Real-Boss Perez und Uefa-Präsident Ceferin gehen auf Konfrontation - Bildquelle: 2018 Getty ImagesReal-Boss Perez und Uefa-Präsident Ceferin gehen auf Konfrontation © 2018 Getty Images

München - Diese Schlacht geht an die UEFA - und den Fußball. Nach dem vergeblichen Versuch von zwölf Topklubs, eine europäische Super League ins Leben zu rufen, unterzeichneten neun der Abtrünnigen diese Woche eine Art Friedensvertrag.

Unter dem Druck massenhafter Fanproteste und Kritik von allen Seiten hatten sich Manchester City, Manchester United, der FC Liverpool, der FC Chelsea, der FC Arsenal, Tottenham Hotspur, Atletico Madrid, AC Mailand und Inter Mailand keine 48 Stunden nach dessen Verkündung wieder vom Super-League-Plan distanziert. Jetzt verpflichteten sich die neun Einsichtigen schriflich, ausschließlich an Wettbewerben teilzunehmen, die es derzeit im europäischen Fußball gibt.

Bei Zuwiderhandlung fallen 100 Millionen Euro Strafe an. Als Wiedergutmachung leisten die Vereine zusätzlich eine Zahlung von insgesamt 15 Millionen Euro, die in den Jugend- und Amateurfußball fließen soll und garantieren, fünf Prozent ihrer Einnahmen aus einer CL- oder EL-Saison zur Weiterverteilung zur Verfügung zu stellen. 

"Da sie ihre Verpflichtungen akzeptieren und willens sind, den Bruch, den sie verursacht haben, zu reparieren, will die UEFA dieses Kapitel hinter sich lassen und in einem positiven Geist in die Zukunft blicken", teilte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin mit. Die neun Vereine hätten erkannt, dass die Super League ein Fehler gewesen sei. Das unterzeichnete Abkommen sei auch als Entschuldigung an die Fans zu verstehen, heißt es in der Mitteilung weiter.

"Dreckigen Drei" droht Ausschluss

Weitreichende Sanktionen, wie etwa ein Ausschluss aus Champions League und Europa League, sind damit vom Tisch. Nicht allerdings für den FC Barcelona, Real Madrid und Juventus Turin. Sie sind die letzten Verbliebenen aus dem "dreckigen Dutzend", die weiterhin auf eine Geldliga setzen.

"Die UEFA behält sich das Recht vor, angemessene Aktionen zu unternehmen", heißt es deshalb weiter. Die Angelegenheit wurde den zuständigen UEFA-Disziplinargremien übergeben. Ausgang offen.

Das unnachgiebige Trio drohte den Aussteigern im Gegenzug am Samstag selbst mit juristischen Konsequenzen wegen Vertragsbruchs. "Die Super League ist nötig. Es ist absolut nötig, das wir großen Klubs, die einen beträchtlichen Teil der Ressourcen beitragen, auch ein Wort mitreden bei der Verteilung der Einnahmen", hatte Barca-Präsident Joan Laporta zuvor im katalanischen TV-Sender "TV3" betont.

Super League als Sanierungs-Helfer

Doch warum halten Real, Barcelona und Juventus weiter stur an der Super League fest? Juve-Präsident Andrea Agnelli und Real-Boss Florentino Perez hatten das Vorhaben von Beginn an forciert. Getrieben vom Geld, oder präziser: von Schulden.

Auf den ersten Blick hätte die Super League die Reichen noch reicher machen sollen. Auf den zweiten Blick sollte der neue Wettbewerb der Sanierung der am höchsten verschuldeten Klubs Europas dienen. Nicht zufällig führen die zwölf Gründungsmitglieder die Schuldenrangliste im europäischen Fußball an.

Der FC Barcelona verzeichnete allein im Geschäftsjahr 2019/20 1,173 Milliarden Euro Bruttoschulden, davon 730 Millionen Euro kurzfristige Verbindlichkeiten. Und das, obwohl der Verein auch in der Pandemie mit 715 Millionen Euro Einnahmen der Branchenprimus war.

