Niklas Süle ist aktuell das Sorgenkind der Nationalmannschaft - Bildquelle: 2021 imagoNiklas Süle ist aktuell das Sorgenkind der Nationalmannschaft © 2021 imago

München - Mit dem ersten Gruppenspiel gegen Weltmeister Frankreich startet am 15. Juni die EM für die deutsche Nationalmannschaft. In den verbleibenden zwei Wochen geht es für Bundestrainer Joachim Löw darum, dem Team im Trainingslager und bei den letzten verbleibenden Tests gegen Dänemark (2. Juni) und Lettland (7. Juni) den Feinschliff zu verpassen und Siegermentalität zu entwickeln.

Der Fokus wird dabei auch auf der Abwehrreihe liegen – dem Teil der Mannschaft, dem man gemeinhin nachsagt, dass er Turniere gewinnt. Ausgerechnet dieser Teil der Mannschaft hatte in den vergangenen zwei Jahren aber zu häufig geschwächelt. Nicht umsonst sprang Löw über seinen Schatten und holte pünktlich zur Europameisterschaft den einst aussortierten Mats Hummels zurück.

Der Dortmunder soll der wackligen Abwehr wieder Stabilität verleihen. Eine Einsatzgarantie wollte ihm Löw aber ebenso wenig geben wie dem zweiten Rückkehrer Thomas Müller. Das sei angesichts der Unwägbarkeiten in einem Turnier "unehrlich", so der Bundestrainer bei der Pressekonferenz im Trainingscamp in Seefeld, Tirol. Vielmehr sei der Konkurrenzkampf auf jeder Position "generell sehr wünschenswert".

Aber: "Wenn man Spieler wie Mats oder Thomas zurückholt, werden sie auch eine wichtige Rolle spielen", betonte Löw. "Sie haben die Erfahrung und das Können und werden vorangehen."

Hummels und Rüdiger wohl gesetzt

Nimmt man das Lob-Barometer des Bundestrainers als Gradmesser, dürfte Hummels zumindest für die Gruppenspiele gesetzt sein. Ebenso wie Antonio Rüdiger. Dem Abwehrchef des FC Chelsea attestierte der Coach "Weltklasse-Leistungen": "Toni Rüdiger hat bei uns immer gespielt, er ist ein Innenverteidiger auf allerhöchstem Niveau und mit seiner Art und Weise, wie er spielt, für uns absolut wichtig."

Dem 28-Jährigen droht gemäß der Corona-Bestimmungen allerdings eine 14-tägige Quarantäne, sollte er nach dem Champions-League-Finale in Porto gegen Manchester City mit der Mannschaft zunächst zurück nach England fliegen müssen.

Für den Fall, dass die EM-Vorbereitung erst einmal ohne Rüdiger stattfinden muss, sind Robin Koch, Matthias Ginter und Niklas Süle gefragt. Doch über Ginter verlor Löw kaum ein Wort und Koch hatte bei Leeds in der Rückrunde nach einer Knie-Operation kaum gespielt, weshalb der Bundestrainer Nachholbedarf sieht.

 

Sorgenkind Süle wird angezählt

Bleibt Süle. Vor zwei Jahren galt der 25-Jährige noch als designierter Hummels-Boateng-Nachfolger. Nach seinem Kreuzbandriss im Herbst 2019 konnte er allerdings nicht mehr wirklich an alte Leistungen anknüpfen. In der abgelaufenen Saison verlor Süle nach Covid-Erkrankung, Fitness- und Gewichtsproblemen sowie muskulären Beschwerden letztendlich seinen Stammplatz beim FC Bayern, war hinter Jerome Boateng, David Alaba und Lucas Hernandez sogar nur noch vierte Wahl.

Häufig fand sich Süle dementsprechend auf der Bank wieder oder versuchte sich mehr schlecht als recht als Verlegenheits-Rechtsverteidiger. Diese Option sieht Löw jedoch nicht. "Wir haben für die rechte Abwehrseite Spielertypen, die diese Rolle besser ausfüllen können", so die Einschätzung des Bundestrainers.

Süle müsse einige Extra-Schichten fahren. "Die letzten Wochen waren schwierig für ihn. Er braucht Widerstandsfähigkeit und harte Einheiten. Wir haben ein Programm ausgearbeitet, damit er einen Schub im körperlichen Bereich bekommt." Schon tags zuvor hatte Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff Süle angezählt und intensive Arbeit gefordert, um wieder in Form zu kommen.

Boateng wäre bereit gewesen

Dem Beobachter stellt sich angesichts der vernichtenden Urteile die Frage, weshalb Löw den Innenverteidiger überhaupt in seinen EM-Kader mit aufgenommen hat. Mangels Alternativen kann dies nicht geschehen sein. Denn die Lösung liegt am Strand.

Mit Jerome Boateng verweilt der – O-Ton Hansi Flick – konstanteste Bayern-Verteidiger der Saison und einer der besten Deutschlands – aktuell unfreiwillig auf Ibiza im Urlaub. "Bild"-Informationen zufolge sei der 32-Jährige sehr enttäuscht gewesen, dass Löw nach Hummels und Müller nicht auch ihn wieder zurückgeholt habe. Nicht einmal ein persönliches Gespräch mit Boateng habe es gegeben.

Womöglich hoffte Boateng, der sich selbst im Urlaub fit hält, bis zuletzt auf ein Umdenken. Vergeblich. Selbst wenn Rüdiger Quarantäne-bedingt verspätet zur Mannschaft stoßen sollte, bleibt die Tür für ein Comeback wohl zu. "Mit einem Plan B, Spieler nachzunominieren, beschäftige ich mich nicht", betonte Löw. "Ich bin davon überzeugt und hoffe, dass sie rechtzeitig bei uns sein können."

Warum sich Löw mit dieser Entscheidung selbst in die Bredouille bringt, bleibt sein Geheimnis. Geht Plan A auf, wird es im Nachhinein niemanden mehr interessieren. Erleidet die Nationalmannschaft aber wie schon bei der WM 2018 erneut Schiffbruch, könnte ihm diese Personalie noch einmal um die Ohren fliegen.

Doch dann liegt der scheidende Bundestrainer wohl selbst längst am Strand.

Carolin Blüchel

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