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München - Man denke rund vier Monate zurück. Charles Leclerc hatte gerade den Großen Preis von Australien mit einem "Grand Slam" - also einer Kombination aus Pole Position, Start-Ziel-Sieg und schnellster Rennrunde - gewonnen. Max Verstappen musste sein Auto im dritten Rennen bereits zum zweiten Mal mit einem technischen Problem abstellen. Es sah nach einer Saison aus, die vor allem den Ferrari-Fans auf der ganzen Welt gefallen könnte.

Anfang August 2022 liegt die rote Ferrari-Welt (mal wieder) in Scherben. Die WM ist so gut wie verloren und Häme gibt es von allen Seiten.

Der Ungarn-Grand-Prix war die wohl letzte Chance für Ferrari und Charles Leclerc, noch einmal in den WM-Kampf einzugreifen. Verstappen startete nach Motorenproblemen im Qualifying nur von Platz zehn, Leclerc von Rang drei - vor ihm nur Teamkollege Carlos Sainz und Mercedes-Pilot George Russell. Und lange sah es auch so aus, als könne Leclerc seinen vierten Rennsieg in der laufenden Saison feiern und zumindest wieder ein wenig Momentum aufbauen.

Ferrari erlebt Debakel in Ungarn

Es gibt selten den einen Moment, der am Ende dafür sorgt, dass ein Team oder ein Fahrer am Ende nicht Weltmeister wird. Auch nicht in dieser Saison. All die Strategiefehlern von Ferrari und persönlichen Patzer von Leclerc sorgten dafür, dass die pure Anzahl von Fehlern irgendwann das berühmte "Fass zum Überlaufen" gebracht haben. Spätestens in der 39. Runde des Ungarn-Rennens war jedoch jedem Fan, jedem Zuschauer, jedem Experten klar, dass es auch in dieser Saison wieder nichts wird mit dem lang ersehnten Titel für einen Ferrari-Fahrer.

Teamchef Mattia Binotto und das Team entschieden sich in eben jener 39. Runde, Charles Leclerc in die Box zu beordern und ihn für den Rest des Rennens auf die harten Reifen zu setzen. Sie reagierten damit auf Red Bull, die eine Runde zuvor Max Verstappen stoppen ließen. Der Niederländer fuhr jedoch mit einem neuen Satz Medium-Reifen weiter.

Die Entscheidung, den Monegassen das Rennen auf der härteren Reifenmischung zu Ende fahren zu lassen, stellte sich prompt als Fehler heraus. Ferrari hätte dies eigentlich wissen müssen, da Alpine bereits vorher im Rennen diesen Weg gegangen war, aber auch schnell einsehen musste, dass es die falsche Entscheidung war. Leclerc fuhr nur 15 Runden auf seinem Reifensatz, wechselte später nochmals auf die softe Variante, kam aber nicht mehr über Platz sechs hinaus.

Teamchef Binotto verteidigt Ferrari-Strategie

"Ich habe klargemacht, dass ich die Mediums so lange wie möglich behalten wollte, aber wir sind sehr früh auf Hards gegangen, was wir verstehen müssen. Ich denke nicht, dass wir auf Max hätten reagieren müssen", so der Ferrari-Pilot nach dem Rennen.

Die größte Demütigung musste Ferrari nah dem Rennen in Ungarn erfahren, als sich Verstappen, Hamilton und Russell im sogenannten "Cool-Down-Room" kurz vor der Siegerehrung über die Strategie der Italiener lustig machten.

Teamchef Binotto verteidigte die Entscheidung hingegen: "Wir wussten, dass der harte Reifen ein paar Schwierigkeiten mit dem Aufwärmen hat und ein paar Runden lang nicht so schnell wie der Medium ist. Aber am Ende wäre es ein Stint von 30 Runden gewesen. Wir haben geglaubt, dass sie schnell genug sein würden, um damit im Rennen zu sein und eine gute Position zu holen. Aber sie haben nicht so funktioniert, wie wir das erwartet hatten. Der Hauptgrund war, dass das Auto nicht wie erwartet funktioniert hat. Aber wir werden das analysieren und unsere Schlüsse ziehen."

Heimische Presse zerreißt die Scuderia

Der Sitz des 52-Jährige, der seit Januar 2019 als Teamchef der Scuderia Ferrari fungiert, droht immer wackliger zu werden. Aussagen, dass man "nach der Sommerpause nichts ändern müsse", gießen dabei nur mehr Öl ins Feuer. Zuletzt kamen Gerüchte auf, dass das Verhältnis zwischen Leclerc und Binotto ziemlich angespannt sei. Auch dann helfen solche Aussagen sicherlich nicht. 

Auch in der heimischen Presse wird die Scuderia zerrissen. Die "Gazetta dello Sport" titelte nach dem Debakel in Ungarn: "Das Ferrari-Desaster – Pannen, Fahrfehler, unsichere Box. Die Formel 1 macht Urlaub und damit auch Ferraris WM-Hoffnung." "Tuttosport" schrieb: "Das Desaster von Ferrari an der Box ist komplett. Es reicht! Es ist sinnlos, das beste Auto zu haben, wenn man nichts daraus macht. Gedankenlose Entscheidungen servieren Verstappen den Triumph auf dem Silbertablett."

Mit 80 Punkten Rückstand ist der WM-Titel in dieser Saison quasi unerreichbar. Selbst wenn der 24-Jährige jedes der letzten neun Rennen, sowie den Sprint in Brasilien gewinnen und sich zusätzlich in jedem Rennen den Punkt für die schnellste Runde sicher würde, würden Verstappen zweite Plätze reichen, um die Titelverteidigung perfekt zu machen.

Trotz aller Strategiefehler seitens des Teams, muss man auch Charles Leclerc in die Pflicht nehmen. In Imola und Frankreich warf der 24-Jährige durch eigene Fehler Siege weg. Das gehört zur Wahrheit eben auch dazu.

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