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München – "Scheißkerl". 

Nett ist anders. Und doch hat diese Beleidigung im Rückblick auch leicht liebevoll-ehrfürchtige Züge. 

Denn das Wort entfuhr Sir Alex Ferguson und galt Mino Raiola, der 2012 Paul Pogba davon überzeugte, ablösefrei zu Juventus Turin zu wechseln. In seiner Autobiografie schrieb Ferguson später sogar: "Es gibt zwei Arten von Agenten, die ich nicht leiden kann. Eine davon ist Mino Raiola."

Eine spannende Facette

Manchester United verlor damals einen guten Spieler und viel Geld, während der berühmt-berüchtigte Spieleberater seine und die Taschen des Spielers vollmachte. Ein Paradebeispiel dafür, dass Raiola mit allen Wassern gewaschen war, von vielen bewundert, von einigen aber auch gehasst.

Jetzt ist Carmine "Mino" Raiola tot. 

Er wurde nur 54 Jahre alt, erlag einer schweren Krankheit. Und eigentlich spricht man ja nicht schlecht über verstorbene Menschen. Doch die oft kritisierte Art des wohl streitbarsten Spielerberaters der Welt ist eine spannende Facette einer ebenso polarisierenden wie faszinierenden Persönlichkeit.

Denn Raiola stand für alles, was das moderne Fußball-Business mit seinen Verträgen, Klauseln und Berater-Provisionen ausmacht, und zugleich für alles an diesem Geschäft, das die meisten Fans abgrundtief hassen. Geld, Reichtum, Raffgier - er mag nicht der beliebteste Spielerberater gewesen sein, aber ganz sicher einer der erfolgreichsten.

"Scheißkerl" dürfte im Rahmen der millionenschweren Geschäfte, die Raiola im Laufe seiner Karriere getätigt hat, trotzdem noch einer der harmloseren Beleidigungen gewesen sein.

Vom Tellerwäscher zum Millionär

Doch gleichzeitig steht seine Karriere für das so oft benutzte Synonym "vom Tellerwäscher zum Millionär". Denn Teller wusch er tatsächlich, nachdem seine Eltern ein Jahr nach seiner Geburt im italienischen Nocera Inferione in die Niederlande ausgewandert waren und in Haarlem ein Restaurant eröffnet hatten. 

Der Spitzname "il pizzaiolo - der Pizzabäcker" ist eine kleine Hommage an diese Anfänge, denn in dem Restaurant blieb es nicht beim Tellerwaschen oder Kellnern – Raiola knüpfte erste Kontakte in die Fußball-Welt. 

Und schaute sich viel bei seinem Vater ab, für den es bei dem einen Restaurant nicht blieb. "Am Ende besaß er 25. Meine Familie hat immer hart gearbeitet", sagte Raiola vor einigen Jahren in einem "11Freunde"-Interview. Auch Raiola arbeitete, er studierte ein paar Semester Jura, sprach sieben Sprachen, und sog die Finessen und Tricks des Geschäfts förmlich auf. "Mein Nie­der­län­disch war besser als das meines Vaters, also wurde ich sein Berater, sein Ein­käufer, sein Geschäfts­führer. Ver­han­deln und orga­ni­sieren, das war mein Ding. Alles was ich kann, habe ich im Restau­rant gelernt", sagte er. Sein Jura­stu­dium sei ver­schenkte Zeit gewesen, sagte er: "Anwälte kann ich mir schließ­lich kaufen."

Ein typischer Raiola.

Der Startschuss seiner Karriere erfolgte als Sportdirektor beim HFC Haarlem, kurz danach wickelte er seinen ersten Transfer ab. Der niederländische Nationalspieler Bryan Roy wechselte von Ajax Amsterdam nach Foggia. Es folgten Megastars wie Pavel Nedved, Zlatan Ibrahimovic, Mario Balotelli, Paul Pogba, Romelu Lukaku und Gianluigi Donnarumma. 

Und Erling Haaland.

Durch den BVB-Stürmer erhielten auch die deutschen Fans zuletzt einen tieferen Einblick in die Arbeit (Kritiker würden Machenschaften sagen) Raiolas. Mit Borussia Dortmund zoffte er sich, auch wegen eines früheren Transfers von Henrikh Mkhitaryan im Jahr 2016. "Ich kann sehr laut werden, wenn es gegen meine Jungs geht, sagte Raiola im Dezember bei "Sport1": "Ich bin bereit, für meine Spieler in den Krieg zu ziehen. Ich bin bereit, alles für sie zu machen. So wie für meine Söhne."

Auf Mino Raiola war Verlass

Er sagte in dem Zuge, dass er die deutsche Art möge, denn "sie kommt mir selbst am nächsten. Ich bin sehr deutsch. Ich bin sehr ordentlich und diszipliniert. Die deutsche Manier liegt mir".

BVB-Sportdirektor Michael Zorc brachte im WDR2-Podcast im vergangenen Jahr auf den Punkt, was Raiola ausmachte. 

Neben einer hohen Professionalität wisse man, was man bekomme, so Zorc: "Du musst jetzt nicht denken, wenn du in die Gespräche gehst, da ist noch Mutter Theresa mit dabei. Aber wenn du das weißt, dann kannst du dich sehr gut darauf einstellen und da geht es dann viel um Verlässlichkeit." Eine Seltenheit im Fußball-Geschäft. 

Wie es Raiola selbst auch war. In jeglicher Hinsicht.

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