Kümmert sich beim DFB um die Nachwuchsförderung: Hermann Gerland, Co-Trainer... - Bildquelle: ImagoKümmert sich beim DFB um die Nachwuchsförderung: Hermann Gerland, Co-Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft © Imago

ran.de: Hermann Gerland, Sie sind jetzt seit gut einem halben Jahr Co-Trainer bei der deutschen U21-Nationalmannschaft und haben das Team gemeinsam mit Chefcoach Antonio Di Salvo bereits in vier Spielen betreut. Mit welchen Gedanken blicken Sie auf Ihre Anfangszeit bei den DFB-Junioren zurück und mit welchen Erwartungen gehen Sie ins neue Länderspiel-Jahr 2022?

Hermann Gerland: "Die Erwartungen sind, dass wir uns für die U21-Europameisterschaft 2023 in Rumänien und Georgien qualifizieren und als Trainerteam die Spieler - in der kurzen Zeit, in der sie bei uns sind – nach Absprache mit ihren Vereinen weiterentwickeln und fördern. Denn wir wollen gemeinsam erfolgreichen Fußball spielen."

ran.de: Die Tabellenkonstellation in der U21-EM-Qualifikationsgruppe B ist sehr eng. Deutschland, Israel und Polen werden bis zum letzten Spieltag um die ersten beiden Plätze konkurrieren. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Gerland: "Ja, die Tabelle ist sehr eng beisammen. Und wir haben jetzt noch schwere Spiele vor uns. Die Partie gegen Israel im vergangenen Jahr war schon sehr umkämpft und gegen Polen haben wir hoch verloren. Deshalb wollen wir gegen Lettland und in Israel wieder etwas gut machen. Das erwarte ich von uns auch. Wir gehen prinzipiell in jedes Spiel rein und wollen es gewinnen – der Gegner allerdings auch (lacht)."

ran.de: Sie haben gesagt, dass das Trainerteam die Spieler bei der deutschen U21 besser machen möchte. Inwiefern sind Spieler wie Ansgar Knauff und Jonathan Burkardt, die in ihren Vereinen in der Bundesliga aktuell Stammspieler sind, gut Beispiele für so eine positive Entwicklung?

Gerland: "Die Jungs werden vor allem bei ihren Klubs ausgebildet, beim DFB sind sie ja immer nur ein paar Tage. Sie müssen also in ihren Vereinen viel spielen und gute Leistungen bringen, damit sie diese Einsatzzeiten auch beibehalten. Wir bauen darauf auf und arbeiten mit den Jungs an ihren Fähigkeiten, um sie weiter zu entwickeln."

ran.de: Sie haben in Ihrer langen Karriere viel Erfahrung gesammelt, mit Top-Trainern wie Louis Van Gaal, Jupp Heynckes, Pep Guardiola oder Hansi Flick zusammengearbeitet und spätere Weltstars wie Thomas Müller, Mats Hummels oder Bastian Schweinsteiger entdeckt. Inwiefern hat sich Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert? Und inwiefern unterscheidet sich die aktuelle Generation von Spielern mit der früheren Spielergeneration eines Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger?

Gerland: "Ich habe diese Spieler zwar mit ausgebildet, sie aber nicht entdeckt. Und ja, ich habe während meiner Karriere unter anderem mit Champions-League-Sieger-Trainern wie Van Gaal oder Flick zusammengearbeitet. Ich habe dabei immer gut aufgepasst, so dass ich viel von ihnen gelernt habe. In meiner Position als Co-Trainer ist es nach wie vor so, dass ich klar sage, was die Jungs beherzigen müssen, um gute Spieler zu werden. Vielleicht in einer etwas netteren Art als früher, aber genauso deutlich (lacht). Das habe ich auch mit Weltstars beim FC Bayern München so gehandhabt. Du musst deine Leistung jede Woche abrufen, wenn du dort Stammspieler werden willst. Ich sage den Jungs, was ich sehe und was ich denke, damit sie verstehen, wie sie sich verbessern können. Namen haben dabei nie eine Rolle gespielt. Ich habe immer alle meine Spieler gleich behandelt."

 

ran.de: Antonio Di Salvo hat kürzlich beklagt, dass seine Spieler in ihren Vereinen zu wenig Spielpraxis erhalten. Wie beobachten Sie diese Entwicklung und wie kann man ihr entgegenwirken?

Gerland: "Wir müssen unsere Spieler einfach besser ausbilden, damit die Trainer in der Bundesliga überhaupt nicht mehr an ihnen vorbeikommen. Am Ende liegt es ja immer an der Qualität des einzelnen Spielers."

ran.de: Muss diese Ausbildung schon im Kindesalter beginnen?

