Ist jemand, der sich nicht nur mit Fußball beschäftigt, sondern auch mal übe... - Bildquelle: Getty ImagesIst jemand, der sich nicht nur mit Fußball beschäftigt, sondern auch mal über den Tellerrand hinaus schaut: der deutsche U21-Bundestrainer Stefan Kuntz © Getty Images

ran.de: Herr Kuntz, das Corona-Virus hat aktuell nicht nur den Sport, sondern leider die ganze Welt im Griff. Alle Menschen sind angehalten, möglichst in ihren vier Wänden zu bleiben – wie sieht Ihr persönlicher Alltag in diesen Zeiten aus?

Stefan Kuntz: "Am Anfang der Corona-Krise waren meine Frau und ich noch vor allem als Oma und Opa für unsere Enkel im Einsatz. Aber das hat sich mit den neuen Empfehlungen der Bundesregierung ja jetzt erledigt. In den vergangenen Tagen hatten wir mit dem DFB sehr viele Videokonferenzen unter anderem mit dem Sportlichen Leiter der Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, und  Oliver Bierhoff, unserem Direktor Nationalmannschaften und Akademie. Dabei haben wir Aufgaben untereinander verteilt, die wir auch ohne Spielerkontakt von zu Hause aus erledigen können. Wir wollen die Zeit nutzen und viele Themen konzeptionell weiterzuentwickeln. Wir müssen jetzt nun mal alle diszipliniert zu Hause bleiben, uns aber dennoch Gedanken über die Zukunft machen."

ran.de: Mit welchen Gedanken verfolgen Sie die Corona-Krise? Wie ist Ihr Eindruck von der Gesellschaft in diesen Tagen und Wochen?

Kuntz: "In solchen Krisen fallen bei den meisten Leuten die Masken. Bei den einen ist das sehr schön, bei den anderen eher hässlich. Ich hoffe, dass sich wirklich nun alle an die Vorgaben halten und zu Hause bleiben. Leider nicht alle. Wenn ich die Situation mit dem Fußball vergleiche, dann machen eigentlich wir Trainer immer den Matchplan. Jetzt ist es aber so, dass die Virologen diesen Matchplan machen, und wir alle gemeinsam ein diszipliniertes Team sein müssen. Ich glaube somit schon, dass jeder für sich aus dieser Krise etwas mitnehmen kann." 

ran.de: Was geht Ihnen als ehemaliger Polizist durch den Kopf, wenn Sie von "Corona-Partys" lesen oder Menschen, die andere extra anniesen und dabei "Corona, Corona" rufen? 

Kuntz: "Zunächst einmal halte ich es für völlig normal, dass sich junge Leute hier und da mal ausprobieren, provozieren und Streiche spielen wollen. Allerdings geht all das deutlich darüber hinaus und viel zu weit. Für mich grenzt das fast schon an Körperverletzung, weil sie damit einem anderen Menschen ein unter Umständen tödliches Virus übertragen und ihn somit in Lebensgefahr bringen können. Das ist unverantwortlich." 

ran.de: Hatten Sie trotz der Absage des U21-Lehrgangs in dieser Woche Kontakt mit Ihren Spielern im "Home Office"? Und wenn ja, welchen Eindruck haben die Jungs in dieser Phase auf Sie gemacht? 

Kuntz: "Ich habe vor allem mal wieder gemerkt, wie schnelllebig dieses Geschäft ist. Wir hatten zum Beispiel mit dem 1. FC Kaiserslautern schon vereinbart, dass Lennart Grill für das wichtige Spiel in der Dritten Liga gegen den MSV Duisburg lieber dort bleibt und nicht zur U21 reisen soll. Und mit Ismael Jacobs vom 1. FC Köln und Linton Maina von Hannover 96 standen eigentlich bereits zwei Debütanten für die kommenden Länderspiele fest. Aber die Absage hatte sich ja leider angedeutet und dementsprechend waren wir auch vorbereitet. Wir haben jetzt eine Chatgruppe eingerichtet, zu der unter anderem auch wir Trainer, die Ärzte, Sportpsychologen und Ernährungsberater gehören. Wenn die Jungs also Fragen haben, können sie sich im Chat an die jeweilige Person wenden. Wir sind für unsere Jungs da! Hinzu entwickeln die Kollegen der DFB-Akademie Programme, mit denen wir auch Angebote für unsere Spieler schaffen können. Natürlich habe ich auch mit jedem einzelnen Kontakt. Wir machen all das derzeit eher in schriftlicher Form, geskyped habe ich mit keinem von meinen Spielern." 

ran.de: Wie steht es etwa um Julian Chabot? Er spielt ja bei Sampdoria Genua und bekommt die schrecklichen Entwicklungen in Italien sicherlich hautnah mit.

Kuntz: "Ich habe natürlich mit ihm gesprochen, und es geht ihm gut. Wir haben für uns beschlossen, ihn jetzt erst einmal ein bisschen in Ruhe zu lassen. Das erscheint uns im Moment der richtige Weg zu sein." 

ran.de: Und der Paderborner U21-Nationalspieler Luca Kilian hat sich ja sogar mit dem Corona-Virus infiziert. Haben Sie in dieser Zeit mit ihm gesprochen und was hat er Ihnen von seiner Erkrankung erzählt?

Kuntz: "Hier verhält es sich ähnlich wie bei Julian. Ich habe selbstverständlich auch mit Luca telefoniert. Wir werden jetzt im Nachgang nochmal das Gespräch suchen und alles in Ruhe mit ihm aufarbeiten.“

ran.de: Inwiefern greift so eine Ausnahmesituation auch die Psyche vor allem dieser jungen Spieler an?