"Barca steht am Rande der Pleite", titelte "El Mundo". "Die größte Wirtschaftskrise in der Geschichte von Barca", schrieb "Sport". Auch bei Real sieht es nicht viel rosiger aus. Die Königlichen kommen derzeit auf gut 900 Millionen Euro Bruttoschulden, 203 Millionen Euro werden in Kürze fällig.

"Fußball am Rande des Ruins"

Präsident Perez schlug im spanischen TV Alarm. Der Fußball stehe am "Randes des Ruins". Bis zur Champions-League-Reform von 2024, die den großen Klubs mehr Erlöse verspricht, seien die Vereine längst gestorben.

Juventus Turin steht im Vergleich zur spanischen Konkurrenz noch am besten da. Die alte Dame hat durch Corona und die Verpflichtung von Cristiano Ronaldo in den vergangenen Jahren "nur" 355 Millionen Euro Schulden angehäuft.

Mit der Super League hätte jeder Teilnehmer der "New York Times" zufolge knapp 330 Millionen Euro Startgeld erhalten. Pro Saison wären weitere 240 Millionen hinzugekommen - dank der US-Großbank JP Morgan.

Nicht zu vergessen die Einnahmen aus Merchandising und Marketing, die ein neuer Wettbewerb mit weltweiter Aufmerksamkeit in Asien oder Nordamerika generiert hätte. Und dort sieht man eben lieber Barca gegen Liverpool als Barca gegen Roter Stern Belgrad, wie es in der Königsklasse schon einmal vorkommen kann.

Kurzum: Die Pleiteklubs wären mit der Super League ihre finanziellen Sorgen im Handumdrehen losgeworden. Den Preis dafür, die faktische Entwertung der Champions League und der nationalen Ligen sowie das Sterben der kleineren Klubs, hätten sie dafür jederzeit in Kauf genommen.

Federführend verantwortlich beim Projekt Super League war Juve-Präsident Agnelli. Dass ausgerechnet der damals amtierende Chef der europäischen Klub-Vereinigung die UEFA derart hinterging, war für Präsident Ceferin auch eine persönliche Enttäuschung. Schießlich verband beide bis dato eine innige Freundschaft, ist doch der Slowene sogar Taufpate von Agnellis Tochter. "Er ist eine Schlange", sagte der UEFA-Boss nach Bekanntwerden der Super-League-Pläne. Er haben noch nie jemanden getroffen, der so viel gelogen habe.

Pandemie nicht Schuld an Schulenbergen

Nach dem Scheitern der Super League bleibt die finanzielle Schieflage der Vereine. Diese ist übrigens nicht auf die Pandemie zurückzuführen. Sicher haben fehlende Einnahmen aufgrund leerer Stadien ein zusätzliches Loch in die Klubkassen gerissen. Besonders in Spanien basiert die prekäre Lage aber eher auf einer langjährigen Schuldenkultur: explodierende Spielergehälter, utopische Ablösen, unverschämte Berater-Provisionen - das alles will erst einmal erwirtschaftet werden. Allein Lionel Messi kostet den FC Barcelona beispielsweise pro Jahr 128 Millionen Euro an Gehalt.

Wenn Real-Präsident Perez fleht, "es muss etwas geschehen. Wenn nicht, wird der Fußball verschwinden", dann hat er durchaus recht. Der Ansatz aber müsste ein anderer sein. "Die Lösung ist, die Kosten zu reduzieren. Der Weg kann nicht sein, immer mehr einzunehmen und Spielern und Beratern immer mehr zu zahlen", so Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge in der "Corriere della Sera".

Der FC Bayern hatte sich ebenso wie Borussia Dortmund und RB Leipzig von Beginn an gegen eine Teilnahme ausgesprochen. "Wir alle haben es übertrieben mit den Ausgaben, ohne Ausnahme. Jetzt ist die Zeit, einen weniger arroganten Fußball zu schaffen", gab Rummenigge den demütigen Weg vor.

Ob am Ende auch Real Madrid, der FC Barcelona und Juventus Turin einlenken, könnte auch über ihr eigenes Schicksal entscheiden. Denn wenn die UEFA die sturen Drei aus den internationalen Wettbewerben aussperren sollte, hätten sie nicht nur die Schlacht, sondern den gesamten Fußballkrieg verloren.

Carolin Blüchel

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