Binnen sechs Rennen von WM-Führung auf Rang drei abgerutscht: Charles Lecler... - Bildquelle: IMAGO/ZUMA PressBinnen sechs Rennen von WM-Führung auf Rang drei abgerutscht: Charles Leclerc © IMAGO/ZUMA Press

München - Die Euphorie ist verpufft. Nach zwei Siegen aus den ersten drei Rennen sah es bei Ferrari noch so aus, als hätten die Ingenieure in Maranello endlich das geschafft, was Sebastian Vettel und Fernando Alonso noch verwehrt geblieben ist: Sie haben mit dem F1-75 einen Boliden entworfen, mit dem Charles Leclerc endlich wieder um den WM-Titel fahren könnte.

Doch sechs Rennen und sechs Red-Bull-Siege später herrscht bei der Scuderia Ernüchterung. 49 Punkte beträgt der Rückstand von Leclerc auf WM-Spitzenreiter Max Verstappen. Selbst Red Bulls Nummer zwei Sergio Perez steht inzwischen vor dem Monegassen, der es seit dem Sieg in Australien Anfang April nur noch ein einziges Mal unter die ersten Drei geschafft hat.

Teamkollege Carlos Sainz wartet noch immer auf seinen ersten Formel-1-Sieg und liefert sich mit George Russell im unterlegenen Mercedes derweil ein Duell um Rang vier in der Fahrerwertung.

Ausfälle und Strafen häufen sich bei Ferrari 

Dabei hapert es nicht am Speed. Selbst die Nachteile beim Reifenverschleiß im Renntempo im Vergleich zu Red Bull hat Ferrari inzwischen besser im Griff. Das Problem ist die Zuverlässigkeit.

Denn ausgerechnet bei Leclerc häuften sich zuletzt die Ausfälle: In Barcelona und Baku sorgten technische Defekte für Nullnummern statt möglicher Siege. In Kanada war das Rennen für Leclerc wegen einer Strafversetzung ans Ende der Startaufstellung nach dem bereits dritten Motorentausch der Saison nur noch eine Aufholjagd nach Schadensbegrenzung. Am Ende wurde Leclerc zwar noch ehrenwerter Fünfter, der WM-Zug scheint angesichts der aktuellen Red-Bull-Dominanz für die Roten aber wieder einmal abgefahren zu sein.

Die aktuell sieben Siege aus den ersten neun Rennen schaffte der österreichische Rivale noch nicht einmal zu Zeiten seiner größten Erfolgsserie mit Sebastian Vettel. "Das muss man so sagen, wenn man sieben der ersten neun Rennen gewinnt. Das ist Dominanz", so Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko.

Vorteil Red Bull: Charles Leclerc drohen weitere Strafen

Ein weiterer Vorteil für Red Bull: Während Leclerc bei jedem weiteren Komponententausch erneut empfindliche Grid-Strafen drohen, haben Verstappen und Perez erst in Aserbaidschan zum ersten Mal den Motor gewechselt.

Egal ob Antrieb, Getriebe oder Auspuff – bei allen Komponenten haben die Red Bulls noch mindestens einen straflosen Austausch in der Hinterhand, während jeder weitere Wechsel bei Leclerc in Sachen Motor, Turbolader, der ERS-Bausteine (MGU-H und MGU-K) oder Kontrollelektronik weitere Startplatzstrafen bedeuten.

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto vertröstet: "Zuverlässigkeit ist natürlich genau wie Performance ein wichtiger Faktor. Unsere Power-Unit basiert auf einem komplett neuen Design. Das Problem ist, dass es ein junges Projekt ist."

Nur: Genau das gilt auch für alle anderen Motorenhersteller. Zwar hakte es bei der Honda-Power-Unit bei Schwesterteam AlphaTauri gewaltig, doch bei Titelaspirant Red Bull blieb man von allzu großen Sorgen bislang verschont.

Prüfstand-Beschränkungen für Ferrari ein Problem

Ferraris größtes Problem bei der technischen Aufholjagd: Die Testmöglichkeiten während der Saison sind seit 2021 rar. Testete Honda etwa noch bis 2020 seine Motoren über 4.000 Stunden pro Jahr auf den hauseigenen Prüfständen, sind durch die Formel-1-Regelreformen inzwischen nur noch 400 Stunden Prüfstandtests jährlich erlaubt. "Wir sind eingeschränkt, und das macht die ganze Sache nicht leichter", beklagt Binotto.

Trotzdem gibt er sich im WM-Rennen nicht geschlagen. Für Ferrari und Leclerc stehen in den kommenden Wochen richtungsweisende Rennen in Europa an. "Die vier Rennen bis zur Sommerpause werden sehr wichtig für ihn. Er kann angreifen und versuchen, so viele Punkte wie möglich aufzuholen", forderte Binotto von seinem Topfahrer.

Der ran Racing-Experte Christian Danner traut Leclerc und Ferrari dies zu: "Ferrari hat auf jeden Fall noch eine Titel-Chance. Sie haben ein schnelles Auto, einen super Wahnsinns-Piloten mit Charles Leclerc und sind ganz klar weiter dabei. Natürlich hängt es davon ab, ob das Ding hält und nicht kaputt geht. Aber wir sind noch früh im Jahr. Noch hat Ferrari das Rennen nicht verloren."

Doch wie ist es zu erklären, dass Ferrari so viele technische Probleme hat? "Ferrari hat performance-orientiert entwickelt. Sie wollten schnell Power haben. Der Ferrari hat dadurch die schnellste Power-Unit. Die anderen haben vielleicht etwas konservativer entwickelt. Dadurch entstand der Unterschied", erklärt Danner. 

Jacques Villeneuve zweifelt an Charles Leclerc

In den nächsten Rennen muss nicht nur der Motor, sondern auch die Garage mitspielen. In Kanada kosteten Probleme mit einem Wagenheber beim Boxenstopp Leclerc wertvolle Sekunden und Positionen auf der Aufholjagd.

Und auch Leclerc ist vor Fehlern nicht gefeit. In Imola warf er mit einem späten Dreher einen Podestplatz weg. Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve zweifelte im "F1 Nation"-Podcast zuletzt bereits an Leclercs WM-Tauglichkeit: "Er ist superschnell, aber derzeit macht er immer noch Fehler, die er nicht machen dürfte." Leclerc sei laut Villeneuve schnell und aggressiv, "aber ist er auch ein Weltmeister? Ist er wie Max Verstappen? Wie gut ist er unter Druck, wenn es um den WM-Titel geht? Das müssen wir noch herausfinden."

Danner hingegen hat keinen Zweifel an Leclerc: "Charles Leclerc ist nicht einfach nur ein guter oder sehr guter Fahrer, er ist ein Ausnahme-Talent. Der Kerl ist sensationell. Natürlich hat er in Imola einen Fehler zu viel gemacht. Aber der Rest war nicht sein Fehler. Er ist sagenhaft gut."

Beim Großen Preis von Großbritannien kann er dies am Wochenende beweisen. An Druck mangelt es Leclerc dort jedenfalls nicht.

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