Nicht nur Unfälle waren dafür verantwortlich, dass Ferrari zurückgefallen is... - Bildquelle: Motorsport ImagesNicht nur Unfälle waren dafür verantwortlich, dass Ferrari zurückgefallen ist © Motorsport Images

Zu Beginn der Formel-1-Saison 2022 wirkte Ferrari wie der WM-Favorit oder zumindest wie ein Team, das bis zum Schluss um den Titel mitkämpfen kann. Charles Leclerc gewann zwei der ersten drei Rennen und führte die WM bis zu seinem Ausfall in Spanien Ende Mai an.

Doch nach dem starken Saisonstart kam von der Scuderia nicht mehr viel. Lediglich zwei weitere Siege holte man bis zum Ende des Jahres noch, und bereits zur Sommerpause war für die meisten Beobachter klar, dass der Weltmeister auch 2022 wieder Max Verstappen heißen würde.

"Für uns war es wichtig, wieder konkurrenzfähig zu werden. Das war für uns wirklich das Ziel", betonte der damalige Ferrari-Teamchef Mattia Binotto im Rahmen des Saisonfinales in Abu Dhabi. Denn den WM-Titel hatte die Scuderia offiziell nie als Ziel für 2022 ausgegeben.

Warum Red Bull es leichter hatte

Trotzdem stellt sich die Frage, wie Ferrari nach einem starken Start im Duell mit Red Bull so klar abfallen konnte und vereinzelt sogar hinter Mercedes lag. Binotto sieht "einige Faktoren" dafür, dass die Konkurrenz ihr Auto im Laufe des Jahres besser entwickeln konnte.

"Erstens hatte Red Bull bei der Weiterentwicklung eine klare Route", erklärt er und erinnert daran, dass der RB18 zu Beginn des Jahres eines der schwersten Autos im Feld war. Red Bull selbst sprach damals von bis zu zehn Kilogramm Übergewicht, die das Auto mit sich herumschleppte.

Die Bullen mussten ihr Auto also "nur" leichter machen, um Rundenzeit zu finden - eine vergleichsweise einfache Aufgabe. "Für uns war das komplizierter", stellt Binotto klar, gesteht aber auch, dass die eigene Entwicklung "nicht unbedingt ausreichend" gewesen sei.

Denn auch unabhängig vom Gewicht habe es Red Bull besser geschafft, Performance "aus dem Auto selbst" herauszuholen. Außerdem erinnert Binotto: "Wir haben sehr früh [mit der Weiterentwicklung des Autos] aufgehört - nicht nur freiwillig, sondern auch aus Kostengründen."

Zuverlässigkeit und Speed im Fokus

Bereits im November hatte Binotto verraten, dass Ferrari wegen der Budgetobergrenze ab einem gewissen Zeitpunkt keine Updates mehr für den F1-75 bringen konnte. Denn parallel wurde da auch schon am Auto für 2023 gearbeitet, welches man letztendlich priorisiert habe.

"Ich denke, erst 2023 wird uns zeigen, ob es die richtige Entscheidung war oder nicht", so Binotto, der vor allem zwei Bereiche ausgemacht hat, in denen sich Ferrari in der neuen Saison verbessern muss. "Ich würde die Zuverlässigkeit als oberste Priorität nennen", so der damalige Teamchef.

"Man muss zuverlässig sein, um zu gewinnen. Und das war in dieser Saison nicht der Fall", gesteht er und ergänzt: "Das zweite ist der Speed des Autos. Denn obwohl wir im Qualifying sehr konkurrenzfähig waren, war das im Rennen selbst nicht immer der Fall."

Ein schnelles Auto im Qualifying reicht nicht

So holte Ferrari 2022 zwar zwölf Poles, aber eben nur vier Rennsiege - eine eigentlich vernichtend schlechte Quote. Binotto gesteht, dass die Rennpace "nicht ausreichend" für bessere Ergebnisse gewesen sei. "Es gab Rennen, in denen wir nicht gut genug waren", so der Italiener.

Zwar habe man auch bei der Strategie oder den Boxenstopps Fehler gemacht. Doch laut Binotto könne man so etwas "kompensieren", wenn das Auto "schnell und zuverlässig" sei. Das sind seiner Meinung nach daher die beiden wichtigsten Punkte, an denen Ferrari arbeiten muss.

Zudem hängen die beiden Punkte eng miteinander zusammen, denn Binotto verrät: "Wir mussten die Leistung [des Motors im Laufe der Saison] etwas reduzieren." Nachdem es in der ersten Saisonhälfte mehrere Motorschäden gegeben hatte, zog Ferrari die Reißleine.

Immerhin: In diesem Bereich scheint man bereits Fortschritte gemacht zu haben. "Am Donnerstag habe ich mich mit Mattia Binotto getroffen und er hat mir gesagt, dass der Motor der nächsten Saison eine Bombe sein wird", verriet Haas-Teamchef Günther Steiner am Wochenende.

Stuck: Ferrari hat es "verkackt"

Insgesamt ist Binotto mit der Saison übrigens nicht unzufrieden. Besonders froh sei er darüber, auch in Abu Dhabi vorne dabei gewesen zu sein, "weil es bedeutet, dass wir nicht nur ganz zu Beginn [des Jahres] konkurrenzfähig waren, als wir ein starkes Auto hatten."

"Wir haben auch während der Saison selbst weiterhin bis zum Ende gekämpft", lobt Binotto das Team. Das wurde am Ende zumindest mit Rang zwei in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM belohnt. Einige Experten gehen mit der Scuderia aber deutlich härter ins Gericht.

Ex-Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck ist zum Beispiel der Meinung, Ferrari hätte 2022 durchaus das Zeug gehabt, um bis zum Ende um den WM-Titel zu kämpfen. "Es sind vom Team Sachen passiert, die einfach nicht passieren können", so der 71-Jährige bei 'Sport1'.

"Wie kann es sein, dass beim Radwechsel das vierte Rad fehlt?", sagt er in Anspielung auf einen Vorfall in Zandvoort. "Auch die Strategiefehler" kritisiert Stuck und resümiert: "Sie haben sicherlich einiges weggeschmissen. [...] Sie haben es auf gut Deutsch verkackt."