Tatjana Maria (links) und Jule Niemeier (rechts) treffen im Viertelfinale vo... - Bildquelle: GettyTatjana Maria (links) und Jule Niemeier (rechts) treffen im Viertelfinale von Wimbledon in einem deutschen Duell direkt aufeinander - vor der Partie machen Barbara Rittner (Mitte, links) und Rainer Schüttler (Mitte, rechts) exklusiv und gemeinsam mit ran den ran-Check zu dieser besonderen Partie. © Getty

München/London - Rod Laver und Billie Jean King steckten auf dem altehrwürdigen Center Court in Wimbledon immer wieder aufgeregt die Köpfe zusammen. Ob sie dabei über diese junge, deutsche Frau tuschelten, die dort unten auf dem Heiligen Rasen dieses so traditionsreichen Turniers weiterhin für Furore sorgte? Gut möglich!

Denn Jule Niemeier (2 Grand-Slam-Teilnahmen) spielte sich vor den Augen dieser beiden Tennis-Legenden und Tausenden, ebenso staunenden Tennis-Fans mit einem glatten Zwei-Satz-Sieg gegen die Britin Heather Watson ins Viertelfinale von Wimbledon. Und das mit erst 22 Jahren und bei ihrem allerersten Auftritt in London. Ein Märchen.

Doch nicht nur Niemeier sorgt mit ihren Auftritten für große Augen. Auch eine andere Deutsche präsentiert sich in England fast schon fabelhaft und in bestechender Form: Tatjana Maria (34 Grand-Slam-Teilnahmen). Die zweifache Mama rang in ihrem Achtelfinale in einem dramatischen Match Jelena Ostapenko nieder, zog ihrerseits ins Viertelfinale ein und machte so das deutsche Duell gegen Niemeier in der Runde der letzten acht Spielerinnen (am Dienstag ab 14:00 Uhr im Liveticker auf ran.de) perfekt.

"Ich finde das mega cool, dass die beiden im Viertelfinale von Wimbledon aufeinander treffen", sagt Fed-Cup-Teamchef Rainer Schüttler im Gespräch mit ran.

"Allerdings hat sich das bei Jule beispielsweise schon in den vergangenen Wochen angedeutet. Sie hat auch da schon richtig gut gespielt und gegen große Namen wie Sloane Stephens oder Belinda Bencic nur knapp den Kürzeren gezogen. Und jetzt trägt die Arbeit mit ihrem Coach Christopher Kas endlich Früchte. Und auch Tatjanas Geschichte ich richtig cool, wie sie nach der Geburt des zweiten Kindes zurück kam und mit ihrer unglaublichen Spielfreude und der unorthodoxen Spielart in Wimbledon jetzt für Furore sorgt."

Vor dem großen Spiel der beiden deutschen Tennis-Frauen macht ran gemeinsam mit Schüttler und DTB-Bundestrainerin Barbara Rittner den ran-Check:

Stärken und Schwächen

"Jule hat insgesamt das viel druckvollere und kraftvollere Spiel", meint Rittner. "Beim Aufschlag sehe ich beide gleich auf, obwohl Tatjana wesentlich kleiner ist, das durch ihre Technik jedoch ausgleicht. In den Grundlinienschlägen hat Jule wesentlich mehr Power. Dafür hat Tatjana diese unglaubliche Finesse auf beiden Seiten. Rein spielerisch und von dieser enormen Power her, jemanden in einem Match auch mal zu überrollen, ist natürlich Jule vorne. Aber Tatjana hat es ja schon eindrucksvoll gegen Jelena Ostapenko gezeigt, eine Spielerin wahrlich zur Weißglut zu treiben, obwohl sie viel druckvoller spielt als sie selbst."

Die Frauen-Bundestrainerin ist sich zudem sicher, dass "Rasen für beide der beste Belag ist". Und weiter: "Jule spielt auch sehr gut und gerne auf Sand, Tatjana zeigt auf allen anderen Belägen auch ihr solides Spiel. Dieses etwas harmlosere, drucklosere Spiel von Tatjana wird durch den Slice auf Rasen unheimlich gefährlich. Jule hat aber die Power, um auf Rasen unglaublich dominantes Tennis zu spielen. Sie kann gegen jede Spielerin der Welt auf Rasen mit ihrem Tennis bestehen."  Ein großes Lob.

Dennoch hebt Rittner in Richtung Niemeier auch mahnend den Zeigefinger: "Jule muss dosiert spielen und nicht überpacen, weil Tatjana als Gegnerin den sechsten oder siebten Slice zurückspielt. Sie wird somit auf jeden Fall viel ans Netz gehen müssen." 

Schüttler sieht es ähnlich. "Jule kann teilweise mit über 180 km/h aufschlagen - das ist für eine Frau wirklich sehr schnell und gewaltig. Überhaupt erinnert sie mich von ihrer Spielart her ein wenig an Ashley Barty, die auch mit jedem Schlag unglaublichen Druck ausüben konnte."

Und weiter der deutsche Fed-Cup-Teamchef: "Dem gegenüber steht das bereits angesprochene, unorthodoxe Spiel von Tatjana, die immer wieder einen Slice - auch mit der Vorhand - einstreut und somit das Tempo der Gegnerin raus nimmt. Die muss jedes Mal aufs Neue bei Null anfangen und für ihre Schläge hart arbeiten. Hinzu kommt ihr starkes Netzspiel, der sehr gute Aufschlag und vor allem ihre unglaubliche Beweglichkeit. Es ist unfassbar, wie viele Bälle sie noch erläuft. Von ihrer Spielfreunde ganz zu schweigen. Ich erwarte also ein hochinteressantes Duell und bin gespannt, wer mit welchem Spielstil besser zurecht kommt."

