen. Karim Benzema war 2015 in die Erpressung seines Mannschaftskollegen Mathieu Valbuena verwickelt, die Sextape-Affäre schlug hohe Wellen. Benzema musste sogar in Untersuchungshaft, seine Karriere in der "Equipe Tricolore" schien damals beendet.

Doch nun ist die Katze, wie der Stürmer vom früheren Real-Madrid-Trainer Jose Mourinho etwas despektierlich getauft wurde, wieder zurück. Am Dienstagabend wurde er für den Kader der französischen Nationalmannschaft für die Europameisterschaft nominiert. Trainer Didier Deschamps gewährt dem hochveranlagten, aber stets umstrittenen Stürmer eine zweite Chance, sich mit der "Equipe Tricolore" und ihren Fans zu versöhnen. "Ich bin so stolz über die Rückkehr zum französischen Nationalteam und auf das mir entgegengebrachte Vertrauen", schrieb Benzema bei Instagram und bedankte sich bei seiner Familie, Freunden und bei Real Madrid.

"Benzema spielt die ganze Saison schon so stark, sportlich ist das eine unumstrittene Wahl. Ich habe kürzlich mit Didier darüber gesprochen und ihm sofort meine Zustimmung gegeben", erklärte Noël Le Graët, der Präsident des französischen Fußballverbandes FFF. Tatsächlich spielte "KB9" bei Real Madrid eine seiner besten Saisons. Er brachte es auf 22 Tore und acht Vorlagen in 33 La-Liga-Spielen, sechs weitere Treffer kommen in der Champions League hinzu.

Karim Benzema spielt seit zwölf Jahren bei Real Madrid

Im Juli macht Karim Benzema die zwölf Jahre in der spanischen Hauptstadt voll, 558 Tore hat er erzielt. Mehr als Alfredo di Stefano, nur Raul und Cristiano Ronaldo bringen es auf mehr. Von dem eigentlich verdienten Status einer Vereinslegende, wie sie die drei genannten Ikonen innehaben, ist Benzema dennoch weit entfernt.

Denn so richtig warm wurden die Fans von Real Madrid mit Benzema lange Zeit nicht. Die Königlichen, der noble Vorzeigeklub aus der Hauptstadt, der für schönen und spektakulären Fußball stehen will und der Junge aus dem Banlieu, dem ein Gangsta-Rapper-Image anheftet - das passt irgendwie nicht. Der mittlerweile 33 Jahre alte Familienvater war früher ebenso in illegale Straßenrennen verwickelt, wie 2009 in die Affäre um eine minderjährige Prostituierte. Sowohl Benzema, wie auch der damalige Bayern-Spieler Franck Ribery wurden zwar in dieser Angelegenheit freigesprochen, trotzdem hängt die Geschichte beiden nach.

Benzema sang die Nationalhymne nicht mit

Und dann kam noch die Sache mit Valbuena und dem Sex-Tape dazu. Die Drahtzieher der Erpressung kamen übrigens aus Bron, der Kleinstadt im Einzugsgebiet von Lyon, in der Benzema seine nicht einfache Jugend verbrachte. Diese Zeit war prägend für Benzema und auch für sein schwieriges Verhältnis zur französischen Nationalmannschaft.

Denn ebenso wie die Real-Fans waren auch die Fans der "Equipe Tricolore" nie wirklich überzeugt von dem talentierten Stürmer. Als junger Spieler hatte er erklärt, sich sportlich in Frankreich wohl zu fühlen, seine Heimat sei aber Algerien, wo die Wurzeln seiner Familie liegen. Dass er die Nationalhymne nicht mitsang, tat sein Übriges. Erzielte Benzema Tore für Frankreich, erhielt er Applaus. Spielte er nicht gut, wurde er ausgepfiffen. 

Benzema pflegt sein Gangsta-Rapper-Image

Dass er nicht bei allen gut ankommt, scheint Karim Mostafa Benzema mittlerweile herzlich egal zu sein. Viermal gewann er die Champions League, dreimal die spanische, viermal die französische Meisterschaft. Fast 39 Millionen Menschen folgen ihm auf Instagram, ihnen präsentiert er seinen Lifestyle mit ebenso teuren wie schrillen Designerklamotten und dicken Karren. Selbst in Songs von Deutschrappern wie Capital Bra oder Haftbefehl wird der Fußballer immer wieder besungen, die Anerkennung aus dem Gangsta-Rap-Milieu ist ihm gewiss. Benzema besitzt trotz Millionen auf dem Konto die oft zitierte Street Credibility.

Während der Franzose sich gerne als harter Kerl inszeniert, ist er auf dem Platz ein ganz anderer Typ. Zwar 1,84 Meter groß und bullig, aber auch technisch hochveranlagt. Ein spielender Mittelstürmer, ein feiner Kicker, der gerne aus der Tiefe kommt, seine Tore mit rechts wie links erzielt und auch als Vorbereiter glänzt. Wenn er jedoch nicht trifft und eine Durststrecke durchmacht, wirkt er oft phlegmatisch. Was zu seinem schwierigen Verhältnis zu den Fans beiträgt. Und was vielleicht auch der Grund ist, warum Benzema nur selten genannt wird, wenn über die besten Stürmer der Welt diskutiert wird.

Nun bietet sich ihm die Chance, seine Titelsammlung durch einen Titel mit der Nationalmannschaft zu erweitern. Gleichzeitig könnte die Europameisterschaft die große Chance für Karim Benzema sein, sich mit den Fußballfans in seinem Heimatland zu versöhnen. Denn die Katze ist vielleicht in der Form ihres Lebens. Sollte "KB9" auch bei der EM treffen, würden ihm unter Umständen nicht gleich die Herzen aller französischen Fans zufliegen. Aber er könnte sich den Respekt erarbeiten, den er als Fußballer längst verdient hat.

Christian Stüwe

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