Aus Katar berichtet Maik Rosner

al-Rayyan - Als es hinterher um die Frage ging, wie stolz er auf den Torschützen und zweimaligen Vorlagengeber Denzel Dumfries sei, hatte der Bondscoach noch einen dieser typischen Louis-van-Gaal-Momente.

Der Trainer der niederländischen Nationalmannschaft beugte sich auf dem Podium der Pressekonferenz zu seinem Spieler des Spiels herüber und gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Dann lachten van Gaal und Denzel Dumfries genauso wie ihr Publikum.

Zu guter Laune besteht aus Sicht der Niederländer gerade viel Anlass. Nach dem 3:1 (2:0)-Sieg gegen die USA am Samstag im ersten WM-Achtelfinale nähern sie sich ihrem Ziel, am 18. Dezember den Pokal für die offiziell weltbeste Landesauswahl im Fußball in den Händen zu halten. Drei Siege fehlen noch.

"Ich denke, wir haben eine große Chance hier", sagte van Gaal zu den Titelaussichten seiner Elftal, nachdem das Viertelfinale am Freitag (gegen Argentinien) erreicht war.

Berhalter: "Fußball kann grausam sein"

Nach dem Vortrag gegen die USA lassen sich in der Tat ein paar Gründe finden, warum es am Ende dieses Turniers heißen könnte: Oranje boven. Oranje oben. Und das, obwohl van Gaals Mannschaft keinen mitreißenden Fußball spielt, sondern oft eher das Gegenteil davon.

Oder wie es US-Coach Gregg Berhalter formulierte: "Fußball kann grausam sei." Kleinigkeiten hätten das Spiel entschieden. "Wenn du auf den Unterschied der beiden Teams schaust, dann war es die offensive Abschlussqualität der Holländer, die uns gefehlt hat."

Man kann das so sehen und den Stil der Niederländer fast zynisch finden. Man kann ihn aber auch als clever und klug beschreiben.

"Oranje" deutlich reifer als die US-Boys

Während des gesamten Achtelfinals trat van Gaals Mannschaft deutlich reifer und abgezockter auf als die US-Auswahl des kommenden WM-Gastgeber, in Katar die jüngste des Turniers. Nur kurz war Holland in Not, nachdem Haji Wright mit einem Kunsttor für die US-Boys zum zwischenzeitlichen 2:1 getroffen hatte (76.).

Doch sonst war es eher ein Spiel wie früher im Training, wenn Alt gegen Jung spielte und die ungestümen Jungen wieder einmal keine Chance hatten gegen die erfahrenen Alten. Memphis Depay (10.) und Daley Blind (45.+1) hatten trotz optischer Unterlegenheit zur 2:0-Pausenführung getroffen, Dumfries beendete das Aufbegehren der Amerikaner fünf Minuten nach Wrights Anschlusstreffer mit seinem 3:1 endgültig (81.).

Louis van Gaal schwärmt von fantastischen Toren

Hinterher durfte van Gaal sogar über "fantastische, wunderschöne Tore" schwärmen. "Eines der Tore war ein echtes Teamtor", lobte er.

Gemeint war das 1:0, bei dem die Niederländer die US-Abwehr mit 20 Pässen regelrecht seziert hatten. Es war das am schönsten herausgespielte Tor dieser WM. In der Entstehung habe man "alle Facetten unseres Spiels gesehen. Wie wir die Lücken attackieren und die Seiten wechseln", sagte Dumfries, "man hat den Kern des Systems gesehen."

Kein schöner Fußball: Kritik kommt aus den Niederlanden

Die Schönheit des Angriffs stand allerdings im Kontrast zur bisherigen Wahrnehmung der Oranje-Auswahl. Van Gaal hatte sich vor dem Spiel ja aus der Heimat erneut teils massiver Kritik erwehren müssen und dabei zunehmend genervt gewirkt.

Dass seine Mannschaft langweilig spiele, defensiv und nicht schön, lautet der zentrale Vorwurf. Dieser ist auch darauf zurückführen, dass das Idealbild der alten Ajax-Schule mit dem 4-3-3-System im nationalen Fußballbewusstsein noch ebenso tief verankert ist wie der von Amsterdam und der Nationalmannschaft in den 70er-Jahren praktizierte Voetbal totaal.

Also jener flexible Offensivstil, an dem sich alle Spieler mit vielen Positionswechseln beteiligten.

