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Die Mercedes-Ära in der Formel 1 scheint beendet zu sein. Nachdem Max Verstappen 2021 bereits der erste Nicht-Mercedes-Weltmeister der Hybridära geworden war, verpassten die Silberpfeile nun auch zum ersten Mal seit 2013 den Konstrukteurs-Titel.

Für Mercedes war 2022 also die erste titellose Saison seit neun Jahren. Die spannende Frage lautet nun: War das lediglich ein Ausrutscher oder droht den Silberpfeilen jetzt eine lange Durststrecke, wie es zum Beispiel auch bei Ferrari oder Red Bull der Fall war?

"Natürlich sprechen wir darüber. Wir analysieren, was in der Vergangenheit die Gründe dafür waren, dass Teams, die über eine Ära dominiert haben, plötzlich Performance verloren haben. Und das kann man ziemlich gut zurückverfolgen", erklärt Toto Wolff.

Schaut man sich jüngere Beispiele aus der Formel-1-Geschichte an, fällt einem sofort Red Bull ein. Zwischen 2010 und 2013 gewann man mit Sebastian Vettel viermal in Serie beide WM-Titel. Die Ära endete mit der Einführung des neuen Motorenreglements ab 2014.

Ferrari seit 15 Jahren ohne Fahrer-Titel

"Bei Red Bull war es eine [...] Situation, dass die Motorenregeln sich komplett geändert haben und sie keinen Werksvertrag hatten", erinnert Toto Wolff an die damalige Situation mit Renault. Weltmeister wurden die Bullen später erst wieder mit Honda-Antrieben.

Ein weiteres Beispiel aus diesem Jahrtausend ist Ferrari. Die Scuderia gewann zwischen 1999 und 2004 sechsmal in Folge die Konstrukteurs-WM, was bis zur Mercedes-Ära der unangefochtene Rekord war. Dazu kamen fünf Fahrer-Titel für Michael Schumacher.

"Sie haben die gesamte Führungsetage und den Schlüsselfahrer verloren", erklärt Wolff im Hinblick auf die Scuderia. Ende 2006 traten zunächst "Schumi" und Ross Brawn zurück, ein Jahr später verabschiedete sich auch Jean Todt vom Kommandostand.

Mit Todt gewann Ferrari 2007 noch ein letztes Mal die Fahrer-WM, nach dessen Abschied bis heute nie wieder. Laut Wolff gibt es immer klare Gründe für das Ende einer Ära. Bei Mercedes seien 2022 die neuen Regeln für das schlechte Abschneiden verantwortlich gewesen.

Wolff optimistisch: "Alle Pfeiler sind noch immer da"

"Wir haben es nicht hinbekommen", gesteht er, betont jedoch: "Alle anderen Pfeiler sind noch immer da." Und genau das macht ihm Hoffnung, dass Mercedes den ganz großen Absturz verhindern kann. Tatsächlich könnte 2022 nämlich sogar hilfreich gewesen sein.

"Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass das ein schwieriges Jahr war, das wir nötig hatten. Es ist notwendig, um die Organisation wieder zu motivieren und neue Energie zu tanken. Wir haben achtmal in Folge [die WM] gewonnen, mehr als 100 Rennen", erinnert Wolff.

Daher sein der Rückschlag 2022 gut gewesen, um nach all den Erfolgen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. "Ich denke, dass wir in ein paar Jahren zurückblicken und sagen werden: Das war absolut notwendig", so Wolff.

"Meine Perspektive ist nicht eine Saison. Es sind nicht zwei Jahre. Meine Perspektive sind zehn Jahre", stellt er klar. Trotzdem seien die Fälle von Ferrari und Red Bull warnende Beispiel. "Wir sehen das und denken uns: Wir sollten besser aufpassen", gesteht Wolff.

In Zukunft keine so große Dominanz mehr möglich?

Man müsse einsehen, dass die Gegner aktuell "stark" seien. "Ich bin nie zuversichtlich", verrät Wolff zudem und erklärt: "Ich bin ein Kerl, der das Glas immer halbleer sieht, und der eigentlich nie glaubt, dass der Job, den wir machen, gut genug ist."

"Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob wir wieder in eine Position kommen können, in der wir um Meisterschaften kämpfen können", betont der Österreicher, der erklärt: "Ich denke, man muss einfach besser als die anderen spielen. Es ist ein relativer Wettbewerb."

Dass Red Bull nun einen Titel nach dem anderen einfahren wird, das glaubt er allerdings nicht. "Ich denke nicht, dass irgendjemand mit acht Meisterschaften in Folge davonziehen wird", sagt Wolff. Grund dafür seien die neuen Regeln wie die Budgetobergrenze.

Neue Regeln sollen für Chancengleicheit sorgen

In Zukunft solle es "nicht ein Team, nicht drei, aber vielleicht fünf [Teams]" geben, die ganz vorne um Siege und Titel kämpfen können. "So sollte der Sport sein", stellt Wolff klar und erklärt, die neuen Regeln seien darauf ausgelegt, diesen Zustand zu erreichen.

Doch ist das nun positiv oder negativ für Mercedes? Denn die neuen Regeln könnten natürlich dafür sorgen, dass es Red Bull in den kommenden Saisons schwerer haben wird, eine ähnliche Ära wie die Silberpfeile in den vergangenen Jahren zu prägen.

Das heißt allerdings nicht, dass Mercedes selbst dann das Team sein wird, das die Bullen wieder vom Thron stoßen kann ...