Seit März ist Özil bei Fenerbahce suspendiert - Bildquelle: 2022 Getty ImagesSeit März ist Özil bei Fenerbahce suspendiert © 2022 Getty Images

München - Mesut Özil bricht mit Fenerbahce Instanbul. Mit dem Klub, den er nach eigener Aussage seit seiner Kindheit verehrt. Doch spätestens seit seiner Suspendierung im März ist die Liebe erloschen.

Diese Woche entfolgte der 33-Jährige seinem Noch-Arbeitgeber symbolträchtig in den sozialen Medien. Breaking News in türkischen Medien, ein Shitstorm im Netz. Es ist vermutlich das letzte unrühmliche Kapitel in einer einst so großen Karriere, die Özil in den vergangenen Jahren selbst demontiert hat.

Erdogan-Foto als Wendepunkt

Der Absturz begann bereits im Jahr 2018. Der Auslöser, auch wenn es billig klingen mag, das berühmte Erdogan-Foto. 

Zur Erinnerung: Vor der Weltmeisterschaft ließen sich die beiden türkischstämmigen Nationalspieler Özil und Ilkay Gündogan vom türkischen Präsidenten – einem Autokraten, der auf Menschenrechte pfeift - für dessen Wahlkampf instrumentalisieren. Gemeinsame Schnappschüsse traten einen Skandal los.

Während sich Gündogan für den Fauxpas entschuldigte, schwieg Özil. Mit seiner Sturheit und Kritikunfähigkeit verspielte er sich damals viele Sympathien.

Rücktritt aus der Nationalmannschaft

Als die DFB-Elf kurz darauf bei der WM mit Lustlos-Auftritten in der Vorrunde scheiterte, machten Medien und Fans Özil als Sündenbock aus. Zumindest in der Wahrnehmung des Spielmachers, der daraufhin im Sommer erst beleidigt zurück- und dann gegen seine Teamkollegen nachtrat.

Seiner Meinung nach hätte ihn niemand gegen rassistische Anfeindungen verteidigt, die er nach dem Erdogan-Skandal über sich ergehen lassen musste. Bundestrainer Joachim Löw erfuhr aus den Medien von Özils Entschluss. Ein unwürdiger Abgang eines herausragenden Fußballers, dessen Karriere mit dem WM-Titel 2014 seinen Höhepunkt hatte.

Wenger kritisiert Özils DFB-Aus

Bei Real Madrid, beim FC Arsenal und in der Nationalmannschaft hatte er seit 2010 für Furore gesorgt. Özil, das Fußball-Genie, der Dribbelkünstler, der Vorlagenkönig. Allein in seinen drei Jahren bei Real hatte er sagenhafte 81 Tore vorbereitet. In fünf Jahren Arsenal bis dato 71.

"Ich habe es noch nie gemocht, wenn Spieler bei der Nationalelf hingeschmissen haben. Irgendetwas geht und stirbt dann in ihnen", sollte sein damaliger Trainer Arsene Wenger zwei Jahre später der "Welt am Sonntag" sagen. "Nachdem die Tür zu war, habe ich nur Spieler gesehen, bei denen es abwärtsging. Bei keinem ging es danach aufwärts." Özil ist der beste Beweis.

Özil Arsenals Herzstück

Nach dem Aus im DFB-Trikot blieb dem 92-maligen Nationalspieler immerhin noch Arsenal. 2013 war er von Real Madrid für 50 Millionen Euro Ablöse nach London gewechselt. Bis dahin der teuerste deutsche Spieler auf dem Transfermarkt.

In Wenger fand er einen Freund und Förderer. Die Trainer-Legende formte ein Team um Özil – das Ergebnis: immerhin drei Pokalsiege. Und der Mittelfeldstar selbst - das Herzstück des Erfolgs.

Emery beklagt fehlende Einstellung

2018 – während Özils größter Krise – endete auch die Ära Wenger. Mit Nachfolger Unai Emery kam der Mittelfeld-Star jedoch nie auf einen grünen Zweig. Die Formkurve zeigte nach unten, der Einsatzwille offenbar auch.

Als Emery Özil zum Kapitän machen wollte, sollen seine Mitspieler Einspruch erhoben haben, verriet der Spanier im Mai 2020 auf einer Pressekonferenz. "In der Umkleidekabine herrschte die Meinung, dass er nicht Kapitän sein sollte. Seine Einstellung reichte nicht aus, um Kapitän zu werden."

Zur Verdeutlichung gab Emery eine Anekdote aus dem Jahr 2019 zum Besten. So hatte er einen Tag nach der Final-Niederlage in der Europa League 2019 gegen Chelsea die Mannschaft aufs Trainingsgelände gebeten, um sie für die nächste Saison einzuschwören.

Mit jedem Spieler führte der Coach ein Vier-Augen-Gespräch. Nur Özil tauchte nicht auf. "Das meine ich mit fehlender Einstellung", sagte Emery dazu.

Kein Gehaltsverzicht in der Pandemie

Als der Trainer im Dezember 2019 entlassen wurde und Özils Ex-Mannschaftskollege Mikel Arteta folgte, sah es kurze Zeit so aus, als würde der Weltmeister von 2014 wieder in altem Glanz erstrahlen. Doch dann brachte die Pandemie den Klub in eine finanzielle Schieflage.

Die "Gunners" vereinbarten mit den Spielern Gehaltskürzungen in Höhe von zehn Prozent. Özil soll abgelehnt und auf seine 20 Millionen Jahresgehalt gepocht haben. Danach bestritt er nie wieder ein Pflichtspiel für den Londoner.

Arteta beteuerte, dass dies eine "rein fußballerische Entscheidung" und keine Folge der fehlenden Solidarität gewesen sei. Sein langjähriger Teamkollege Nacho Monreal verriet zuletzt aber dem Fußballmagazin "FourFourTwo": "Özils Problem ist, dass er mit jedem ein Problem hatte."

Gefeierter Wechsel zu Fenerbahce

Obwohl Arteta den damals 32-Jährigen für die Saison 2020/21 nicht mehr berücksichtigte, wollte Özil seinen Vertrag auf der Tribüne aussitzen. Erst als im Januar 2021 Fenerbahce anklopfte, entschied er sich für einen Wechsel. Gefeiert von den türkischen Fans, Willkommen geheißen vom türkischen Präsidenten.

Doch sportlich konnte Özil die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Es ist wie das Murmeltier, das täglich grüßt. Denn auch Interimscoach Ismail Kartal beklagte fehlendes Engagement. Nach einem Zoff mit dem Trainer wurde Özil im März suspendiert. Kartals Nachfolger Jorge Jesus machte schon bei seiner Vorstellung klar, dass der gefallene Star keine Zukunft mehr im Klub habe.

Özil selbst tat auf Twitter kund, dass er seinen Vertrag bis 2024 dennoch erfüllen und geduldig auf seine Chance warten wolle. Trotzdem entfolgte er seinem Arbeitgeber in den sozialen Medien. Es ist das endgültige Zerwürfnis – wohl auch mit vielen Fans. Und der Vorbote für ein würdeloses Ende seiner einst schillernden Karriere.

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