Nach zwei MVP-Titeln steht Giannis kurz vor seiner ersten Meisterschaft - Bildquelle: 2021 Getty ImagesNach zwei MVP-Titeln steht Giannis kurz vor seiner ersten Meisterschaft © 2021 Getty Images

München - Im Jahr 2013 draften die Milwaukee Bucks an 15. Stelle einen jungen, hochgewachsenen und sehr schlanken Power Forward aus der zweiten griechischen Liga. "Giannis An-te-to-koum-poooh" – so verkündet NBA-Commissioner David Stern den Spieler am Draft-Pult.

Die meisten Fans versuchen sich damals erst gar nicht an der Aussprache, stattdessen wird der damals 18-Jährige nur "The Alphabet" genannt. Dass daraus später einmal der "Greek Freak" wird, ahnt damals noch niemand.

Giannis Antetokounmpo – oder einfach nur Giannis – wird auf der Pressekonferenz von GM John Hammond als "besonderer Spieler" angekündigt, "der das Potenzial hat, eines Tages All Star zu werden."

Acht Jahre später fällt es einem fast schwer, ihm Recht zu geben. Denn heute ist Antetokounmpo nicht nur All Star, sondern im Alter von 26 Jahren kurz davor, ein NBA-Champion und damit fast sicherer Hall-of-Famer zu werden.

Hammonds Vorhersage, so hochgegriffen sie vielen Experten damals noch erschien, ist heute also nur noch als Understatement zu bewerten. Er rechnete aber wohl selbst nicht damit, dass Giannis sogar noch um fünf Zentimeter wachsen und einige Kilos schwerer werden würde.

Giannis Antetokounmpo: Zahlreiche Auszeichnungen und doch unvollständig

Ein Sieg in der Finals-Serie gegen die Phoenix Suns trennt ihn davon, den ersten NBA-Titel seit 1971 nach Milwaukee zu holen. Eine Meisterschaft, die Antetokounmpos Karriere schon sehr früh komplettieren würde. 

Trotz zahlreicher individueller Auszeichnungen - Most Improved Player 2017, MVP 2019 und 2020, Defensive Player of the Year 2020 und drei Nominierungen ins All NBA First Team – bekam Giannis in den letzten Jahren den Stempel eines Profis aufgedrückt, der spielerisch angeblich zu limitiert sei, um einen Titel zu holen.

Dem ein ähnliches Schicksal wie Allen Iverson, Steve Nash und Charles Barkley drohe, hieß es.

Eine glänzende Karriere ohne Ring.  

Giannis Antetokounmpo: Milwaukee Bucks helfen Giannis an den richtigen Stellen

Aufgrund seines schwachen Shootings müsse man lediglich eine Mauer in der Zone aufstellen, um ihn zu stoppen. In den Playoffs könne er mit seinem Spiel nicht dominieren, die starken Teams im Osten seien zu gut für die Bucks, die nur in der Regular Season performen können. Kritikpunkte gab es genug.

 

Einige legten dem Griechen sogar einen Wechsel nahe, denn in Milwaukee könne er nicht gewinnen, so der Tenor.

Es gab bis zu diesem Jahr nicht viele Gründe, um zu widersprechen, allerdings ist es in der heutigen NBA auch nahezu unmöglich, ohne ein bis zwei Co-Stars um den Titel mitzuspielen. Milwaukee hat gut auf die Kritik reagiert und in der Offseason Jrue Holiday verpflichtet, der als bester Guard-Verteidiger der Liga gilt und Giannis defensiv somit stark entlastet.

Außerdem sind mit Khris Middleton, Brook Lopez, P.J. Tucker, Bobby Portis, Donte DiVincenzo, Pat Connaughton und Bryn Forbes genug Schützen vorhanden, um dem "Greek Freak" das Shooting abzunehmen und stattdessen das starke Passing-Game des wertvollsten Spielers zu fördern.

"Wir müssen unsere Spieler dazu ermutigen, mehr Dreier zu nehmen, um das Spielfeld breiter zu machen und mehr Platz zu schaffen. Wir brauchen offene und gute Würfe. Das ist sehr wichtig für uns und die Qualität einiger Spieler", so Coach Mike Budenholzer im vergangenen Jahr.

Milwaukee Bucks liefern in Spiel 5 endlich ab

Die Bucks holten in der Saison zwar 46 Siege, schlugen die favorisierten Nets in den Playoffs mit 4:3 und führen in den Finals gegen die Suns mit 3:2, jedoch hat man das wahre Potenzial dieser Mannschaft erst im letzten Spiel gegen die Suns so richtig spüren können. 

 

Obwohl Phoenix um Superstar Devin Booker mit überragendem Shooting überzeugte und wohl gegen jeden anderen Gegner gewonnen hätte, hielten die Bucks mit ebenfalls heißen Händen Stand und zeigten, wie tödlich das Trio um Giannis, Middleton und Holiday sein kann, wenn alle gleichzeitig abliefern.

