Wenn es nach der EU-Kommission geht, stehen sie zugunsten des Umweltschutzes... - Bildquelle: 2015 Getty ImagesWenn es nach der EU-Kommission geht, stehen sie zugunsten des Umweltschutzes vor dem Aus: Kunstrasenplätze mit Granulat © 2015 Getty Images

München - Es ist ein Thema, das in diesen Tagen im deutschen Amateursport für mächtig Aufruhr sorgt. Die EU-Kommission will aus Umweltschutzgründen Mikroplastik verbieten.

Darunter fällt auch Granulat, welches auf vielen deutschen Kunstrasenplätzen als Füllmenge verwendet wird - und dann durch Regen in die Kanalisation, in Flüsse und schlussendlich im Meer landet.

Das angedachte Verbot basiert auf einer Studie des Fraunhofer Instituts, welches behauptet, dass jährlich 11.000 Tonnen Granulat in die Umwelt gelangen.

Das Verbot soll schon in zwei Jahren in Kraft treten und bereits 2022 sollen keine Granulat-Plätze mehr erlaubt sein - betroffen wären rund 5.000 Kunstrasen- und 1.000 DFB-Mini-Plätze mit Kunstrasen in ganz Deutschland.

Kein Wunder, dass sich nun auch die Politik einschaltet. Innen- und Sportminister Horst Seehofer fordert mindestens eine Übergangsphase von sechs Jahren, sonst wären "viele Tausend Sportanlagen in deutschen Kommunen von der Schließung bedroht". Und weiter Seehofer in der "Welt am Sonntag": "Als Sportminister werbe ich für einen vernünftigen Ausgleich zwischen Umweltschutz und den berechtigten Interessen des Sports."

Tausch des Granulats kostet allein 75.000 Euro

Ähnlich sieht das auch DFB-Interims-Präsident Rainer Koch. "Es sind Übergangsfristen nötig, um den Spielbetrieb nicht zu gefährden", so der Funktionär gegenüber der "Bild". Auch der Leiter Marketing und Kommunikation von Polytan (dem Marktführer für Kunstrasen in Deutschland), Tobias Müller, hebt im exklusiven Gespräch mit ran.de warnend den Zeigefinger: "Ein mögliches Verbot könnte für den Amateursport wirklich schwerwiegende Folgen haben."

Vor allem finanziell. Denn aktuell kostet nur ein Tausch des Granulats für einen Fußball-Kunstrasenplatz rund 75.000 Euro. Eine Stange Geld für Amateurvereine. Und sollte das Granulat-Verbot wirklich durch die EU-Kommission kommen, wäre ja sogar eine komplette Umrüstung nötig.

Hinzu kommt, dass man bei Polytan die Zahlen des Fraunhofer Instituts überhaupt nicht nachvollziehen kann. "Sie haben für ihre Studie Bauweisen aus dem Ausland genommen, die hierzulande gar nicht erlaubt sind", erklärt Müller. "Wir haben in Deutschland klare Richtlinien. Das Fraunhofer Institut geht zum Beispiel von rund elf Kilogramm Granulat pro Quadratmeter aus. Wir verwenden in Deutschland allerdings im Schnitt nur fünf Kilogramm pro Quadratmeter, bei den neuesten und modernsten Kunstrasenplätzen zum Teil sogar nur 1,7 Kilogramm Granulat."

Aktuelles Granulat "nur" 30 Prozent synthetisch

Zudem erläutert Müller, dass das neueste Granulat "nur" noch aus 30 Prozent synthetischem Kautschuk bestünde. 50 Prozent sind Kreide, also natürliche Stoffe, und 20 Prozent bestehen aus Hanf. Ebenfalls ein natürlicher Stoff.

"Leider kommen wir bei der Herstellung des Granulats bislang noch nicht mit 100 Prozent natürlichen Stoffen aus, forschen aber in diese Richtung weiter", so Müller, der auch drei Alternativen für die aktuellen Kunstrasenplätze mit Granulat aufzeigt. "Allerdings gehen wir in der Entwicklung dann mindestens einen Schritt zurück."

