Mario Götze erlebt in Eindhoven seinen zweiten Frühling - Bildquelle: 2021 Getty ImagesMario Götze erlebt in Eindhoven seinen zweiten Frühling © 2021 Getty Images

München - Das Wellenbad der Gefühle kennt Mario Götze wie kein Zweiter: Als größtes Talent Deutschlands gefeiert. WM-Held mit 22. Das Missverständnis FC Bayern. Die missglückte Rückkehr nach Dortmund. Gesundheitliche Probleme und schließlich das Abstellgleis.

Vor gut einem Jahr lag das einstige Supertalent sportlich am Boden. Vielleicht auch mental. Heute erlebt der 29-Jährige bei der PSV Eindhoven seinen zweiten Frühling. Es ist der Neustart einer verloren geglaubten Karriere.

Beim 2:2 in der Europa League gegen Real Sociedad San Sebastian am Donnerstag bestaunten die Fans eine Götze-Gala wie in besten Zeiten. In der 54. Minute tunnelte er auf der linken Außenbahn zuerst Gegenspieler Zaluda, zog dann in den Strafraum, ließ drei weitere Spanier stehen und steckte den Ball schlitzohrig durch auf Teamkollege Cody Gakpo. Der musste nur noch einschieben. Es war ein typischer Götze-Moment.

Zuvor hatte der PSV-Spielmacher bereits selbst getroffen. Ein Tor und eine Vorlage – zuletzt war ihm das im Europapokal im Jahr 2013 gelungen. Spätestens jetzt ist für alle sichtbar: Der Wechsel nach Eindhoven, der von vielen belächelt worden war, entpuppt sich als absoluter Glücksfall.

Öffentliche Meinung statt Bauchgefühl

"Man kämpft eher gegen die Meinung der Öffentlichkeit und der Medien an, bevor man sich selbst öffnen kann", gab sich Götze schon 2018 in der "DAZN"-Doku "Being Mario Götze" nachdenklich. Was er damit vermutlich ausdrücken wollte: Der Ausnahme-Fußballer hatte sich in seiner Karriere wohl häufiger nach der öffentlichen Stimmung als dem eigenen Bauchgefühl gerichtet. Wie gefährlich das ist, erlebte er schmerzlich.

Der Wechsel von seinem Herzensverein Dortmund zum Liga-Primus Bayern München 2013 mag sportlich der logische Schritt gewesen sein. Götze selbst bezeichnete ihn rückwirkend als Fehler. Ähnlich dürfte er die reumütige Rückkehr zum BVB bewerten. Denn die Dortmunder bekamen einen angeschlagenen Spieler ohne Selbstvertrauen anstelle des gefeierten Jungstars, der er bei seinem Abschied gewesen war. Überhaupt führten bis dato eher selten Rückholaktionen zum erwünschten Ergebnis.

Götze auf der Resterampe

Es schien auch, als hätte Götze sich in all den Jahren selbst verloren. Nachdem er im Sommer 2020 vom damaligen BVB-Trainer Lucien Favre aussortiert worden und sein Vertrag nicht verlängert worden war, blieb Götze wochenlang auf der Transfer-Resterampe. Selbst nach Saisonbeginn war kein neuer Arbeitgeber in Sicht.

Trotzdem kündigte der fünfmalige Deutsche Meister vollmundig an, noch einmal die Champions League gewinnen zu wollen. Ein klassischer Fall von verzerrtem Selbstbild. Nahm doch selbst ein Durchschnittsklub wie Hertha BSC seinerzeit Abstand von einer Verpflichtung. Man sei nicht sicher, ob man so einen Spieler auffangen können, zweifelte der damalige Trainer Bruno Labbadia.

Wechsel nach Eindhoven ein Glücksfall

Nach ermutigenden Gesprächen mit PSV-Coach Roger Schmidt unterzeichnete Götze schließlich in Eindhoven. Fußballerisch ein Downgrade ohne Champions-League-Ambitionen, zweifellos. Bauchgefühlsmäßig aber goldrichtig.

Vielleicht war es der Moment, an dem sich Götze an seinen Satz aus der "DAZN"-Doku erinnerte. "Ich bin ein Gefühlsmensch und treffe meine eigenen Entscheidungen", begründete er nun seinen Wechsel.

Die Belohnung folgte umgehend. Götze schlug ein und war seither in 37 Spielen an 23 Toren beteiligt. Und wer weiß, wie gut seine Bilanz wäre, hätte ihn in der vergangenen Saison nicht eine hartnäckige Leistenverletzung wochenlang außer Gefecht gesetzt.

Götze verlängert in Eindhoven

Auch in dieser Spielzeit läuft es rund. Zwar scheiterte PSV in der Champions-League-Qualifikation und muss sich nun mit der Europa League begnügen. Doch in der Eredivisie grüßt der Götze-Klub aktuell vor Meister Ajax Amsterdam von der Tabellenspitze. Im niederländischen Supercup deklassierte PSV den Erzrivalen gar mit 4:0 – inklusive Götze-Traumtor.

Hatte der 29-Jährige Eindhoven noch vor einigen Monaten als Durchgangsstation betrachtet, verlängerte er jetzt seinen Vertrag vorzeitig bis 2024. "Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich hier gefunden habe", so Götze im "kicker". "Die PSV ist ein guter Verein und ich kann hier unter einem hervorragenden Trainer und Trainerstab arbeiten. Außerdem ist die Energie, die unser Team umgibt, sehr angenehm." Das Gesamtbild stimme einfach.

Dafür nimmt Götze sogar Abstand von alten Champions-League-Träumen. "Ich weiß ja, wie cool dieser Wettbewerb ist. Aber es muss vieles passen: das Umfeld, der Trainer, die Mannschaft." Und eben das Bauchgefühl.

Traum von der Nationalmannschaft

Apropos. Eben jenes hatte Götze in den vergangenen Jahren daran gehindert, offiziell aus der Nationalmannschaft zurückzutreten. Obwohl er seit dem 14. November 2017 nicht mehr berücksichtigt worden war. "Ich weiß, wie schnelllebig Fußball ist. Und ich weiß, wie cool es ist, ein Turnier zu spielen. Daher bin ich entspannt", sagte er dem "kicker" und fügte hinzu, er habe positive Erinnerungen an das DFB-Team. Natürlich.

Zuletzt machte Bundestrainer Hansi Flick dem Mittelfeldspieler Hoffnung auf eine Rückkehr. "Für alle, die Leistung bringen und Qualität zeigen, ist die Tür offen – genauso für Mario Götze." Es wäre ein neues Kapitel im persönlichen Wellenbad der Gefühle - ein Kapitel, das ihm wohl jeder Fußballfan in Deutschland gönnen würde.

Carolin Blüchel

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