Kuntz: "Die Gedankengänge sind in solchen Situation bei den verschiedenen Spielergenerationen sicherlich schon sehr unterschiedlich. Ich glaube schon, dass den jungen Spielern in diesen Tagen und Wochen bewusst wird, dass es im Leben durchaus wichtigeres gibt als Fußball und welche Werte wirklich entscheidend sind. Das würde ich noch mit einem lehrreichen Augenzwinkern quittieren. Aber ihnen wird auch klar, dass der Fußball nicht nur die schönste Nebensache – Betonung auf 'Neben' – der Welt ist, sondern auch ein riesengroßes Wirtschaftsunternehmen, an dem viele tausend Arbeitsplätze hängen. Das ist schon ein deutlich ernsterer Aspekt. In Zeiten von Social Media sind die Jungs natürlich zudem auch Vorbilder und müssen sich entsprechend auch auf diesen Plattformen diszipliniert und verantwortungsbewusst verhalten. Am Ende wissen sie allerdings auch, dass der Fußball etwas ist, was den Menschen hoffentlich schon bald wieder etwas Freude in ihr Leben bringen wird."

ran.de: Die Uefa hat in der vergangenen Woche die Europameisterschaft um ein Jahr auf 2021 verschoben. Wie schätzen Sie diese Entscheidung ein? 

Kuntz: "Das war absolut alternativlos. Und ich fand auch die Art und Weise, wie man zu dieser Entscheidung gekommen ist, vollkommen in Ordnung und nachvollziehbar – auch, wenn viele sie vielleicht kritisiert haben, weil es ihnen zu lange gedauert hat. Denn wenn man mal in so einer Entscheider-Position war, ich kenne das ja noch aus FCK-Zeiten, dann weiß man, was da alles noch so dran hängt." 

ran.de: Die Bundesliga wird nun bis mindestens 30. April pausieren und es wird sogar schon spekuliert, ob der Ball erst wieder im Juni rollen wird. Wie viel Hoffnung haben Sie, dass die Saison 2019/2020 überhaupt noch fortgesetzt wird?

Kuntz: "Dafür fehlt mir die medizinische Grundausbildung. Ich würde nur sagen, dass wir jetzt einfach mal alle ganz diszipliniert zu Hause bleiben sollten, denn dann gibt es hoffentlich auch umso schneller wieder Fußball."

ran.de: Welche Folgen werden sich für den Fußball aus der Corona-Krise ergeben?

Kuntz: "Ich glaube, dass man das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beurteilen kann. Allerdings wird es schon große Unterschiede zwischen den Folgen für die Erste und Zweite, sowie dann für die Dritte Liga geben. Deswegen muss sich aus meiner Sicht die Solidarität, die aktuell zwischen den Vereinen herrscht, unbedingt auch nach der Krise zeigen. Die möglichen Probleme müssen zusammen angepackt werden. Anders wird es nicht gehen."

ran.de: Viele Profis verzichten in Ihren Vereinen auf einen Teil ihres Gehalts oder spenden das Geld an gemeinnützige Zwecke. Wie erleben Sie diesen Zusammenhalt in der Liga? 

Kuntz: "Das überrascht mich überhaupt nicht. Ich finde das überragend, was unsere Nationalspieler gemeinsam und einzeln, wie zum Beispiel  Joshua Kimmich, Leon Goretzka oder auch andere Spieler wie Robert Lewandowski da gerade machen. Dieses #herzzeigen und dieses soziale Engagement ist bei diesen Jungs, den Mittzwanzigern, schon enorm ausgeprägt." 

ran.de: Dabei sind es ja oft die Fußballer, die von großen Teilen der Öffentlichkeit nicht selten als nimmersatte Millionäre gesehen und zum Teil auch beschimpft werden ...

Kuntz: "Ja, das ist so eine typische Reaktion.Aber wer diese Jungs kennt, weiß, dass ihnen der öffentliche Ruf nicht gerecht wird und das sie einen prima Charakter haben." 

ran.de: Sie wären im Juli und August mit Ihrem Team ja eigentlich zu den Olympischen Spielen nach Tokio gefahren – nun wurde auch dieses Großereignis verschoben, wahrscheinlich ebenfalls in kommende Jahr 2021. Was denken Sie über diese Entscheidung?

Kuntz: "Die Olympischen Spiele sind ein sportliches Großereignis, dessen Organisation ich nur schwer bewerten kann. Das ist nochmal was ganz anderes als eine Fußball-EM. Aber ich war ehrlich gesagt im Zusammenhang mit Corona schon erleichtert, als IOC-Präsident Thomas Bach sagte, dass er den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgen wolle. So eine Absage beziehungsweise Verlegung der Olympischen Spiele erscheint mir allerdings schon ein unheimlicher Kraftakt zu sein, wenn man bedenkt, dass unter anderem 11.000 Athleten aus 206 verschiedenen Nationen erwartet worden wären, sich über 76.000 freiwillige Helfer gemeldet haben sollen und 8,8 Millionen Tickets zum Verkauf standen. Das sind schon extreme Dimensionen." 

ran.de: Inwiefern hat die Verschiebung der EM und von Olympia Einfluss auf Ihre Arbeit mit der deutschen U21 in den kommenden Monaten? Natürlich auch im Hinblick auf das olympische Turnier dann wahrscheinlich im kommenden Jahr? 

Kuntz: "Das ist aktuell noch nicht abzusehen. Es steht ja noch nicht fest, wie mit der U21-EM 2021 umgegangen wird. Außerdem ist noch nicht klar, welche Jahrgänge bei den beiden Turnieren dann spielberechtigt sind. Da wird man die Entscheidungen des IOC und der Uefa abwarten müssen."

Das Interview führte: Dominik Hechler

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