David Beckmann arbeitet jetzt hinter den Kulissen für Andretti in der Formel... - Bildquelle: Motorsport ImagesDavid Beckmann arbeitet jetzt hinter den Kulissen für Andretti in der Formel E © Motorsport Images

München - Nach seinem Aus in der Formel 2 im Jahr 2021 hat David Beckmann für die Saison 2022 ein neues Betätigungsfeld gefunden.

Der Iserlohner, der zuletzt wieder als Ersatzmann in Imola im Formel-2-Cockpit saß, ist bei Andretti in der Formel E (live auf ProSieben, P7 MAXX und ran.de) angeheuert, um sich als Simulator- und Entwicklungsfahrer des Teams zu empfehlen. Doch was macht diesen Job eigentlich aus und warum ist diese Position bei vielen Nachwuchspiloten so beliebt?

Andretti ist seit 2014/15 in der elektrischen Formel-E-Weltmeisterschaft aktiv und war zuletzt als Einsatzteam von BMW aktiv. Seit dem Ausstieg der bayrischen Marke nach der Saison 2021 geht der Rennstall mit Basis im britischen Banbury als Kundenteam des deutschen Herstellers an den Start. Jake Dennis und Oliver Askew sind die Stammpiloten von Andretti, die Beckmann mit seiner Arbeit im BMW-Simulator in München massiv unterstützt.

"Neben der Strecke bin ich momentan in München im Simulator von BMW", so Beckmann gegenüber 'Motorsport-Total.com' über seinen Job bei Andretti. "Da mache ich Entwicklungsarbeit für das Team. Andretti baut aber einen neuen Simulator für das Gen3-Auto für das Werk in Banbury in England. Den Simulator werde ich dann im Sommer mitentwickeln."

Simulatorarbeit die Basis für den Erfolg

Hauptsächlich sitzt der Deutsche also am Steuer des virtuellen Andretti-Boliden, um sich selbst an das Auto und die Straßenkurse der Serie zu gewöhnen. "Das sind meine Aufgaben, das ist nicht mega viel, aber es ist wichtig, reinzukommen", sagt Beckmann, der nach der Saison 2022 zusätzlich auf einige Testtage in der Realität hofft. "Ich finde die Simulatorarbeit sehr wichtig, weil wir bei BMW einen guten Simulator haben."

Testmöglichkeiten sind in der Formel E extrem limitiert, da die meisten Strecken nur temporär für das Rennwochenende aufgebaut werden. Umso wichtiger ist es also, die notwendigen Daten im Simulator zu sammeln. "Die einzige realistische Übung, die es gibt, ist der Simulator", stellt der 21-Jährige klar. "Das ist für mich ein guter Sprung."

Informationen wie ein Schwamm aufsaugen

Wenn die Formel E an der Rennstrecke ist, begleitet Beckmann das Team auf Schritt und Tritt wie zuletzt im italienischen Rom. "Ich bin bei allen Briefings, Ingenieurstreffen und Vor- sowie Nachbesprechungen, an denen auch Jake und Oliver teilnehmen, mit dabei", erklärt Beckmann. "Ich höre zu und schreibe mir für mich persönlich viel auf, um einfach so viel es geht mitzunehmen, auch besonders, was von Jake und Oliver an Feedback kommt."

Für den Deutschen ist es wichtig, das Feedback der Hauptfahrer zu verstehen, um im Fall der Fälle bereit für einen realen Einsatz in der Formel E zu sein. "Es ist für mich ein bisschen wichtiger, was sie vom Rennen gehalten haben, was sie am Lenkrad verstellt haben und welche Fehler gemacht wurden. Im Rom war es ganz interessant, da gab es Probleme mit dem Energiemanagement", erklärt er. "Da sind wir im falschen Modus gefahren."

"Die Balance im Auto war gut, aber leider war die Energieeffizienz nicht so hoch", analysiert Beckmann das schwierige Wochenende für die Andretti-Truppe. "Deshalb ist Jake am Ende des Rennens auch ein wenig eingebrochen - schon im ersten Lauf, im zweiten hat er dann noch einen Unfall gehabt. Das ist für mich die Hauptarbeit an der Strecke, da alles mitzunehmen und den Ablauf nachzuvollziehen sowie an den Treffen beteiligt zu sein."

