München - Die große Bühne gebührte anderen bei der FIFA-Gala "The Best FIFA Football Awards 2021" in Zürich. Weltfußballer Robert Lewandowski und Welttrainer Thomas Tuchel zum Beispiel, aber auch ihren weiblichen Pendants Alexia Putellas und Emma Hayes.

Doch mit einigen fragwürdigen Aussagen zog auch der als Gast anwesende Lothar Matthäus die Blicke auf sich.

Deutschlands Rekordnationalspieler versuchte, die Vorfreude auf die WM in Katar Ende des Jahres zu wecken, die sich bei vielen Fußballfans aufgrund der Umstände des Turniers nicht wirklich einstellen will. Und zog dabei nicht nur kuriose Vergleiche, sondern ordnete die öffentliche Kritik am Ausrichter höchst eigenwillig ein.

Matthäus nimmt Kritik als "Geplänkel der Journalisten" wahr

"Der Ausrichter, da wird viel gesucht. 2010 wurde Südafrika kritisiert, 2018 Russland, 2014 Brasilien, auch Deutschland hat man kritisiert 2006", zitiert der "Sportschau"-Journalist Chaled Nahar die Legende: "Das ist immer so, das ist nichts Neues für mich im Vorfeld, das ist Geplänkel der Journalisten."

Dabei scheint Matthäus ganz zu vergessen, dass Menschenrechtler und Politiker ins gleiche Horn blasen wie die von ihm angesprochenen Reporter. Denn während in früheren Gastgeberländern eher die Lebensumstände zumindest eines Teils der Bevölkerung im Angesicht der immensen Kosten für die Austragung oder die politische Marschrichtung an sich moniert wurden, geht es diesmal um nicht weniger als Verstöße gegen das wichtigste Gut: das Recht auf Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben.

Gastarbeiter verlieren Pass und manchmal auch ihr Leben

Denn in Katar werden die Gastarbeiter übereinstimmenden Berichten zufolge schlecht entlohnt und wie Sklaven gehalten, jeglicher Menschenrechte beraubt. Ihren Pass müssen sie abgeben, sind so ihrem Arbeitgeber komplett ausgeliefert. Auf den Baustellen ackern die Männer bei brütender Hitze und gehen dabei an die Grenze ihrer Kräfte oder sogar darüber hinaus.

Laut dem englischen "Guardian" sind tausende Todesfälle im Zusammenhang mit den WM-Bauten zu beklagen. In ihrer geringen Freizeit leben die Gastarbeiter zudem in großer Zahl eingepfercht in Baracken, wie Dokumentationen offenbarten. Auch Privatsphäre ist also ein Fremdwort.

Matthäus erfreut sich an "tollen Stadien und toller Infrastruktur"

Doch ähnlich wie Franz Beckenbauer, der schon vor Jahren keinerlei Sklaven im Land ausgemacht haben wollte und dabei womöglich eher Maßstäbe wie im alten Rom anlegte, bleibt Matthäus gelassen. "Ich kenne Katar seit zwölf, 13 Jahren", beruhigt er laut Nahar: "Sie sind fußballverrückt, sie haben tolle Stadien und eine tolle Infrastruktur."

Der Weltmeister von 1990 scheint von der Wahl des nächsten WM-Standortes hellauf begeistert zu sein, versichert: "Es wird ein großes Fußballfest, auch wenn man das ein oder andere vielleicht noch anpassen muss in Katar." Eher das eine und das andere, möchte man meinen.

Wichtig wird weiterhin sein, auf die Missstände aufmerksam zu machen - dann merkt vielleicht auch Matthäus, dass es um mehr als nur Geplänkel der Journalisten geht. Auch wenn viele große Namen im Fußball derzeit bei Katar doch gerne beide Augen zudrücken wollen.

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