Martin Bengtsson erlebte eine schmerzhafte Zeit als Talent bei Inter Mailand... - Bildquelle: Getty ImagesMartin Bengtsson erlebte eine schmerzhafte Zeit als Talent bei Inter Mailand. © Getty Images

München - Es war ungefähr die Zeit, in der die Karriere von Zlatan Ibrahimovic so richtig Fahrt aufnahm.

Im August 2004 wechselte der damals 22 Jahre alte Schwede von Ajax Amsterdam zu Juventus Turin und startete eine Weltkarriere.

Ein anderer Schwede hatte einige Monate zuvor schon den Schritt in die Serie A gewagt. Martin Bengtsson war viereinhalb Jahre jünger als Ibrahimovic, galt aber in seiner Heimat ebenfalls schon als große Zukunftshoffnung.

Bei Örebro SK und in der U17-Nationalmannschaft lenkte er als offensiver Mittelfeldakteur das Spiel seiner Teams. Seine Heimat aber wurde ihm schnell zu klein und er folgte dem Ruf von Inter Mailand.

Vom Traum zum Albtraum in Rekord-Zeit

Dort erlebte er aber, wie in rasendem Tempo der Traum vom Profifußball zu einem Albtraum werden kann. Nicht einmal ein Jahr später – nach seiner ersten schwereren Verletzung – verließ er Italien und rettete damit womöglich sein Leben.

Die Geschichte des jungen Bengtsson ist in den letzten Jahren verfilmt worden und hat am kommenden Freitag in den Kinos in Großbritannien seine Premiere.

Der Film "Tigers" basiert auf Bengtssons Autobiographie mit dem Originaltitel "I skuggan av San Siro" (dt. "Im Schatten von San Siro") und ist eine schonungslose Abrechnung mit dem Umgang von Kindern und Jugendlichen in den Nachwuchsakademien großer internationaler Fußballklubs.

"Ich hoffe wirklich, dass dieser Film eine Diskussion über Akademien auslösen kann", sagt Bengtsson im englischen "Guardian". "Trainer müssen die Psychologie verstehen, die mit dem Druck einhergeht, viel Geld zu verdienen oder kurz davor zu stehen, viel Geld zu verdienen und vor vielen Zuschauern zu spielen."

Bengtsson: "Habe mich ausgeschlossen gefühlt"

Er habe eine Klausel in seinem Vertrag stehen gehabt, die besagte, "dass ich zur Schule gehen und Italienisch lernen sollte, aber das ist nicht geschehen", erinnert sich. "Die Sprache ist so wichtig für die Integration, und ohne sie war ich noch viel verlorener und einsamer. Es gab Zeiten, in denen ich mich völlig ausgeschlossen fühlte."

Außerdem hätten die Internatsleiter der Inter-Akademie Texte, die er in seiner Einsamkeit geschrieben habe, zerrissen und weggeschmissen.

Im Interview mit "Spox" vor ein paar Jahren hatte er die Geschehnisse in dieser Zeit präzisiert. Als er verletzt war und nicht trainieren konnte, habe er sich eine Gitarre gekauft und Songtexte geschrieben.

"Nach ein paar Monaten kam ich nach einem Nationalmannschaftsaufenthalt zurück ins Inter-Haus und bemerkte, dass alle meine selbst geschriebenen Songs und Gedichte weggeworfen worden waren. Es hieß, so etwas habe nichts im Leben eines Fußballspielers zu suchen", erzählte er damals. "Das war sehr schmerzhaft für mich."

Er fiel in ein Loch, wie er sagte, und wollte sich gar das Leben nehmen. "Das führte dazu, dass ich versuchte, mir die Pulsadern aufzuschneiden", sagte er. Mittlerweile wisse er, dass er schon früher die Notbremse hätte ziehen und die Akademie verlassen sollen.

Auch diese Ereignisse spielen eine Rolle in dem Film von Regisseur Ronnie Sandahl, der sich allerdings die Freiheit nimmt, auch einige fiktive, erfundene Handlungsstränge zu erzählen.

Bengtsson hörte mit 19 Jahren ein

Das echte Fußballer-Leben von Martin Bengtsson endete schon im Alter von 19 Jahren – als Spieler des damaligen schwedischen Drittligisten Örebro SK Ungdom.

Danach zog er nach Berlin-Kreuzberg, gründete eine Band und ging auf Tour. Doch auch das Schreiben ließ ihn nicht los. Er studierte an der Theater Akademie Malmö Dramaturgisches Schreiben und ist bis heute Schriftsteller geblieben.

Fußball spiele er heute nur noch zur Mediation, sagte er dem "Guardian". "Ich habe eine sehr natürliche und enge Beziehung zum Ball. Wir haben immer noch ein gutes Verhältnis zueinander."

Und er muss sich keine Sorgen machen, dass ihm jemand ein Loch in den Ball sticht, weil sich Fußballspielen für Schriftsteller nicht gehört.

Tobias Wiltschek

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