Gerland: "Ja natürlich. Wir müssen den Ball schon im frühen Kindesalter in den Vordergrund stellen. Vor 20 Jahren hat jeder noch gerufen 'schieb, schieb, schieb', und dann hat man gedacht, man braucht die Abwehrspieler nicht mehr richtig ausbilden. Denn wenn die Räume eng sind, haben die Stürmer ja keine Chancen mehr. So jedenfalls der damalige Gedanke. Deshalb wurde in der Defensive weniger Eins-gegen-eins trainiert. Dann wurde gesagt 'pass, pass, pass', aber wir müssen auch mal sagen: 'dribbel, dribbel, dribbel'. Dazu sollten wir den Spielern weniger vorschreiben, was sie als nächstes für einen Ball spielen sollen, denn so geht die Kreativität verloren."

ran.de: In den Klubs werden aktuell häufig französische oder englische Talente dem deutschen Nachwuchs vorgezogen. Welche Fähigkeiten haben diese Spieler, die die deutschen Junioren vielleicht nicht haben?

Gerland: "Das kann ich nicht beantworten, weil ich nicht weiß, wie oft diese Spieler in ihren Ländern und Verbänden trainieren und wie es um die Schulausbildung steht. Bei uns wird viel Wert auf die duale Ausbildung gelegt. Wir müssen im Jugendbereich ein Training anbieten, das in kleinen Gruppen stattfindet und den Ball in den Mittelpunkt stellt. Die Kinder und Jugendlichen müssen viele Ballkontakte haben und oft ins Eins-gegen-eins gehen. Wenn ich beispielsweise drei gegen drei auf vier Tore spiele, auf einer Fläche von 15 x 25 Metern, dann habe ich die Garantie, dass jeder Spieler oft in Ballbesitz kommt, den Ball sauber an- und mitzunehmen lernt. Dann lasse ich vielleicht eine zweite Gruppe nur auf zwei kleine Tore spielen und die dritte wiederum auf einer Linie dribbeln. Nach einer gewissen Zeit wird dann immer getauscht, so dass jeder Spieler alle Stationen einmal durchlaufen hat. Das wäre ein wunderbares Jugendtraining, im Alter von acht bis zwölf Jahren bräuchte ich eigentlich gar nichts anderes mehr machen. Dazu muss ich bei jedem Spieler an seinen individuellen Schwächen arbeiten. Das ist das alle Entscheidende."

ran.de: Wird Ihrer Meinung nach im Jugendbereich zu ergebnisorientiert gearbeitet?

Gerland: "Die Prämisse im Nachwuchsbereich muss immer sein, dass der Erfolg des einzelnen Spielers immer den Vorrang hat vor dem Erfolg der gesamten Mannschaft. Das heißt, es ist wichtiger, einen Spieler so auszubilden, dass er später einer Bundesligamannschaft helfen kann, als Meister zu werden. In der Bundesliga ist das umgekehrt. Da musst du als Trainer gewinnen. Aber im Nachwuchsbereich geht es einzig und allein ums Ausbilden. Da muss ich vielleicht auch mal riskieren, am Wochenende ein Spiel zu verlieren, weil ich mit den Jungs unter der Woche intensiv trainiert habe. Allerdings ist es bei vielen Trainern auch so, dass sie sehr schnell nach oben wollen und deswegen meinen, dass die Ergebnisse und Titelgewinne im Jugendbereich wichtiger sind, als zwei hoffnungsvolle Talente für die Bundesliga zu entwickeln. Ein Vorschlag wäre, dass man erfahrene Trainer, die den Fußball verstehen und keine große Lust mehr auf den Profibereich haben, vermehrt im Jugendfußball einsetzt oder ihre Expertise zumindest mit einbezieht."

ran.de: Was macht für Sie den besonderen Reiz aus, im Nachwuchsbereich mit jungen, hoffnungsvollen Talenten zu arbeiten?

Gerland: "Es macht doch Spaß, wenn man einem jungen Spieler sagt, dass wenn er dies und das beherzigt, er die Möglichkeit hat, in der Bundesliga zu spielen, sich vielleicht mal ein schönes Auto zu kaufen und ein sorgenfreies Leben zu führen. Das ist doch eine wunderbare Sache für die Jungs."

ran.de: Wenn man sich in der deutschen U21 bei den Spielern oder auch dem Staff um die Mannschaft herum so umhört, geraten alle sofort ins Schwärmen und sind voll des Lobes, wenn man sie nach Ihnen fragt. Was bedeutet Ihnen diese Wertschätzung?

Gerland: "Fragen Sie mal meine Frau, was sie dazu sagt… (lacht)."

ran.de: … die hat hoffentlich eine ähnliche Wertschätzung für Sie …

Gerland: "… naja, das hört sich zumindest manchmal ein bisschen anders an … (lacht)"

ran.de: Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Trainer aus?

Gerland: "Ein guter Trainer bringt seinen Spielern etwas bei. Und in der Bundesliga ist man ein guter Trainer, wenn man häufig gewinnt."

ran.de: Wie würden Sie selbst Ihre Arbeit und Ihren Stil als Trainer beschreiben?

