Wurde in der Entwicklung seiner Mannschaft erheblich zurückgeworfen: Barca-T... - Bildquelle: GettyWurde in der Entwicklung seiner Mannschaft erheblich zurückgeworfen: Barca-Trainer Xavi Hernandez © Getty

München/Barcelona - Der 14. April 2022 war eine Nacht für die Geschichtsbücher.

Nicht nur für die Geschichtsbücher der SG Eintracht Frankfurt, die sensationell ins Halbfinale der Europa League einzog, sondern auch für die Geschichtsbücher des FC Barcelona, der erstmals in der 122-Jährigen Geschichte des Klubs Gast im eigenen Stadion war.

Nicht nur die Mannschaft der Eintracht spielte wie entfesselt, als wäre der Rasen des Camp Nou ihr höchst eigener, auch rund 30.000 Tribünengäste aus Frankfurt machten das Auswärts- zu einem Heimspiel.

Fragwürdige Aufarbeitung des FC Barcelona

"Wir werden untersuchen, wie es dazu kommen konnte", sagte Trainer Xavi Hernandez nach dem Spiel. Damit meinte er nicht etwa die desolaten ersten 60 Minuten seiner Mannschaft, sondern die Anzahl der Gästefans, die rund ums Camp Nou verteilt waren.

Es war nicht der erste fragwürdige Kommentar des ehemaligen Weltklasse-Mittelfeldakteurs. Bereits im Hinspiel, als die Frankfurter Eintracht ebenfalls das bessere Team war, schob Xavi die Schuld auf den Platz: "Der Rasen war tief heute, das hat es nicht einfach für uns gemacht. Im Rückspiel bei uns wird das anders sein", so der frühere Welt- und Europameister.

 

Deutlicher wurde da schon sein Präsident, Joan Laporta: "Ich schäme mich. So etwas hätte nie passieren dürfen", sagte er nach dem Rückspiel, bei dem die organisierte Fanszene Barcas nach der Halbzeit den Block räumte, um ihren Protest über die Frankfurter auszudrücken. "Wir werden das aufarbeiten."

Das ist auch geschehen, zu kommenden Europapokalspielen wird es nur noch personalisierte Tickets geben. Ganz abgesehen davon, wie wirksam diese Maßnahme ist, geben die Katalanen ein fragwürdiges und unprofessionelles Bild ab. Dass die Fans der SGE reisefreudig sind, dürfte sich auch bis nach Barcelona rumgesprochen haben. Darauf nicht vorbereitet gewesen zu sein, ist kaum zu vermitteln.

Barca: Zurück in gar nicht so alte Muster

Es scheint, als hätte ein einziges Gastspiel eines Bundesligisten, den Barca womöglich gar nicht so ernst genommen hat, wie es nötig gewesen wäre, den Klub in den Grundfesten erschüttert - und gleichzeitig um Monate zurückgeworfen. Nur passend, dass die Blaugrana auch das nächste Ligaspiel mit 0:1 gegen Abstiegskandidat Cadiz in den Sand gesetzt hatte.

Zur Erinnerung: Vor der "Blamage" - so titelte die spanische Sportzeitung "Marca" - gegen die Eintracht war Barcelona 15 Spiele in Folge ungeschlagen geblieben und spielte teilweise herrlichen Fußball, der an beste Zeiten erinnerte. Real Madrid, der designierte spanische Meister, auf den Barcelona Stand jetzt 15 Punkte Rückstand hat, wurde mit 4:0 im eigenen Stadion hergespielt.

Dass Barcelona aus den vergangenen Tagen aber erinnert mehr an den Klub von vor der Anstellung von Xavi. Lethargischer Fußball, kopflose Führung und mehr als fragwürdige Entscheidungen. Bei jenem 0:1 gegen Cadiz wurde vom Publikum lautstark der Rauswurf von Laporta gefordert.

Ähnlich war es auch schon im Sommer 2021, als der Verein in Trümmern lag und den finanziellen Spielraum nicht besaß, um mit Klubikone Lionel Messi zu verlängern, und zudem nicht einmal ablösefreie Neuzugänge ohne weiteres zum Spielbetrieb anmelden konnte.

Rehabilitation durch Xavi dauert noch länger an

Immerhin hat es Xavi für wenige Monate geschafft, dass im Verein Ruhe herrscht. Er hat dem Team zwischenzeitlich eine Spielidee sowie Selbstvertrauen eingeimpft. Allerdings war das Konstrukt des FC Barcelona in den vergangenen Monaten wie ein Jenga-Turm, der bei einer falschen Bewegung zusammenstürzt. Frankfurt kam nicht nur mit einer falschen Bewegung, sondern gleich mit einer ganzen Abrissbirne daher.

Das heißt jedoch nicht, dass Xavi auf einmal ein schlechter Trainer ist oder sich Barcelona wieder in dem Zustand befindet wie noch vor rund neun Monaten. Jedoch war dieser Rückschlag unvermeidbar - und auch wichtig für den Klub. Xavi, noch ein ausgesprochen junger Coach, wird lernen, damit umzugehen.

 

Zum Trainer-Dasein gehört es, gerade bei so einem Weltklub, mehr als nur taktische Anweisungen zu geben. Und zu Entwicklungsprozessen gehören auch Rückschläge. Das gilt sowohl für Spieler, als auch für ganze Klubs. Da reicht ein Blick zum FC Liverpool, der vor rund sechs Jahren an einer ganz ähnlichen Stelle stand.

Von den vergangenen Tagen muss sich der FC Barcelona erstmal erholen. Denn er wurde von Grund auf erschüttert.

Das alles durch eine Nacht für die Geschichtsbücher.

Kai Esser

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