"Vorsicht totaal" statt Angriffswirbel

Davon sind sie bei der aktuellen Oranje-Auswahl in der Tat weit entfernt. Statt einer offensiven Ausrichtung praktiziert die Mannschaft eine zurückhaltende Spielweise, die auf Sicherheit ausgelegt ist. Gegen den Ball formierte sich van Gaals Elftal gegen die USA wieder in einem 5-3-2-System, das sie zuweilen sogar zu einem 5-4-1 weiter verdichtete.

Weniger Ballbesitz hatte sie als der Gegner und weniger Torschüsse. Die Spielweise könnte man als "Vorsicht totaal" bezeichnen. Von den alten Idealen ist nicht viel mehr übrig geblieben als die Nationalfarbe Oranje in den Trikots.

Van Gaal hat auf die Kritik eine Replik formuliert, in der er seine Erfahrung entgegensetzte. Bei Ajax sei es früher nur ums Angreifen gegangen, sagte er, doch "mit den Jahren denkt man über das Spiel nach und sieht die Risiken im Angriffsspiel."

Pragmatismus statt Angriffswirbel

Diese Erkenntnis habe er in seine Spielidee eingebracht. Er sei zu dem Schluss gekommen, dass gerade für eine WM gelte: "Es geht weniger um die Offensive, sondern mehr ums Gewinnen."

Van Gaal hat sich dem Pragmatismus verschrieben, und mit dieser Spielweise ist seine Elftal bei der WM so erfolgreich, dass sich die Kritik gut aushalten lässt. Seit van Gaals Amtsantritt im Juli 2021 hat die Mannschaft keines ihrer nun 19 Spiele verloren. Und wenn es nach dem 71-Jährigen geht, wird das noch mindestens in den kommenden drei Spielen so bleiben. Im Viertelfinale und danach im Halbfinale und Finale.

Sollte es wirklich so kommen, gäb's danach von van Gaal wohl wieder mindestens einen dicken Kuss.

WM 2022: Wie sehen die Viertelfinals bei der WM 2022 aus?

Am 9. und 10. Dezember finden die Viertelfinals der WM 2022 statt. Hier geht es zum Spielplan.

Die Viertelfinals im Überblick:

9. Dezember:

16:00 Uhr: Kroatien vs. Brasilien - im Liveticker

20:00 Uhr: Niederlande vs. Argentinien - im Liveticker

10. Dezember:

16:00 Uhr: Marokko vs. Portugal - im Liveticker

20:00 Uhr: England vs. Frankreich - im Liveticker


In welchen Stadien findet die WM 2022 statt?

Bei der WM 2022 wird in acht Stadien gespielt, wobei vier davon in der Hauptstadt Doha stehen. Dabei wurden die Stadien komplett neu gebaut. Die meisten Stadien sollen nach der WM für gesellschaftliche Zwecke genutzt werden und nur einige für den Sport. Das größte Stadion ist das Lusail Iconic Stadion, welches mit 80.000 Plätzen auch das WM-Finale austragen wird. Die weiteren Stadien bieten Platz für 40.000 bis 60.000 Zuschauer.

Das sind die WM-Stadien 2022 Überblick:

Al-Bayt Stadium
Kapazität: 60.000 -Standort: Al-Khor - Fertigstellung: Neubau, Eröffnung 2020
Al-Rayyan Stadium
Kapazität: 40.000 - Standort: Al-Rayyan -Fertigstellung: Umbau, Wiedereröffnung 2019

Al-Thumama Stadium
Kapazität: 40.000 - Standort: Doha - Fertigstellung: Neubau, Eröffnung 2020

Al-Wakrah Stadium
Kapazität: 40.000 - Standort: Doha - Fertigstellung: Neubau, Eröffnung 2019

Khalifa International Stadium
Kapazität: 40.000 - Standort: Al-Rayyan - Fertigstellung: Umbau, Wiedereröffnung 2017

Ras Abu Aboud Stadium
Kapazität: 40.000 - Standort: Doha - Fertigstellung: Neubau, Eröffnung 2020

Qatar Foundation Stadium
Kapazität: 40.000 - Standort: Al-Rayyan - Fertigstellung: Neubau, Eröffnung 2020


Wann findet das WM-Finale in Katar statt?

Am 18. Dezember wird das Finale bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar ausgetragen. Anpfiff ist um 16 Uhr im Lusail Iconic Stadium.


Warum ist die WM 2022 im Winter?

Ursprünglich sollte die WM 2022 wie jede andere Weltmeisterschaft im Sommer ausgetragen werden. Durch die hohen Temperaturen im Gastgeberland Katar entschied die FIFA sich, dass die WM 2022 erstmals im Winter stattfindet. 


WM 2022 Katar

WM 2022 1/2 Finale

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