Zuvor war es nur der Grieche, der konstant starke Zahlen auflegte. Holiday und Middleton erlaubten sich in den gesamten Playoffs immer wieder Tage, an denen der Wurf wenig bis gar nicht fiel. 

Giannis Antetokounmpo: Final-Momente für die Ewigkeit

Gemeinsame 88 Punkte in Spiel 5, eine defensiv und offensiv nahezu perfekte Performance von Holiday und ein am offensiven Brett dominierender Giannis machten am Ende den Unterschied. Entsprechend symbolisch war die spielentscheidende Szene, in der Holiday Booker den Ball abnimmt und Giannis für einen "Alley Oop" zum 122:119 bedient. 

 

Die Sequenz und der anschließende Jubel des Franchise-Players, der sich beim Dunk noch gegen ein Foul von Chris Paul durchsetzen musste, wird wohl noch viele Jahre in Highlight-Videos der NBA-Finals zu sehen sein. Genau wie sein bereits ikonischer Block in Spiel 4 gegen DeAndre Ayton.

Es sind auch Final-Momente wie diese, die ein großer NBA-Spieler braucht, um zur absoluten Spitzenklasse der Liga-Geschichte zu gehören. Da wäre beispielsweise Jordans "Shot" gegen die Cleveland Cavaliers, LeBron James' Block gegen die Golden State Warriors und Allen Iversons "Step" gegen die Lakers.

Giannis hat in aufeinanderfolgenden Spielen gleich zwei ikonische Final-Momente gesammelt und darf somit ein weiteres Häkchen auf seiner Bucket-Liste setzen.

Giannis Antetokounmpo: Mit Demut und Bescheidenheit

Jetzt muss er nur noch dieses eine Heimspiel in Game 6 am frühen Mittwochmorgen gegen die Suns gewinnen, um auf eine Karriere zu blicken, die schon jetzt in die Hall of Fame gehört. Daran denkt der "Greek Freak" aber noch nicht. Das machte er in der Pressekonferenz nach Spiel 5 mit einer kleinen Rede klar, die auf Social Media genauso so rund gegangen ist wie seine Szenen auf dem Platz. 

 

Auf die Frage, warum er einer der wenigen Spieler sei, die ihr "Ego" im Griff hätten, antwortete er, er wolle sich weder auf die Vergangenheit noch auf die Zukunft konzentrieren, sondern ausschließlich in der Gegenwart leben.

"Wenn man auf die Vergangenheit guckt, ist das nur das Ego: 'Ich habe dies geschafft, das geschafft, jenes Team mit 4:0 besiegt und in der Vergangenheit gewonnen.' Wenn man sich auf die Zukunft konzentriert, spricht nur der Stolz: 'Im nächsten Spiel mache ich dies und das, ich werde dominieren!' Das passiert aber nicht. Du bist jetzt in dem Moment", sagte er.

Er wolle stattdessen mit Demut spielen und bescheiden bleiben. "Damit kreiert man keine Erwartungen an sich selbst, sondern genießt das Spiel und performt auf höchstem Level. Diese Einstellung habe ich versucht zu perfektionieren und bislang hat es geklappt. Ich werde damit nicht aufhören."

Erfolge und Niederlagen dürften nicht überbewertet werden, jetzt sei der Zeitpunkt, besonders diszipliniert zu sein. "Der Coach, Khris Middleton, Jrue Holiday und ich haben diese Mentalität, das überträgt sich auf das Team."

Giannis Antetokounmpo und Khris Middleton: Von der Pleite-Franchise in die Finals

In der Tat haben die Bucks gelernt, Ergebnisse – egal in welche Richtung – nicht allzu hoch zu hängen. Regular Seasons mit dem besten Record der Liga endeten für Milwaukee teilweise früh in den Playoffs und auch schlechte Saisons sind dem Team nicht unbekannt. Giannis und Co-Star Middleton beendeten ihre erste Saison bei den Bucks 2013/2014 mit 15-67.

Das sind genauso viele Siege wie in den diesjährigen Playoffs: 15-7. 

 

Das Team tut also gut daran, der Marschrichtung des Anführers zu folgen und Spiel 6 "im Hier und Jetzt" zu spielen. Es kann schnell bergauf und genauso schnell bergab gehen. Verlieren die Bucks ihr Heimspiel, würde das entscheidende siebte Spiel wieder in Phoenix stattfinden, das Momentum würde sich drehen und aus "Giannis dem Helden" könnte erneut ein Giannis werden, der in den alles entscheidenden Momenten nicht da ist.

Der veränderte Lauf der Finals würde auch den Block und den Dunk vergehen lassen. Es bliebe nur ein erneut geschlagener MVP. 

Wie auch immer die Finals enden: Aus "Giannis An-te-to-koum-poooh" ist ein Superstar geworden, dessen Name zwar immer noch nicht jeder aussprechen kann, aber den jeder kennt. Der seine vielen individuellen Auszeichnungen endlich vergolden kann und der gezeigt hat, dass er sehr wohl in Milwaukee gewinnen kann. 

Es ist nur noch dieser eine Sieg, der ihm fehlt. 

Tim Althoff

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