Wie eine Rennsport-Ausbildung

Beckmann spricht von einer "Lernphase" an der Strecke, während die "richtige Arbeit im Simulator" stattfindet. Es ist etwas anderes, wie bei jedem Simulator-, Entwicklungs- und Reservefahrer: An der Rennstrecke sieht man die anderen Piloten fahren, was nicht so schön ist", gibt Beckmann zu. "Man fährt halt selbst nicht."

Der ehemalige Formel-2-Fahrer hat diesen Schritt aber bewusst gewählt, da er für die Saison 2022 keine sinnvolle Alternative in der Formel E für seine Karriereplanung gefunden habe. Denn immerhin hat der Iserlohner das Ziel, eines Tages Profirennfahrer zu werden. "Ich möchte darauf aufbauen und mit etwas Glück kommende Saison Hauptfahrer bei Andretti werden. Das ist das Ziel", gibt sich der Deutsche kämpferisch.

Das macht die Simulatorarbeit aus

Doch was macht Beckmann Tag ein, Tag aus, wenn er für Andretti im BMW-Simulator sitzt? "Die ersten Stints im Simulator dienen für mich wirklich nur zum Fahren", sagt er. "Das ist dafür da, dass sich der Fahrer daran gewöhnt. Nach einiger Zeit ist man dann viel am Testen mit den Fahrzeugeinstellungen und dem Energiemanagement. Die Ingenieure stellen dann das Auto völlig anders ein, um einfach mehr Daten herausbekommen."

"Wenn man so einen guten Simulator wie bei BMW hat, sollte man den auch bestmöglich nutzen", so die klare Aussage des Talents, der gleich den Bogen zur Königsklasse schlägt: "Während eines Formel-1-Wochenendes zum Beispiel sitzen die Entwicklungsfahrer auf dem Simulator und wenn es dann irgendein Problem mit der Balance gibt, dann mailen die das bei Red Bull zum Beispiel nach Milton Keynes."

Was dann passiert, hätten sich Teams, Fahrer und Ingenieure vor einigen Jahrzehnten nicht träumen lassen können: "Der Simulatorfahrer fährt dann einfach mal ein anderes Set-up und guckt, wie es ist. Die wissen dann, ob das gepasst hat, denn deren Simulatoren gleichen der echten Welt physikalisch wirklich sehr - was die Balance und die Aerodynamik angeht. So kann man dann mehrere virtuelle Runden fahren, die aber genau die gleichen Daten liefern wie im Rennen."

Simulatoren liefern realistische Daten

"Man kann auch wirklich die echten Daten von einer Runde mit der im Simulator vergleichen und das sieht heutzutage so gleich aus, das ist der Wahnsinn bei richtig guten Simulatoren", so Beckmann über seine Erfahrungen. "Da merkt man jede Bodenwelle, weil die Strecken alle mit einem Laser gescannt werden. Das ist schon eine ganz andere Sache, als wenn ich hier Zuhause auf meinem kleinen Simulator fahre."

Laut Beckmann sind Simulatoren deshalb bei den involvierten Herstellern ein "riesen Ding", die nicht nur von den Fahrern für die Vorbereitung, sondern auch von den Teams für die Entwicklung der Fahrzeugeinstellungen genutzt werden. Für einen Simulatorfahrer wie Beckmann kann das außerdem ein Sprungbrett in ein echtes Cockpit in der Formel E sein, wenn er schnell ist, dem Team wichtige Daten liefert und einen guten Eindruck hinterlässt.

"Es ist für mich wichtig, denn ich bin ein guter Simulatorfahrer", so Beckmann. "Wenn ich zeige, das schnell im Simulator bin, dann ist das ein guter Eindruck für das Team. Wenn ein Simulator realistisch ist, dann ist man in der Regel auch auf der realen Rennstrecke schnell." Dennis, der für Andretti fährt, war vor seinem Einsatz in der Saison 2022 Simulatorfahrer bei BMW und hat dann den Abgang von Alexander Sims ausgenutzt, um sich ein reales Cockpit zu ergattern.