Nerven

"Da muss man bei aller Nervenstärke, die Jule überraschenderweise bei ihrem Debüt an den Tag gelegt hat, den Vorteil trotz allem eher bei Tatjana sehen. Alleine schon wegen ihrer viel größeren Erfahrung. Sie ist seit 15 Jahren auf der Tour, hat zwar noch nie ein Viertelfinale bei einem Grand Slam gespielt, ist aber noch mehr in der Position: 'Ich habe doch nichts zu verlieren, habe aber die große Chance ins Halbfinale gekommen'", sagt Rittner.

"Ich bin sehr gespannt, wie Jule mit der Situation umgeht. Die Favoritenrolle bringt sie und vor allem ihren Kopf sowieso schon in eine schwierige Situation. Aber insgesamt sind beide vom Kopf her – auch mit dem, was sie in Wimbledon in diesem Jahr bislang geleistet haben - sehr bei sich. Beide haben ein gutes Team um sich herum, was sie gut einstellen wird. Beide sind da sehr stabil."

Und auch Schüttler glaubt, dass "beide total befreit aufspielen können". "Jule hätte schon bei ihrem Spiel gegen die Britin Heather Watson und somit das komplette britische Publikum auf dem Center Court nervös sein können, hat das Match aber sehr konzentriert zu Ende gespielt. Sie ist einfach extrem hungrig und nicht zuletzt der Sieg gegen die Nummer zwei der Weltrangliste, Anett Kontaveit, hat ihr enormes Selbstvertrauen verliehen. Und Tatjana ist einfach happy mit ihrem Leben, sie freut sich, dass ihre Kinder mit in London dabei sind und genau diese enorme Spielfreude sieht man eben auch auf dem Platz. Sie wird letztlich genauso mit viel Selbstvertrauen ins Match gehen wie Jule."

Umfeld

"Das fokussiertere Tennisumfeld hat natürlich Jule. Da ist alles voll aufs Tennis abgestimmt, während Tatjana mit ihrem Mann und den beiden Kindern als Familienbusiness unterwegs ist – damit aber komplett in sich ruht, ganz zufrieden und ausgeglichen ist", meint Rittner.

"Beide haben komplett unterschiedliche Vorzeichen, sind unterschiedliche Wege gegangen. Jule hat mit ihren 22 Jahren ihr Team gefunden, mit dem sie ein paar Jahre arbeiten möchte und durchaus auch erfolgreich arbeiten kann und sicherlich auch wird. Tatjana hat ihren Weg gefunden mit Familie, zwei Kindern und ist komplett bei sich. Sie sind somit beide gut aufgestellt", erklärt Rittner und gibt damit sowohl Niemeier als auch Maria in Sachen Umfeld ein außerordentlich gutes Zeugnis.

Erfahrung

"Für Jule fängt die Karriere gerade an. Das ist eine Riesenchance – vielleicht die größte ihrer Karriere, gleich in ein Grand-Slam-Halbfinale einzuziehen", so Rittner. "Eine Tatjana Maria bringt dich mit ihrer Spielweise allerdings zum Nachdenken, weil sie so viel erläuft und immer wieder mit Slice-Bällen agiert. Somit musst du jedes Mal aufs Neue unter der Ball und geduldig weiterspielen. Da ist viel Zeit, sich Gedanken über das Match zu machen. So eine Gegnerin hatte Jule in dieser Form noch nicht. Es ist für mich ein total offenes Duell mit leichten Erfahrungsvorteilen für Tatjana." 

Rittner sieht die zweifache Mutter im Duell mit Niemeier somit hauchdünn vorne. Aber: "Wenn sie das Match gewinnen will, dann muss sie das wieder über ihre Erfahrung machen. Wie gegen Ostapenko. Sie muss immer wieder das Beste aus der Situation herausholen. Das macht sie bislang beeindruckend bei diesem Turnier. Bei Jule ist die Frage, ob diese Unbeschwertheit, dieses 'im entscheidenden Moment, das eigene Spiel auf den Platz zu bringen', was sie bisher gegen Kontaveit oder Watson gezeigt hat, auch in einem Viertelfinale in Wimbledon funktioniert. Da bin ich sehr gespannt."

Schüttler erwartet also ein hochinteressantes, Rittner wiederum ein spannendes, ausgeglichenes deutsches Duell im Viertelfinale der Frauen in Wimbledon - wenn auch mit zarten Vorteilen für die erfahrenere Tatjana Maria. Jedenfalls wenn es nach Rittner geht.

Es wird sich zeigen, was sich am Ende durchsetzt: die jugendliche Unbekümmertheit von Niemeier oder die Erfahrung der 34 Jahre alten, Stress erprobten Zweifach-Mama aus Bad Saulgau.

Fest steht: Eine deutsche Spielerin wird auf jeden Fall ins Halbfinale von Wimbledon einziehen. So wie Angelique Kerber im vergangenen Jahr. Sie scheiterte dort an der späteren Turniersiegerin Ashley Barty. Freude bei den deutschen Tennis-Fans ist also garantiert.

Niemeier gegen Maria - es kann losgehen ...

Dominik Hechler / Alice Jo Tietje

Du willst die wichtigsten Sport-News, Videos und Daten direkt auf Deinem Smartphone? Dann hole Dir die ran-App mit Push-Nachrichten für die wichtigsten News Deiner Lieblings-Sportart. Erhältlich im App-Store für Apple und Android.