Shaquem Griffin: Sein NFL-Traum lebt. - Bildquelle: imago/ZUMA PressShaquem Griffin: Sein NFL-Traum lebt. © imago/ZUMA Press

München - Eine fast schon unheimliche Entschlossenheit legte Shaquem Griffin schon im zarten Alter von vier Jahren an den Tag.

Er war ein Kleinkind. Dafür aber zu allem bereit. Zum Äußersten. Denn der Knirps stand damals in der Küche vor seiner eigenen Mutter. Mit einem Messer in der Hand. Kurz davor, sich die linke Hand abzuschneiden.

Denn der kleine Mann litt aufgrund des sogenannten Amniotischen-Band-Syndroms unter höllischen Schmerzen.

1999 war das, als Shaquem schließlich die linke Hand amputiert wurde. Doch das ist längst Vergangenheit. 18 Jahre später steht der heute 22-Jährige auf dem Sprung in die NFL. Er hat zwar nur noch eine Hand, doch mit der greift er zielstrebig nach den Sternen. Als wäre es das Normalste auf der Welt, einen Sport wie Football mit nur einer funktionstüchtigen Hand zu spielen.

Es ist eine dieser heroischen Geschichten, irgendwo zwischen Kitsch und Märchen, die der Sport so gerne schreibt. Geschichten, die die Menschen lieben. Geschichten, denen man nichts weniger als ein Happy End wünscht. Wo man sich zwangsläufig fragt: Wo kommt diese Entschlossenheit, dieser Wille her?

Die Eltern spielten dabei eine große Rolle. Es wäre leicht gewesen, Shaquem zu bevorzugen. Immerhin hat er einen um 60 Sekunden älteren Zwillingsbruder, Shaquill, kerngesund. Vater Terry behandelte beide gleich, wenn er mit ihnen Bälle warf. Wenn er sie hart warf.

Keine Ausreden

"Er wollte nicht, dass ich irgendwelche Ausreden suche, warum ich den Ball nicht gefangen habe", erinnert sich Shaquem bei Sports Illustrated. Er gibt zu: "Ich habe einige Bälle ins Gesicht bekommen, bevor ich gelernt habe, sie zu fangen." Als er mit Zwölf Running Back werden wollte, schnappte sich Vater Terry seinen Filius und wirbelte und schleuderte ihn in der Luft herum. Den Ball sollte Shaquem dabei in der Hand behalten um zu beweisen, dass er sich gegen die Defense durchsetzen kann. Shaquem ließ den Ball nicht los.

Er musste vieles anders lernen. Trotzdem lernte er vor seinem Bruder, wie er sich die Schuhe bindet. Auf Bäume kletterte er ebenfalls früher als Shaquill, der aber sportlich stets die Nase vorne hatte.

Vater Terry baute Shaquem auf ihn zugeschnittene Fitness-Geräte, damit er sich ab der Highschool körperlich auf die Football-Laufbahn vorbereiten konnte. Bevor es auf das College ging, schwörten sich die Brüder eine Sache: Sie wollten zusammenbleiben. Das bedeutete: Shaquem und Shaquill gab es für interessierte Colleges nur im Doppelpack.  

Die University of Central Florida schlug zu und gab den Brüdern ein Stipendium, doch während Shaquill drei Jahre lang regelmäßiger Starter war, spielte Shaquem, wenn überhaupt, nur im Special Team. 2015 änderte sich mit dem Rücktritt des damaligen Head Coaches alles.

Das neue Trainerteam sah Shaquem mit anderen Augen, bemerkte zunächst gar nicht, dass ihm eine Hand fehlte. Stattdessen fand der neue Head Coach Scott Frost in der Defense einen Platz für Shaquem als Linebacker. "Es gibt keinen Spieler, den ich trainiert habe, der mehr trainiert als er", sagt Frost über Shaquem.

Durchbruch 2016

Der schaffte den Durchbruch: 2016 wurde er nach 92 Tackles, 11,5 Sacks und einer Interception zum "Defensive Player of the Year" der AAC gewählt. In dem Jahr brachte er das Kunststück fertig, nach dem Bruch seiner rechten Hand trotzdem aufzulaufen und praktisch ohne Hand zu spielen. Auch 2017 kann sich Shaquems Statistik sehen lassen, mit den Knights schaffte er den Sprung in den Peach Bowl, wo am 1. Januar die Auburn Tigers die Gegner sind.

Shaquem denkt aber schon weiter, er will wieder zu seinem Bruder. Denn Shaquill lebt den NFL-Traum als Rookie der Seattle Seahawks bereits.

Shaquems große Stunde soll beim Draft 2018 steigen. Es wird wohl wie so oft laufen. Ein Blick auf die Stelle, wo seine linke Hand sein sollte und Augen, die sagen: "Nein, der auf keinen Fall." Eine Situation, die Shaquem schon oft erlebt hat. Er wünscht sich geradezu, dass es wieder passiert. "Ich bin bereit, seit ich ein Kind bin", sagt er: "Ich warte nur darauf, dass jemand sagt: 'Du kannst es nicht'".

Es ist diese unheimliche Entschlossenheit, die er schon hatte, als er vier Jahre alt war.

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