"Wenn du einen guten Simulator hast, dann sehen die da schon einen Zusammenhang mit der echten Rennstrecke", erklärt Beckmann. "Wenn du im Simulator schnell bist, denken sie, dass du auch in der Realität schnell bist. Es ist wichtig, sich da gut anzustrengen und einen guten Eindruck zu hinterlassen. Das ist also eine Chance, eines Tages einen Formel-E-Boliden auf der echten Rennstrecke zu bewegen."

Keine Ausgaben mehr als Nachwuchsfahrer

In seiner Karriere musste Beckmann in den Formel-Nachwuchsklassen eine Menge Geld mitbringen, um sich gegen die Konkurrenz beweisen zu dürfen. Das hat sich mit seiner Rolle bei Andretti geändert: "Das ist eher eine Plus-Minus-Null-Geschichte in der Formel E für mich aktuell. Das ist aber der erste Schritt, dass ich kein Geld mehr wie in der Formel 2 mitbringen muss", so Beckmann über den finanziellen Aspekt.

"Die Formel E ist letztlich ein Beruf für die Fahrer, die da im Rennen fahren", sagt er. "Die verdienen Geld damit und sind richtige Werks- und Berufsfahrer. Das ist natürlich am Ende auch das Ziel, das ich Berufsrennfahrer werde und auch von meiner Leidenschaft leben kann. Momentan ist das natürlich noch nicht so, aber das kann sich nächstes Jahr ändern."

Das ist auch ein Grund, warum die Positionen als Entwicklungs- und Simulatorfahrer bei den Rennteams auf dieser Welt bei Nachwuchsfahrern so beliebt sind, denn sie könnten der erste wichtige Schritt in Richtung einer Profikarriere sein. "Wenn man dann so eine Simulatorerfahrung für ein Jahr schon gemacht hat, dann ist das eine gute Chance, daraus etwas Festes zu machen", so der Deutsche.

Alternativen zur Formel E

Die Saison 2022 ist für Beckmann bereits durchgeplant: Bis auf den überraschenden Formel-2-Einsatz in Imola hat der 21-Jährige keine weiteren Gastspiele geplant, da er sich voll auf seine Aufgabe bei Andretti konzentrieren möchte. Vor dem Jahreswechsel hat er aber mit einem Engagement im GT-Sport geliebäugelt.

"Es gab Pläne am Anfang des Jahres, denn ich wollte ein wenig GT fahren, aber ich hatte nicht die Gelder für eine vernünftige GT-Saison zur Verfügung", berichtet Beckmann. Man muss da nicht um den heißen Brei reden: Man braucht da auch richtig viel Asche, wenn man das vernünftig machen möchte."

"Man kann auch in der Formel 2 in einem schlechten Team fahren, dann fährt man da drei Jahre, wenn man das Geld hat. Man kann aber auch direkt bei Prema fahren, da bleibt man dann aber vielleicht nur ein Jahr. Das ist auch im GT-Sport so, deshalb muss man da auch vernünftig die Gelder zusammenbekommen, gerade als Formelfahrer, weil man auch die Testtage erst einmal bezahlen muss."

Beckmann könne als Formelpilot nicht einfach in ein GT3-Auto steigen und mit den erfahrenen Werksfahrern konkurrieren. Er benötige viel Zeit im Auto, um erfolgreich zu sein. "Die guten Piloten, die da fahren, sind ja Werksfahrer, die fahren gefühlt jedes Wochenende für Audi, Mercedes, BMW und so weiter. Wenn ein Tennisspieler immer auf Asche spielt und dann den Platz wechseln soll, dann muss er auch erst einmal reinkommen. So ist das auch im Rennwagen", sagt Beckmann.

"Das sind kleine Details, aber am Ende sind es nur Zehntel oder Hundertstel, die Positionssprünge ausmachen. Das Geld hat also für ein vernünftiges Programm nicht gereicht, weshalb ich mich auf die Formel E konzentrieren werde. Nächstes Jahr ist es natürlich möglich, dass sich Alternativen ergeben", rundet der 21-jährige Deutsche das Gespräch über seine aktuelle Rolle und Pläne für das Jahr 2023 ab.

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