Gerland: "Mein Stil funktioniert heute nicht mehr. Aber ich habe in meiner Karriere als Co-Trainer ja mit Jupp Heynckes und Hansi Flick zwei absolute Menschenfänger an meiner Seite gehabt und miterlebt. Vor allem Heynckes war früher ja genauso besessen und verbissen wie ich. Aber ich habe beobachtet, wie überragend die beiden mit ihren Spielern umgegangen sind. Und die Spieler haben ihnen das mit Leistung zurückgegeben. Die haben nicht nur für sich und den Verein gespielt, sondern auch für Jupp oder Hansi."

ran.de: Können Sie dieses überaus menschliche Verhalten von Heynckes und Flick ihren Spielern gegenüber ein wenig konkretisieren?

Gerland: "Da geht es darum, mal ausführlich zu loben, aber auch vernünftig zu kritisieren. Ich war früher viel zu verbissen, wurde laut und habe geschimpft. Das würde ich so heute nicht mehr machen."

ran.de: Gibt es etwas ganz Besonderes, was Sie von all den Trainern, mit denen Sie selbst zusammengearbeitet haben, für sich persönlich mitgenommen haben? Und gibt es vielleicht sogar einen Coach, der Sie nachhaltig beeindruckt hat?

Gerland: "Ich war von allen Trainern tief beeindruckt. Das war schon eine richtig tolle Zeit, zumal ich ja unter anderem auch mit dem größten Taktiker aller Zeiten zusammenarbeiten durfte: Pep Guardiola. Aber auch Louis Van Gaal und all die anderen waren mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattet. Da kann man niemanden speziell herausheben."

ran.de: Wie schätzen Sie beispielsweise die Arbeit des erst 34-jährigen Julian Nagelsmann als Chefcoach Ihres Ex-Vereins FC Bayern ein?

Gerland: "Das kann ich gar nicht, weil ich nie mit ihm zusammengearbeitet habe. Aber generell gibt es bei Bayern München keinen Trainer, der nichts kann. Also ist Nagelsmann auch ein außergewöhnlicher Coach."

ran.de: Bereuen Sie im Nachhinein, dass es nicht zur Zusammenarbeit mit Nagelsmann kam?

Gerland: "Was heißt bereuen? ich habe mich anders entschieden und bin unheimlich dankbar, dass ich bei dem für mich besten Klub der Welt insgesamt 25 Jahre lang arbeiten durfte. Ich habe in dieser Zeit kaum Rücksicht auf meine Familie genommen und bin wochenends auf Fußballplätze gefahren, um mögliche, interessante Spieler für die Bayern zu sichten. Ich war also immer unterwegs, und es war egal, ob meine Frau lieber zum Brunchen gehen wollte. Ich war immer für den Verein da und habe das auch gerne gemacht. Das Einzige, was ich jetzt wirklich vermisse, ist das tägliche Training an der Säbener Straße beim FC Bayern. Da sieht man als Zuschauer oder Trainer auf dem Rasen gewaltige Fähigkeiten von Spielern wie Manuel Neuer, Robert Lewandowski, Thomas Müller, Joshua Kimmich und all den anderen Spielern. Das ist schon außergewöhnlich."

ran.de: Mit welchen Gedanken verfolgen Sie generell die Entwicklungen an der Säbener Straße? Es herrschte in dieser Saison ja nicht nur pure Harmonie beim deutschen Rekordmeister …

Gerland: "Wenn man so lange bei einem Verein war, drückt man ihm natürlich auch jetzt noch die Daumen, dass er auch weiterhin erfolgreich ist. Das ist doch klar. So geht es mir mit dem FC Bayern, aber auch dem VfL Bochum, wo ich 19 Jahre lang war."

ran.de: Wie verfolgen Sie die aktuellen Diskussionen um Robert Lewandowski? Sollte der FC Bayern mit ihm verlängern?

Gerland: "Das ist doch eine rhetorische Frage, oder? (lacht) Das Schwierigste, aber auch Wichtigste im Fußball ist doch das Toreschießen. Mein leider verstorbener Kumpel Gerd Müller, der neun Jahre lang mein Co-Trainer bei der zweiten Mannschaft des FC Bayern war, der konnte das wie kein anderer, war ein unglaublicher Torjäger. Und 'Lewy' ist genauso. Er ist ein unglaublicher Spieler und Athlet, aber auch ein herausragender Mensch. Ganz ruhig, keine Starallüren. Das sind alles Top-Typen beim FC Bayern. Nicht nur 'Lewy', alle anderen auch. Ich habe mit allen immer großen Spaß gehabt."

ran.de: Sehen wir Sie nochmal in der Bundesliga an der Seitenlinie oder wird der DFB für Sie die letzte Station sein?

Gerland: "Das kann ich jetzt noch nicht final beantworten. Als Cheftrainer wird man mich garantiert nicht mehr sehen. Ich habe beim DFB noch zwei Jahre Vertrag, fühle mich sehr wohl. Dann muss man schauen, wie es weitergeht, ob ich überhaupt noch fit genug bin. Aber so lange ich lebe, werde ich etwas mit Fußball zu tun haben. Das ist sicher."

Das Interview führte: Dominik Hechler

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