Alternative Nummer eins: "Es gibt natürlich Kunstrasenplätze, die komplett ohne Sand, Granulat oder Kork auskommen. Sie werden zumeist im Hockey-Bereich verwendet. Die sind allerdings wiederum sehr pflegeintensiv und müssen beispielsweise oft und viel gewässert werden. Mit so einem Platz lässt sich nicht wirklich viel Energie sparen."

Und das ist es doch, was die Vereine durch den Bau von Kunstrasenplätzen eigentlich erreichen wollen: Kosten zu senken durch das Einsparen von Energiekosten.

Alle Alternativen in der Entwicklung deutlich zurück

Alternative Nummer zwei: "Kunstrasenplätze mit Sand. Aber auch das wäre auf jeden Fall wieder ein Schritt zurück. Denn im Gegensatz zum Granulat ist hier die Verletzungsgefahr deutlich höher, da der Sand wie Schmirgelpapier wirkt und für Schürfwunden sorgen kann. Vor allem, wenn man zum Beispiel beim Fußball tief grätscht."

Alternative Nummer drei: "Es gibt noch Kunstrasenplätze mit Sand und Kork. Hier ist wiederum das Problem, dass Kork schwimmt. Und wenn mal ein Gewitter mit Starkregen über so einen Platz niedergeht, quillt der Kork ein wenig auf und bewegt sich, wird im schlechtesten Fall also vom Platz gespült. Im Sommer wiederum wird der Kork bei der Hitze schnell spröde und nutzt sich somit ab. Die Folge ist, dass man den Kork viel häufiger wechseln muss und so natürlich die Kosten wieder steigen." Wieder ein Aspekt, den kein Amateurverein in Deutschland wirklich will.

Umrüstung würde Vereine finanziell mächtig belasten

Ein mögliches Umrüsten der bestehenden Kunstrasenplätze würde aber momentan auf eine dieser drei Varianten hinauslaufen - und natürlich mächtig teuer werden. Denn eines ist laut Müller klar: "Sollte dieses Verbot kommt, würden sich natürlich auch die Marktpreise für Sand oder Kork schlagartig verändern." Und das höchstwahrscheinlich nach oben.

Allerdings ist in dieser Sache das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. "Diese Untersuchungen zum Mikroplastik betreffen ja die komplette Industrie. Nicht nur Sportanlagen, sondern auch Kosmetik und weitere Segmente. Wir haben, genauso wie weitere Firmen und Verbände, unsere Stellungnahme zu dieser Thematik abgegeben und versuchen nun auch weiterhin, sachlich mit Fakten zu argumentieren", sagt Polytans Marketing- und Kommunikationschef.

Fraunhofer-Studie "nur Schätzungen"

Zumal die PR-Abteilungsleiterin des Fraunhofer Instituts, Iris Kumpmann, auf der Polytan-Homepage mit einem Satz zu dieser Studie aus der "Schwäbischen Zeitung" zitiert wird, der durchaus aufhorchen lässt: "Es sind nur Schätzungen."

Die Studie müsse demnach überarbeitet werden und man müsse "nochmal konkret ran". Kommunen und Vereine würden dem Zitat zufolge angeschrieben und um Mithilfe gebeten. Kumpmann rechnet laut Polytan-Homepage mit einem Jahr, bis "die Fassung 2.0" fertig ist. Es stehe ja auch in der Studie, dass die Ergebnisse "nicht wissenschaftlich komplett untermauert sind". Man habe lediglich "sensibilisieren" wollen.

Jetzt ist also die EU-Kommission sensibilisiert. Und die möglichen Folgen für den Amateursport sind noch nicht wirklich abschätzbar. Finanziell könnte es für viele allerdings das Ende bedeuten.

Dominik Hechler

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