Lewis Hamilton bejubelt seinen sechsten WM-Titel. - Bildquelle: imago images/HochZweiLewis Hamilton bejubelt seinen sechsten WM-Titel. © imago images/HochZwei

Austin/München - Lewis Hamilton wollte es richtig machen. Angemessen. Wie ein Champion eben.

Man muss sich ja bei ihm daran gewöhnen, dass seine Titelgewinne inzwischen vorzeitig gefeiert werden. Also nicht unbedingt überraschend kommen. Und wenn, dann will er in dem wichtigsten Moment des Jahres auch ganz oben auf dem Podium stehen. Schön angerichtet, mit Schleifchen dran. Dass es dann beim drittletzten Rennen der Formel 1 in Austin doch "nur" Platz zwei wurde, tat seiner Freude keinen Abbruch. 

Hamilton stieg aus seinem Mercedes, warf sich zuerst in die Arme seiner Mechaniker, schnappte sich einen Union Jack und war einfach nur "überwältigt, das ist ein wahnsinnig emotionaler Moment für mich. Das ist ein so besonderer Moment für mich, vor allem auch, weil meine ganze Familie hier ist. Mein Dad hat mich immer gelehrt, nie aufzugeben, da war ich sechs oder sieben Jahre jung, das hatbe ich mir verinnerlicht, das ist zu meinem Mantra geworden."

Ein Mantra, das ihn zum erfolgreichsten Formel-1-Fahrer der Gegenwart macht.

Zum Größten der Geschichte?

Daran scheiden sich immer noch ein wenig die Geister, weil zu einem Fahrer immer ein Gesamtpaket gehört und man die verschiedenen Generationen nur schlecht vergleichen kann. Zieht man die nackten Zahlen heran, ist er drauf und dran, der Größte zu werden. Neun Siege braucht er noch, dann hat er Schumachers Rekord von 91 Siegen übertroffen. In Sachen Pole Positions ist die Sache bereits klar, da stand er 19 Mal öfter auf Startplatz eins als Schumacher. Und bei den Titeln fehlt nach dem sechsten, den er in Austin feierte, nur noch einer, um mit dem Deutschen gleichzuziehen.

Hamilton versuchte, die richtigen Worte zu finden. Er versuchte zu beschreiben, wie hart diese Saison war, auch wenn sie für ihn und Mercedes auf dem Papier mal wieder spielerisch aussah. "Es ist auch deshalb das härteste Jahr, weil wir Niki Lauda verloren haben. Er war für dieses Team ganz wichtig. Ich weiß, heute würde er vor dem Team wieder mal seine Kappe ziehen. Ich hätte all dies ohne ihn nicht erreicht. Ich vermisse ihn sehr, jeden Tag. Aber ich weiß auch: Er ist immer bei uns", sagte Hamilton.

Phänomen, Stilikone, Superstar

Der Mann ist ein Phänomen. Rockstar, Stilikone, der personifizierte Glamour-Faktor der Formel 1, der vom Magazin "GQ" 2019 zu den "Männern des Jahres" gewählt wurde. Was eine Menge über den Menschen Hamilton aussagt, der sich für Mode ebenso interessiert wie für Musik und sich dort verwirklicht.

Er ist einer der letzten echten Superstars, die noch Kanten und Konturen, die noch etwas zu sagen haben, die polarisieren, die anders sind als die glatt geschliffene junge Generation, die mit Ausnahmen wie zum Beispiel Max Verstappen als Typen gesichtslos und austauschbar, oftmals nur langweilige Phrasendrescher sind.

Privatjet verkauft

Hamilton sagt, was er denkt, gewährt Einblicke in seine Gefühlswelt. Und er denkt über den Tellerrand hinaus, regte zuletzt eine Diskussion über Umwelt und Nachhaltigkeit an, nachdem ihn eine Doku im Fernsehen dazu inspirierte, mehr tun zu wollen. 

Er hat seinen Privatjet verkauft, ernährt sich vegan, erlaubt weder in seinem Büro noch zuhause den Einsatz von Plastik. Bis zum Jahresende will der Brite ein CO2-neutrales Leben führen. Dass er deshalb auch Heuchler-Vorwürfe einstecken musste? Gehört zum Geschäft, wenn man in der wenig umweltfreundlichen Formel 1 fährt und schätzungsweise 200 Flüge im Jahr absolviert. 

Beirren lässt sich Hamilton deshalb aber nicht. Das hat er als Kind gelernt, als er sich aus armen Verhältnissen im britischen Stevenage mit seinem Lebensmotto "Still I rise" ("Ich wachse daran") nach oben kämpfte. 

Unterstützt wurde er dabei von seinem Vater Anthony. "Er steht an erster Stelle, war von Anfang an die Leitfigur. Seit ich mit acht Jahren damit angefangen habe, hat er mich bis heute wirklich immer unterstützt. Er war derjenige, der schon zu Kart-Zeiten neben den Kurven stand und sicherstellte, dass ich später als alle anderen Fahrer bremste. Er hat mich auf meinem Weg immer begleitet und war mir eine große Hilfe." 

Aber auch Ex-McLaren-Chef Ron Dennis nimmt eine wichtige Rolle in der Karriere ein. "Ron hat mich schon sehr jung unter seine Fittiche genommen und ohne ihn hätte ich es wohl nicht in die Formel 1 geschafft", sagte Hamilton. 

Sportlich ist er heute fraglos das Maß der Dinge, hat er gemeinsam mit Mercedes die Hybrid-Ära der Formel 1 geprägt mit fünf seiner insgesamt sechs Titeln.

Wenig Würdigung in der Heimat

Doch auch hier ist er ein Phänomen. Denn vor allem in seiner Heimat erfährt er nicht die Würdigung, die man erwarten würde bei einem Fahrer, der sich anschickt, auch in den ganz großen Statistiken vorne zu sein. Stattdessen wird oft sein Lebensstil für Kritik herangezogen. Das Bling-Bling, die roten Teppiche, die vielen Reisen. 

Es ist allerdings tatsächlich oft so, dass Sportler erst nach dem Ende ihrer aktiven Karriere die Würdigung erhalten, die sie verdient haben. 

Im Fall von Hamilton und den vermehrten Negativ-Schlagzeilen spekuliert Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff: "Vielleicht bringt es die bessere Headline, vielleicht verkauft es mehr Zeitungen, oder bringt mehr Klicks. Ich denke nicht, dass es die Möglichkeit würdigt, dass wir Teil davon sind, den vielleicht besten Fahrer, den es jemals gab auf seiner außergewöhnlichen Reise zu begleiten."

Der Österreicher weiß: "So wie ich ihn kenne, wird er schon seine Segel setzen auf den siebenten Titel." In seinem letzten Vertragsjahr mit Mercedes 2020 ist Hamilton 35 Jahre alt. Dann kann er Schumachers Titelrekord ebenso einstellen wie die Siege-Bestmarke. 

Wenn, dann natürlich gerne so, wie es sich gehört für einen Champion: angemessen.

Andreas Reiners

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