München - Allzu viel Fantasie brauchte es für die Formel-1-Fans am Sonntagabend nicht, um sich Rennleiter Michael Masi und Red-Bull-Sportdirektor Jonathan Wheatley als feilschende Händler auf einem Basar in Dschidda vorzustellen.

Während der zweiten Rennunterbrechung verhandelten beide - für alle TV-Zuschauer dank der neuen Übertragung hörbar - um Verstappens Position beim darauffolgenden Re-Start.

Der Niederländer hatte kurz nach dem ersten Re-Start eine Kurve abgekürzt und damit Widersacher Lewis Hamilton hinter sich gelassen.

Masi bot im Anschluss erst den zweiten Startplatz für den 24-Jährigen an. Weil er jedoch vergessen hatte, dass in dem Getümmel auch Esteban Ocon an Hamilton vorbeigezogen war, offerierte er nach einer Red-Bull-Rückfrage schlussendlich Startplatz drei.

Rennleiter Masi feilscht wie auf dem Basar

Bei den Bullen sorgte die Kommunikation der Rennleitung für Irritationen. So erklärte Teamchef Christian Horner, er habe sich zwischendurch wie auf einem Basar gefühlt und habe derartige Angebote noch nie erlebt. Motorsportchef Helmut Marko wurde noch deutlicher: "Ich habe gedacht, Regeln sind irgendwo fix. Und dann macht man da im Rennen Angebote."

Die Feilscherei um Verstappens Startplatz statt einer Bestrafung gemäß des Reglements war aber nur einer von unzähligen Schwachpunkten aufseiten der Offiziellen. Noch viel schlimmer war die mangelhafte Kommunikation kurz vor der entscheidenden Szene.

In der 37. Runde erwischte Hamilton zum Ende der Virtual-Safety-Car-Phase den deutlich besseren Ausgang aus der letzten Kurve und setzte ein Überholmanöver gegen Verstappen an. Dieser gab jedoch nicht kampflos auf, bremste bei der darauffolgenden Kurve spät und drängte Hamiltons Boliden von der Strecke ab.

Rennleitung mit schlechter Kommunikation

Weil für das Manöver ohnehin eine Strafe gedroht hätte, entschied sich Red Bull, Hamilton Rang eins zurückzugeben. Die Rennleitung informierte Mercedes über das Vorhaben allerdings nicht. In der Folge krachte Hamilton nach einem harten Bremsmanöver des Niederländers von hinten auf dessen Red Bull.

Nach dem Rennen erläuterte der Brite, er habe erst hinterher erfahren, dass Verstappen ihn vorbeilassen wollte. Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff bestätigte dies und sagte: "Sollte es eine Verwirrung gegeben haben und die Fahrer nicht richtig informiert worden sein, dann spielt das eine große Rolle."

Beim vorletzten Formel-1-Rennen dieser Saison wurde die Unzufriedenheit mit der Rennleitung deutlich wie bei noch keinem Grand Prix zuvor.

Hamilton und Verstappen unzufrieden

Lewis Hamilton schimpfte, die Regelauslegung sei "nicht klar" und es gäbe eine Sonderstellung für Kontrahent Verstappen. Dessen Lager wiederum sah dies erwartungsgemäß völlig anders. Denn auch Hamilton hatte Verstappen beim Rennen in Dschidda von der Strecke gedrückt, blieb aber straffrei.

Vermeintlich ungleiche Behandlung, kein Durchsetzungsvermögen in den entscheidenden Situationen - das Team um Michael Masi erweckte den Eindruck, den spannendsten WM-Kampf seit vielen Jahren unter keinen Umständen mit einer Entscheidung beeinflussen zu wollen.

An sich ein positiver Ansatz. Die Vorkommnisse in Wüstenstaat zeigen aber: Wird in den entscheidenden Momenten der Saison zu langsam oder vollkommen unverständlich gehandelt, heizt sich der Psychokrieg der beiden Rennställe nur noch weiter auf.

Auch wenn Mercedes und Red Bull zumeist völlig konträre Meinungen haben, in der Beurteilung der Offiziellen schien man sich doch in vielen Punkten einig. Toto Wolff äußerte beinahe Mitleid mit Masi und erklärte, er wolle nicht in dessen Schuhen stecken. Christian Horner wünschte sich indes den verstorbenen Ex-Rennleiter Charlie Whiting zurück und konstatierte, dass zu viele Regeln dem Sport nur schaden würden.

Gute Leistung in Abu Dhabi notwendig

An den Regularien kann die Rennleitung ein Rennen vor Ende der Saison nichts mehr ändern. Beim Showdown in Abu Dhabi kann das Team aber sehr wohl versuchen, den unwürdigen Eindruck vom Sonntag zu korrigieren.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Stimmung zwischen den beiden punktgleichen WM-Kontrahenten hitzig ist wie nie zuvor, muss auch auf dem Yas Marina Circuit mit strittigen Situationen gerechnet werden.

Entscheiden die Offiziellen dann zügig und nachvollziehbar, kann die Saison hoffentlich sportlich fair zu Ende gehen und ein neuer Weltmeister gekürt werden.

Eiern Masi und Co. aber wieder nur rum, kann das Fazit nur lauten: Diese Rennleitung war und ist dem Titelkampf nicht gewachsen.

Franziska Wendler

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