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München – Wenn es hektisch wird, kompliziert oder chaotisch, dann fühlt sich Hannah Schmitz am wohlsten. Dann sagt sie Max Verstappen, wie es zu laufen hat. 

Dann gibt sie den Ton an.

Denn die Engländerin ist als "Principal Strategy Engineer" einer der klugen Köpfe hinter den Erfolgen von Red Bull und Verstappen, sie ist die Taktikerin, sie ist diejenige, die den Unterschied machen kann.

Denn die passende Strategie, die richtigen taktischen Entscheidungen können verloren geglaubte oder schwierige Rennen noch zu einem Erfolg führen.

"Ich finde es unglaublich spannend. Man ist ganz schön aufgeregt, wenn man den Bruchteil einer Sekunde Zeit hat, eine Entscheidung zu treffen", sagt Schmitz. "Dann hat man vielleicht 20 Sekunden Zeit, was sich nicht nach viel Zeit anhört, aber in einem Rennen kann es sich wie ein ganzes Leben anfühlen, dort zu sitzen und darauf zu warten, ob sich die Entscheidung ausgezahlt hat."

Ferrari zeigt, wie es nicht geht

Denn der Plan kann auch komplett in die Hose gehen, man kann mit der Strategie jede Menge kaputtmachen, wie Konkurrent Ferrari in dieser Saison oft genug unter Beweis gestellt hat. Dann werden Punkte liegengelassen, dann ist der Frust groß. Bei Red Bull hält dann Teamchef Christian Horner den Kopf hin. Er kassiert in dieser Saison allerdings in der Regel das Lob.

Denn Schmitz zieht im Hintergrund erfolgreich die Fäden, öffentliche Auftritte von ihr sind rar gesät. 2019 stand sie mal neben Verstappen auf dem Podium, als sie ihn strategisch zum Sieg führte. In dieser Saison wurde sie von Motorsportchef Helmut Marko im TV öffentlich gelobt.

Denn sie hat eine Schlüsselrolle inne, wie Horner betont. "An der Strecke an der Boxenmauer zu sitzen und alle Daten und Informationen zu nutzen, um Entscheidungen über die Rennstrategie zu treffen - diese Rolle ist der Dreh- und Angelpunkt."

Schmitz arbeitet mit dem Leiter der Rennstrategie, Will Courtenay und einem erfahrenen Team von Analysten zusammen. Mit Courtenay wechselt sie sich ab, mal ist der eine vor Ort an der Boxenmauer, mal der andere in der Einsatzzentrale in Milton Keynes.

Zuletzt in Ungarn war Schmitz vor Ort, und auf dem Hungaroring reagierten sie und die Strategen vor dem Start blitzschnell auf die Ansage von Verstappen, bloß nicht wie ursprünglich geplant die harten Reifen zu nutzen. Es war einer dieser Momente, in denen Schmitz ihre Stärken ausspielen kann. Die Taktik wurde über den Haufen geworfen, die harte Mischung flog komplett aus den Planungen.

Lob von Max Verstappen

"Hannah war wahnsinnig ruhig. Ja, sie ist sehr gut", lobte Verstappen nach seinem achten Saisonsieg. "Dies stellt dem Team ein gutes Zeugnis aus – dass wir eben die Selbstsicherheit haben, uns für einen anderen Weg zu entscheiden und aus diesem Weg einen Sieg machen", so Verstappen, der mit weichen Reifen vom zehnten Startplatz aus zum Sieg fuhr. Ferrari schmiss den sicher geglaubten Sieg hingegen weg - nach einem Boxenstopp bei dem in Führung liegenden Charles Leclerc - inklusive des folgenschweren Wechsels auf die harten Reifen, die auf dem Hungaroring nicht funktionierten.

Ein weiteres Beispiel aus der Saison: In Monaco sorgte sie für die taktische Grundlage für den Sieg von Sergio Perez und den dritten Platz von Verstappen, die kluge und coole Red-Bull-Vorgehensweise setzte Ferrari unter Druck und trieb die Italiener in Fehler – ein Traumszenario für Schmitz. Allerdings auch ein hartes Stück Arbeit. 

Denn um die Rennstrategie auszutüfteln, werden Milliarden von Simulationen über das Tempo des Autos, die Streckenbedingungen und den Reifenabbau verarbeitet, um in Sekundenbruchteilen auf unvorhergesehene Zwischenfälle zu reagieren.

Um Fragen zu beantworten wie: Wann und wie oft werden die Boxenstopps durchgeführt? Welche Reifen werden benutzt? Wann wird attackiert, wann lässt man es ruhiger angehen? Und wann sollten die Fahrer zusammenarbeiten? Alles Entscheidungen, die auf Daten basieren. Aber auch Entscheidungen, die durch Ereignisse im Rennen von jetzt auf gleich über den Haufen geworfen werden können. Fingerspitzengefühl ist dann gefragt, aber auch Sachverstand, Ruhe, Souveränität, ein Gespür für die Situation. Antizipation. Vor allem an der Boxenmauer, wo es hektisch ist, laut, wo alles zusammenläuft und wo man einen extrem kühlen Kopf benötigt.

Schmitz, Maschinenbau-Absolventin der University of Cambridge, fing 2009 als Praktikantin bei Red Bull Racing an. Und natürlich ist der Motorsport immer noch eine Macho-Welt, die Vorbehalte gegenüber Frauen sind weiterhin groß, auch hinter den Kulissen, innerhalb eines Teams, selbst bei einem nicht körperlichen Job. "Ich glaube, viele Leute trauen einem anfangs nicht zu, dass man den Job machen kann", sagt sie. 

Aufstieg in der Macho-Welt Motorsport

Klar: Jeder muss sich erst beweisen, muss sich das Vertrauen, den Respekt erarbeiten. Als Frau aber offenbar immer noch ein bisschen mehr. "Als Stratege muss man vielen Leuten sagen, was sie zu tun haben, und sie müssen auf einen hören. Es ist schwierig, dieses Vertrauen aufzubauen, und als Frau war das leider schwieriger", sagte sie. "Ich hoffe, dass andere junge Frauen, die in den Sport einsteigen wollen, sehen, dass man es schaffen kann, dass man es sich zu eigen machen kann, und dann werden wir mehr Vielfalt sehen", sagte sie.

Denn sie habe diesen Respekt jetzt, sagt sie, und sie möchte Vorbild sein in einem Sport, der sich für mehr Vielfalt einsetzen will, dem aber die weiblichen Leitfiguren fehlen. 

Schmitz ist ohne Frage eine. Denn sie sagt dem Weltmeister, wo es langgeht.

Andreas Reiners

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