Bundestrainer Löw kündigt taktische Veränderungen an - Bildquelle: 2021 imagoBundestrainer Löw kündigt taktische Veränderungen an © 2021 imago

München – 80 Millionen Bundestrainer wissen es besser als Joachim Löw. Immer. Wäre es nicht so, würden wir etwas vermissen. Vielleicht sogar Jogi selbst. Auch vor dem zweiten EM-Gruppenspiel gegen Portugal hagelt es ungefragt gute Ratschläge von allen Seiten. Ex-Spieler wie Mehmet Scholl oder Lothar Matthäus fordern in "Bild" lautstark die Rückkehr zur Viererkette. Doch Löw lässt sich nicht in die Karten schauen.

 

Das Bundestrainer-Kollektiv in Deutschland macht es trotzdem - und diskutiert auch andere Schlüsselfragen wie: Wo ist Joshua Kimmich am wertvollsten? Und welcher Part der Doppel-Sechs muss für Leon Goretzka weichen, wenn er denn fit ist?

Das Positive vorweg: Trotz der historischen Auftaktniederlage gegen Frankreich hat es die deutsche Nationalmannschaft noch immer in der eigenen Hand, sich für das EM-Achtelfinale zu qualifizieren. Eine weitere Enttäuschung können sich Jogis Männer allerdings kaum leisten. ran.de benennt die wichtigsten Stellschrauben, an denen der Bundestrainer jetzt drehen muss.

Kimmich muss liefern - auch auf rechts

Wichtigster Punkt: Kimmich muss aufhören zu schmollen. Jeder weiß, dass der 26-Jährige lieber im defensiven Mittelfeld die Fäden zieht. Beim FC Bayern beweist er immer wieder, dass er das auch herausragend beherrscht. Seine Rolle als rechter Verteidiger in der Nationalmannschaft schmeckt ihm dagegen weniger.

"Im Zentrum hat man immer das Gefühl, dass man Teil des Spiels ist. Man kann immer eingreifen. Auf der rechten Seite ist es dann doch eben manchmal so, dass das Spiel abseits von einem selbst stattfindet, dass man vermeintlich auftragslos ist in manchen Situationen", gestand er bei der Pressekonferenz am Freitagabend.

Gegen Frankreich war Kimmich auf rechts prompt einer der schlechtesten DFB-Akteure auf dem Platz. Defensiv uninspiriert, offensiv ohne Akzente. Es entstand beinahe der Eindruck, der sonst so bissige Bayern-Star sei beleidigt. Auch wenn das – zugegeben - natürlich eine sehr subjektive Wahrnehmung ist.

Klostermann fällt verletzt aus

Gegen Portugal wird er sich aller Voraussicht nach wieder mit der ungeliebten Position arrangieren müssen. Mangels Alternativen. Denn Lukas Klostermann zog sich am Mittwoch im Training einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu und wird bis auf weiteres ausfallen.

Zwar könnte Löw auch Matthias Ginter hinten rechts aufbieten, das wäre dann aber schon die Not-Not-Lösung. Lässt sich der Bundestrainer nicht erweichen, muss Kimmich das eigene Ego hinten an und sich in den Dienst der Mannschaft stellen.

System für Löw nicht entscheidend

Zweiter wichtiger Aspekt: die Systemfrage. Während Experten und Fans die Rückkehr zur Viererkette fordern, ist die Formation für Bundestrainer weniger entscheidend. "Unsere Mannschaft ist fließend", erklärte der 61-Jährige. Es müsse so oder so jeder defensive Aufgaben übernehmen.

Allerdings ließ Löw in der zweiwöchigen Vorbereitung hauptsächlich die Dreier- bzw. Fünferkette trainieren. Es wäre durchaus überraschend, wenn er nun von seinem ursprünglichen Plan plötzlich abweichen würde.

Viererkette gegen Portugal sinnvoll

Tatsächlich war die Dreierkette gegen tief stehende Franzosen, die auf Konter lauern, ein probates Mittel. Drei Innenverteidiger sind besser als zwei, wenn Kylian Mbappe den Turbo zündet. Mit Portugal wartet aber eine ganz andere Mannschaft auf das DFB-Team. 

Der Titelverteidiger will selbst den Ball haben und nach vorne spielen. Die Umstellung auf eine Viererkette wäre demnach sinnvoll. In diesem Szenario würde Ginter weichen. Denn mit Mats Hummels ist der Abwehrchef gesetzt. Und Antonio Rüdiger bringt das Tempo mit, das Hummels abgeht.

Für eine Viererkette spricht zudem, dass die Außenverteidiger Kimmich und Robin Gosens nicht an der Seitenlinie auf und ab sprinten müssen, was schon gegen Frankreich nicht von Erfolg gekrönt war.

Bayerische Flügelzange und ein freies Radikal

Stattdessen könnten die Außenbahnen mit Leroy Sane und Serge Gnabry besetzt werden, um dem deutschen Spiel mehr Tempo zu verleihen. Ganz nach dem Vorbild des FC Bayern.

Thomas Müller gebe dann nicht mehr den klassischen Spielmacher, sondern sorgt als hängende Spitze - als "freies Radikal" - für Unruhe. Vorne nimmt dann Kai Havertz dieselbe Rolle ein, die er beim Champions-League-Triumph mit dem FC Chelsea so bravourös ausgefüllt hatte.

Hoffnungsträger Goretzka

Bleibt das Sorgenkind, das Mittelfeld. Gegen Frankreich fehlte die Bindung zwischen der Doppelsechs um Toni Kroos und Ilkay Gündogan sowie den drei Spitzen vorne. Gnabry und Havertz bekamen kaum Bälle, Müller wirkte wie ein Fremdkörper. Kroos überzeugte zwar kämpferisch, war aber mit der Bewachung von Paul Pogba so beschäftigt, dass nach vorne gar nichts ging. Gündogan, der bei Manchester City regelmäßig Traumpässe in die Spitze schlägt, fand diesmal selten Abnehmer.

Gegen Portugal braucht es demnach mehr Durchschlagskraft – in Person von Leon Goretzka. Er wäre der klassische Box-to-Box-Spieler, der als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff fungiert und auch selbst immer wieder nach vorne durchsticht. Die Räume dafür wird es aller Voraussicht nach geben, weil Portugal eben nicht so tief steht wie der Weltmeister.

Allerdings trat der Bundestrainer bei der Personalie Goretzka auf die Euphoriebremse. Nach mehrwöchiger Verletzungspause sei es "klar, dass ich mit Leon nicht für 90 Minuten planen kann", so Löw. Der Bayern-Star sei eher "eine Alternative im Laufe des Spiels". Für Goretzka müsste dann wohl Gündogan weichen, während Kroos für die Absicherung vor der Abwehr zuständig bleibt. Eine Doppelsechs aus Gündogan und Goretzka wäre gegen die Portugiesen sicher einen Tick zu offensiv.

Auf dem Papier wäre dies ein 4-2-3-1-System, wie es auch der FC Bayern praktiziert. Und wenn man schon auf einen großen Bayern-Block aus sechs Spieler setzt, warum dann nicht auch ein System wählen, das die Spieler über eine ganze Saison und länger verinnerlicht haben? Ob Löw das genauso sieht, wird der Samstagabend zeigen. Ebenso wie viele der 80 Millionen Bundestrainer es am Ende besser wissen.

Carolin Blüchel

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